1 00:00:02,060 --> 00:00:21,560 Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem zehnten Podcast. Das letzte Mal habe ich euch davon erzählt, wie es sich anfühlt, wenn sich Selbstzweifel und Mangel des Selbstvertrauen über das ganze Leben legen, weil wir uns nicht trauen, uns auf unsere Selbstwahrnehmung zu verlassen. 2 00:00:22,280 --> 00:00:37,520 Es ist schwer, uns selbst zu glauben, wenn uns andere nicht glauben. Und von diesem Punkt aus mache ich diesmal gleich weiter. Heute geht es um Reizüberflutung. Stell dir vor, du bist in einer dich überfordernden Situation. 3 00:00:38,780 --> 00:00:51,860 Viele Menschen, vielleicht Schlange stehen, Musik, jemand schreit, du bist eh schon müde, jemand will etwas von dir. Denk dir etwas aus, egal was es ist, es ist einfach zu viel. 4 00:00:51,860 --> 00:01:04,780 Du bist aber eingespannt und kannst da, so denkst du, jetzt nicht einfach weg. Du wartest und wartest und der innere Stress drückt immer mehr, bis du es nicht mehr raushältst. 5 00:01:05,780 --> 00:01:20,040 Dein Ich-Kann-Nicht-Mehr klingt jammerig oder wehleidig und du schämst dich, dass du nicht mehr kannst, wo augenscheinlich die anderen immer noch fit sind und kein äußeren Grund Anlass gibt, die Aktion abzubrechen. 6 00:01:20,400 --> 00:01:36,760 Du hast das. Manchmal hältst du aber auch weit über deine Grenzen hinaus immer noch weiter aus, obwohl du längst nicht mehr kannst. Es wird dir vielleicht schlecht oder du hast Kopfweh, aber du sagst nichts, weil die anderen ja doch nicht verstehen, was du meinst. 7 00:01:37,220 --> 00:01:56,280 Ist doch alles gar nicht so schlimm. Ist doch schön hier. Beides habe ich so oft erlebt, dass es zu meiner eigenen Normalität wurde, meine Grenzen zu missachten, weil es irgendwann mein Normal geworden ist, meine Überforderung zu ignorieren und meine Bedürfnisse und meine Grenzen im Unsichtbaren versicken zu lassen. 8 00:01:57,500 --> 00:02:12,639 Ganz lapidar gesagt bin ich daran also selbst schuld, denn ich habe es ja mit mir machen lassen, was so natürlich nicht stimmt, klar. Aber wo fangen wir da an? Zu lernen, eigene Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, ist eins. 9 00:02:12,940 --> 00:02:27,880 Darüber habe ich das letzte Mal ein wenig gesprochen. Das andere ist, zu ihnen zu stehen. Auch der Scham zum Trotz. Beides übe ich noch. Und ich hoffe sehr, du brauchst dafür nicht so lange wie ich, dir deinen Raum zu nehmen. 10 00:02:28,520 --> 00:02:44,760 Denn wir, die wir so sind, wie wir sind, haben genauso viel Recht auf Raum und auf so sein dürfen, wie jeder andere Mensch, auch wenn wir womöglich auffallen oder anecken oder nicht auf Anhieb verstanden werden." Klammer auf. 11 00:02:45,540 --> 00:02:59,120 Etwas, das ich übrigens immer ein wenig paradox finde. Den neurotypischen Menschen wird ja nachgesagt, dass sie andere Menschen spontan verstehen, dass sie Körpersprache, Bimik und Aussagen auf Anhieb richtig deuten. 12 00:02:59,120 --> 00:03:16,440 Warum also immer dieser Eiertanz, dass wir Neurotypischen so schwer zu verstehen seien? Ich persönlich vermute ja, dass neurotypische Menschen eben gar nicht so allverstehend sind, wie es heißt, sondern dass sie eben vor allem andere neurotypische Menschen lesen können. 13 00:03:17,360 --> 00:03:18,020 Klammer zu. 14 00:03:19,680 --> 00:03:32,400 Aus meiner Sicht macht vermutlich unsere Art der Reizwahrnehmung den größten Unterschied zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen aus, wie wir auf Reiz reagieren und mit ihnen umgehen. 15 00:03:33,560 --> 00:04:04,220 Ich erzähle aus persönlicher Sicht und fasse aber auch ein wenig Allgemeines zusammen und was ich bei anderen beobachtet und von ihnen erzählt bekommen habe. Grundsätzlich nehmen wir unsere Umwelt bedrohlicher wahr als normtypische Menschen, denn in unseren Rucksäcken tragen wir viele Erfahrungen mit uns herum, in denen wir unsere Umwelt auf die eine oder andere Art als unfassbar und unkontrollierbar erlebt haben, was sie für uns eben irgendwie bedrohlich macht. 16 00:04:04,920 --> 00:04:23,480 Was außerhalb unserer sicheren Räume geschieht, ist nicht vorhersehbar. Wir sind mit nicht planbaren Dingen konfrontiert und wir werden höchstwahrscheinlich Menschen begegnen, auf diese wir möglichst angemessen und angepasst, normtypisch eben, reagieren sollen. 17 00:04:24,760 --> 00:04:37,260 All das belastet uns, je nach Tagesform, mehr oder weniger heftig, im Voraus ebenso wie in der Situation selbst. Angefangen bei all den Geräuschen, sobald wir unsere Wohnung verlassen. 18 00:04:38,080 --> 00:05:00,440 Dieser Lärm auf der Straße oder auf dem Spielplatz gegenüber. Menschen, die reden. Menschen, die sich etwas zurufen, die kreischen, die schreien, aufs Gas drücken, dazu die ganzen Gerüche, die alle gleichzeitig auf uns einwirken, Blüten, Abgase, Parfüms, Hundekot und das alles gleichzeitig und ohne dass wir es sortieren können. 19 00:05:02,580 --> 00:05:16,740 Je sensibler die Reizfilter eines Menschen sind, desto aufwendiger ist die Verarbeitungsleistung unseres Hirns. Und je aufwendiger diese Leistung, desto schneller ist der Arbeitsspeicher des Gehirns überlastet. 20 00:05:17,760 --> 00:05:35,080 Mein Rechner der Gute schließt in solchen Fällen selbstständig ein paar Programme, damit er wieder in Ruhe weiterarbeiten kann. Das würde ich auch gern können. Weil ich es aber leider nicht kann, überlege ich es mir also jedes Mal gut, ob ich das Haus verlassen soll. 21 00:05:36,000 --> 00:05:55,220 Soll, will oder muss ich es? Denke ich vorher möglichst detailliert und ausführlich über den Weg nach, den ich gehen werde. Wohin gehe ich? In welche Reihenfolge? Wo kann ich zwischendurch allenfalls durchatmen, mich sammeln, wenn ich mit der Reizfühle Probleme habe? 22 00:05:56,180 --> 00:06:07,220 Ich denke ganz bewusst über Prioritäten nach, was mir als ADHS-Lehrerin nicht unbedingt leicht fällt. Was muss ich erledigen, was kann ich schlimmstenfalls weglassen? 23 00:06:09,080 --> 00:06:20,940 Über AutistInnen wird oft gesagt, dass sie sich isolieren oder dass sie sich nicht sozial kompetent verhalten, weil unser sozialer Bedarfanschau sieht als der neurotypischer. 24 00:06:21,900 --> 00:06:39,220 Es ist nicht generell so, dass wir keine sozialen Kontakte mögen, aber wir haben es gern überschaubar und vorhersehbar. Ich weiß gern vorher, mit wem ich es zu tun haben werde, damit ich mir auch im Voraus schon überlegen kann, worüber ich allenfalls reden könnte. 25 00:06:39,860 --> 00:06:54,720 Und damit ich meine Energie einteilen kann. Aber Achtung, diese Autismus-typische Vermeidung unvorhersehbarer sozialer Interaktion ist nicht mit einer Sozialphobie gleichzusetzen. 26 00:06:56,100 --> 00:07:04,300 Es ist aber eben so, dass wir uns gern darauf vorbereiten, weil uns Vorbereitung ein bisschen sicherer fühlen lässt. 27 00:07:06,560 --> 00:07:31,500 Ich überlege mir wirklich gern im Voraus, wie ich mich verhalten, wie ich reagieren soll, wenn es mir zu viel zu werden droht. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass sich tatsächlich aus einer neurodivergenten Reizvermeidung eine Angststörung entwickeln kann, zumal autistische Menschen oft viele schlechte soziale Erfahrungen sammeln und gesammelt haben. 28 00:07:32,060 --> 00:07:44,400 Es ist darum ganz wichtig zu verstehen, dass soziale Angst für sich gesehen kein Symptom von Autismus ist, eine soziale Angststörung aber auch bei AutistInnen durchaus entstehen kann. 29 00:07:45,520 --> 00:07:59,260 Zur Differenzierung: Eine autistische Person kann in sozialen Situationen sensorisch so überfordert sein, dass sie nicht mehr adäquat und sozial verträglich reagieren kann, womöglich sogar panisch. 30 00:07:59,840 --> 00:08:12,000 Eine sozial ängstliche Person hat umgekehrt zwar keine sensorischen Probleme, zieht sich aber in einer stressigen sozialen Situation aus Angst, beurteilt oder verurteilt zu werden zurück. 31 00:08:12,000 --> 00:08:27,160 So ähnlich wie mit den Ängsten verhält es sich übrigens auch mit Zwängen oder zum Beispiel mit der Hypervigilanz. Es gibt einige Symptome und Eigenschaften, die typisch autistisch sind, die jedoch auch andere Ursachen haben können. 32 00:08:27,820 --> 00:08:49,940 Gerade Hypervigilanz kann nämlich auch als Traumafolgestörung auftreten. Dieser Begriff steht übrigens für eine Superwachheit. Es ist eine stark erhöhte Aufmerksamkeit die Bereitschaft, jederzeit auf einen unerwünschten Reiz irgendwie reagieren zu können, wie zum Beispiel sich vor einer unerwünschten Berührung wegducken zu können. 33 00:08:51,020 --> 00:09:05,240 So gibt es mehrere Symptome, die im Grenzbereich anderer Diagnosen auftreten und zugleich typisch für Neurodivergenz sein können. Übrigens etwas, das Diagnostik in alle Richtungen sehr herausfordernd macht. 34 00:09:06,600 --> 00:09:19,220 Nach diesem kleinen Exkurs in den Bereich der Komorbiditäten geht es jetzt wieder zurück zum eigentlichen Thema der heutigen Folge, nämlich der starken Reizwahrnehmung, der Reizüberflutung. 35 00:09:19,960 --> 00:09:34,180 Im Spektrum gibt es auch das andere Extrem zur starken Reizwahrnehmung, eine extrem schwache Reizwahrnehmung. Weil ich darüber aber nicht aus eigener Erfahrung reden kann, lasse ich es bei dieser kurzen Erwähnung bleiben. 36 00:09:35,460 --> 00:09:46,880 Aus eigener Erfahrung kann ich nur über die hohe Reizoffenheit sprechen, diese intensive, sinnliche Wahrnehmung vieler gleichzeitiger Reize, die viele neurodivergente Menschen verbindet. 37 00:09:47,720 --> 00:10:01,740 Jene Filter, die bei neurotypischen Menschen dafür sorgen, Wichtiges von Unwichtigem trennen zu können, fallen bei uns sozusagen weg. Das erklärt womöglich, warum wir uns nach reizarmen Umgebungen sehnen. 38 00:10:02,880 --> 00:10:15,360 Wenn mich also eine Freundin ins Restaurant einladen will, juble ich nicht, wie es vielleicht andere Menschen tun würden, sondern denke, wie komme ich jetzt, ohne sie zu verletzen, wieder aus dieser Nummer heraus. 39 00:10:17,660 --> 00:10:27,460 Restaurants bedeuten für mich, dass ich nicht nur etwas essen sollte, das ich nicht selbst zubereitet habe? Und hier kommen bei mir noch meine Unverträglichkeiten ins Spiel. 40 00:10:28,580 --> 00:10:40,440 Es bedeutet aber vor allem, dass ich mich in einer nicht kontrollierbaren Umgebung aufhalten soll, die mir fremd ist und die mich in vielerlei Art, Reiz überfluten wird. 41 00:10:41,460 --> 00:10:58,980 Olfaktorisch ebenso wie akustisch und visuell. Ich habe im Voraus und in Echtzeit keinen Einfluss darauf, wie sehr mich das alles stressen wird. All das ist ja auch immer unterlegt mit menschlichem Dauergemurmel und womöglich noch mit Musik. 42 00:10:59,780 --> 00:11:09,700 Wie soll ich mich da auf meine Gesprächspartnerin einlassen und konzentrieren können, die ich womöglich nicht mal akustisch wirklich gut verstehen kann, weil es so laut ist. 43 00:11:10,580 --> 00:11:15,820 Doch dazu wären wir ja eigentlich hier. Naja, Genuss geht anders. 44 00:11:17,520 --> 00:11:33,340 Die Erfahrung zeigt, dass ich mich für ein paar Stunden sehr intensiv zusammenreißen kann, doch hinterher bin ich so erschöpft, dass ich jedes Mal vor solchen Aktionen sehr abwäge, ob ich den Preis dafür hinterher zu zahlen bereit bin oder auch kann. 45 00:11:34,200 --> 00:11:49,200 Einen Tag Nachbearbeitung und Reizverarbeitung für ein paar Stunden Reizüberflutung im Restaurant. Ist das der Preis wert? Ja, ich mag Musik, aber nicht das Hintergrund mit Menschengemurmel im Vordergrund. 46 00:11:49,860 --> 00:12:05,440 Und auch Menschen mag ich, aber nicht in dieser geballten Ladung. Natürlich mag ich auch essen, aber bitte nicht tausend Gerüche gleichzeitig. Ein Restaurantbesuch ist in mir drin ein stetiger Kampf zwischen Contenance bewahren und Fluchtimpuls. 47 00:12:06,540 --> 00:12:12,620 Inzwischen kommt es dazu aber zum Glück kaum mehr, da ich schon im Voraus meine Grenzen anspreche. 48 00:12:14,380 --> 00:12:32,080 Nach längerer sensorischer Reizüberflutung bekomme ich zuweilen Kopfweh und meine Histaminintoleranz wird noch intoleranter und zickiger als sonst. Vor allem aber kann ich nicht abschalten, mich nicht entspannen und nicht einfach einschlafen, weil das Herz gefühlt rast. 49 00:12:32,380 --> 00:12:39,720 Im Kopf dreht sich eine Endlosschleife, in der die Gespräche und Begegnungen repetiert werden. Wieder und wieder. 50 00:12:41,640 --> 00:12:55,020 Inzwischen sage ich immer häufiger, wenn ich nicht mehr kann. Immer häufiger erlaube ich mir, zu diesem Bedürfnis und zu jener Grenze zu stehen. Ich gestalte von vornherein das Setting für ein Treffen mit. 51 00:12:55,680 --> 00:13:08,600 Am liebsten im privaten Raum. Das wissen inzwischen die meisten Menschen in meinem Freundinnenkreis. Doch in der Verwandtschaft besteht leider wenig Verständnis für meine Situation und für meine Begrenztheit. 52 00:13:09,180 --> 00:13:19,200 Dazu kommt meine, im Grunde unberechtigte, Scham für mein So-Sein. Auch darum bevorzuge ich meine Wahlfamilie. Da kann ich einfach sein, wie ich bin. 53 00:13:20,920 --> 00:13:33,680 Das Vorurteil, AutistInnen seien nicht sozial, wird durch Situationen wie der eben geschilderten gefüttert. Dabei sind wir gar nicht nicht-sozial, sondern nur anders-sozial. 54 00:13:34,120 --> 00:13:55,320 Ich persönlich mag das Kleine, das Unmittelbare, das Authentische, das Reizarme, leise Umgebungen. Und wenn das gegeben und wenn das möglich ist, bin ich durchaus sozial, wenn auch in einem befristeten Zeitfenster und in vielleicht nicht immer ganz für alle nachvollziehbarem 55 00:13:57,920 --> 00:14:04,220 AutistInnen können den öffentlichen Raum selten genießen, denn die Fülle ist einfach zu groß. 56 00:14:05,580 --> 00:14:18,780 Manchmal denke ich, dass uns der öffentliche Raum behindert, denn wenn Menschen aus dem öffentlichen und sozialen Leben ausgeschlossen werden, weil sie die Reize und den Lärm nicht ertragen, ist das für uns faktisch behindernd. 57 00:14:19,560 --> 00:14:33,260 Wir sind behindert, weil wir behindert werden, salopp gesagt. Wenn wir uns immer weiter anpassen und verbiegen, wird sich daran nichts ändern. Ich bin darum so froh, dass wir nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor zehn Jahren. 58 00:14:34,020 --> 00:14:47,080 Dass es inzwischen eine Blase gibt, dass es andere Menschen gibt, dass ich andere Menschen kenne, die gerade ähnliche Erfahrungen sammeln. Sich vernetzen, darüber reden und sich austauschen hilft. 59 00:14:48,060 --> 00:14:52,700 Unser Bedürfnis ernst zu nehmen hilft. Weiterzumachen hilft. 60 00:14:54,060 --> 00:15:06,000 Und das war's auch schon für heute. Fortsetzung folgt. Und falls ihr konkrete Fragen und Themenwünsche habt, schreibt mir bitte gern. Ich bin offen für Anregungen und Rückmeldungen aller Art. 61 00:15:06,640 --> 00:15:10,840 Ich danke euch herzlich fürs Zuhören. Ciao und bis zum nächsten Mal.