1 00:00:03,250 --> 00:00:07,530 Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 18. Podcast. 2 00:00:08,910 --> 00:00:19,850 Ist es nicht so, dass es letztlich immer darauf hinausläuft, einen möglichst stressarmen und friedlichen Umgang mit dem Leben und all den vielfältigen Herausforderungen zu lernen? 3 00:00:20,730 --> 00:00:43,850 Bei mir auf jeden Fall. Ich habe in den letzten 2-3 Jahren so viel Neues über mich und über das Leben im Spektrum herausgefunden und tue es noch, dass ich immer noch damit beschäftigt bin, mich zu sortieren und nach einem möglichst guten Umgang zu suchen, um mit all dem Wissen und mit all den neuen Erfahrungen ein gutes, friedliches Leben zu leben. 4 00:00:44,990 --> 00:01:03,650 Dabei geht es letztlich, und jetzt spoilere ich schon mal das Zauberwort, um Vertrauen. in dieser Folge und im Leben ganz allgemein. Zum einen um Vertrauen in andere, in ihre Entscheidungen und in ihre Reife mit meinem neuen So-Sein klar zu kommen. 5 00:01:04,410 --> 00:01:18,150 Die können das nämlich. Zum anderen geht es aber auch ganz fest darum, mich zu trauen, mich anderen immer unmaskierter und schamloser zuzumuten, insbesondere meinen Herzmenschen. 6 00:01:19,230 --> 00:01:32,210 Es geht immer wieder darum, mir mehr und mehr selbst zu vertrauen. Ich hübe da noch sehr, weshalb es mir immer wieder so gut tut, wenn andere mir zutrauen, dass ich auf einem guten Weg bin. 7 00:01:33,130 --> 00:01:46,010 Solche Ermutigung füttert ganz konkret mein Vertrauen in mich selbst und ermächtigt mich, so zu leben, wie es mir gut tut. Wenn wir im Kreis herum vertrauen, kommt das Vertrauen nämlich auch zu uns zurück. 8 00:01:46,590 --> 00:01:49,450 So erlebe ich es jedenfalls im Kleinen immer wieder. 9 00:01:51,110 --> 00:02:13,990 Vor zwei, drei Jahren, in der Zeit, bevor und während meiner ADHS-Diagnostik, hatte ich damit angefangen, mich in die Thematik Neurodiagenz einzulesen. Zuerst eigentlich nur über ADHS, weil dieser Verdacht so ziemlich offensichtlich war und die Diagnostik für mich vorab mehr so als eine Art Bestätigung dachte. 10 00:02:14,850 --> 00:02:26,790 Damals begann ich mich in die entsprechenden Blasen im Verdiversum einzubringen, Fragen zu stellen, Persönliches zu teilen und erste Kontakte zu anderen Betroffenen zu knüpfen. 11 00:02:27,990 --> 00:02:48,190 Mir wurde rasch klar, dass ich viele Begriffe, die die Runde machten, nicht kannte. Dass mir damals aber vor um Inhaltliches als um das Begreifen von ADHS an sich und was es bei mir eigentlich genau auslöst, gegangen ist, konnte ich mich noch nicht so recht auf das neue Vokabular einlassen. 12 00:02:49,170 --> 00:03:00,550 Es dauerte auch noch eine ganze Weile, bis ich den Unterschied zwischen Neurodivers und Neurodivergent verstand. Falls es dir auch so geht, dann ist das hier für dich. 13 00:03:02,890 --> 00:03:20,730 Neurodiversität, respektive Neurodivers feiert die Vielfalt neurologischer Entwicklungen als Teil des Menschenspektrums. Neurodivergenz und Neurodivergent beschreibt neurologische Abweichungen von der Norm. 14 00:03:22,490 --> 00:03:43,910 Diese Kurzerklärung habe ich auf neurodivergent-zurich.ch gefunden. Neurodiversität betrifft sozusagen alle. Denn keine zwei Hirne sind gleich, während neurodivergente Hirne sich von sogenannten normalen Hirnen strukturell und funktionell unterscheiden. 15 00:03:45,010 --> 00:03:59,030 Bei näherer Recherche stellte ich schließlich fest, dass ich die meisten Begriffe, die im neurodivergenten Vokabular vorkamen, inhaltlich bereits kannte, nur eben ohne ihren meist englischen Namen zu kennen. 16 00:03:59,030 --> 00:04:12,090 Ich begriff, dass vieles, das ich im Laufe meines Lebens erlebt hatte, einen Namen hat und teils sogar typisch für mein Neurodivergenzsein ist. Was für eine große Erleichterung. 17 00:04:12,870 --> 00:04:23,950 Auch, dass ich damit nicht allein war. Je tiefer ich in die Materie eintauchte, desto mehr überkam ich das gut Gefühl, endlich zu verstehen, warum ich bin, wie ich bin. 18 00:04:23,950 --> 00:04:33,050 Nicht wegen der Begriffe, sondern wegen ihrer Inhalte und weil sich mir endlich Zusammenhänge erschlossen, die ich bis dahin gar nicht gesehen hatte. 19 00:04:34,470 --> 00:04:47,070 Wenn wir heute über das reden wollen, was gut tut, müssen wir wohl auch darüber reden, was nicht gut tut oder was passiert, wenn ich mich zu lange in einer unguten Umgebung aufhalte. 20 00:04:47,070 --> 00:05:00,970 Hier kommen die Begriffe Overload, Meltdown, Shutdown und auch autistischer Burnout ins Spiel, welche für sehr typische Krisensituationen bei Menschen im Spektrum verwendet werden. 21 00:05:02,810 --> 00:05:15,510 Diese Begriffe waren mir ebenfalls inhaltlich bekannt, während mir die Namen noch nicht bewusst waren. Es war ja eh schon peinlich genug für mein früheres Ich, dass ich solche Grenzerfahrungen überhaupt machen musste. 22 00:05:17,350 --> 00:05:36,870 Overloads, Reizüberflutungen begleiteten mich mein ganzes bewusstes Leben lang. Immer wieder fühlte ich mich wie ein überlaufendes Gefäß. Entweder war der Zufluss, der für andere Menschen kein Problem darstellte, für mich viel zu stark oder aber mein Gefäß war zu klein. 23 00:05:37,910 --> 00:05:50,070 Vermutlich oft aber auch beides. Jedenfalls zieht sich dieses Gefühl von «Nein, halt, stopp, genug» wie ein roter Faden durch mein Leben. Viel zu oft, viel zu viele Reize. 24 00:05:50,570 --> 00:05:56,090 Zu laut, zu heiß, zu kalt, zu hell, zu stinkig, zu unruhig, zu vielen Menschen. 25 00:05:57,630 --> 00:06:15,310 Man konnte es mir einfach nicht recht machen. Schon als Kind und Jugendliche habe ich mich bei Reizüberlastung in Bücher geflüchtet. Andere Geschichten halfen mein Alltag desto viel, dank anderer Alltage und dank anderer Abenteuer auszuhalten. 26 00:06:16,430 --> 00:06:24,950 Die nächste Krisenstufe nennt sich Meltdown, respektive Kernschmelze. Dieser Zustand kann sehr unterschiedlich aussehen. 27 00:06:26,590 --> 00:06:40,770 Ich für mich habe gelernt, nur innerlich zu schmelzen. Als Kind, Daran erinnere ich mich, habe ich ziemlich viel geweint, wenn mir alles zu viel wurde. Manchmal laut, meistens aber still für mich. 28 00:06:41,070 --> 00:07:05,790 Rückzug half. Als Erwachsene lernte ich unter viel Schmerz auf die Zähne zu beißen. Heute will und kann ich das nicht mehr, vor allem weil mir dazu die Energie fehlt. Doch weil ich inzwischen Overloads ernst nehme und mir meistens schon im wachsenden Overload-Modus oder sogar im Voraus Exitstrategien überlege, habe ich kaum mehr Meltdowns. 29 00:07:06,530 --> 00:07:15,110 Auch Shutdowns hatte ich früher, ohne ihren Namen zu kennen. Tatsächlich erinnere ich mich allerdings und zum Glück nur an eine Handvoll. 30 00:07:16,530 --> 00:07:30,930 Bei meinem letzten Shutdown, an den ich mich erinnern kann, saß ich auf meinem Küchenstuhl und konnte mich nicht mehr rühren. Bald sind es 10 Jahre her und ich befand mich in einer absoluten und akuten Ausnahmesituation. 31 00:07:31,910 --> 00:07:38,790 Ich war resigniert, deprimiert und die Arbeit überforderte mich, zwar nicht inhaltlich aber doch strukturell. 32 00:07:40,370 --> 00:07:53,030 Arbeitsweg, Teamzusammensetzung und subtiles Mobbing hatten mich ausgehüllt und alles war mir über den Kopf gewachsen. Ich hatte es zwar vom Bett auf den Küchenstuhl geschafft, doch nun ging nichts mehr. 33 00:07:53,450 --> 00:07:56,570 Ich hatte keine Macht mehr über die Muskeln meiner Arme und Beine. 34 00:07:57,910 --> 00:08:08,570 Mein Partner half mir, als ich mich mit größter Willensanstrengung ein wenig erheben konnte, aufs Sofa. Wie viele Stunden ich dort saß oder viel mehr lag, weiß ich nicht mehr. 35 00:08:10,350 --> 00:08:35,270 Shutdown. Notabschaltung. Mein System brauchte Zeit, sich von alledem zu erholen. Das war der Anfang meiner bisher längsten, einer mehrmonatigen Depression. Im Rückblick weiß ich, dass es ein autistisches Burnout gewesen sein muss, denn in meiner Erinnerung fehlte dieser Depression die sonst übliche Hoffnungslosigkeit. 36 00:08:35,270 --> 00:08:49,010 Natürlich hatte ich eine Sinnkrise, aber es waren eher die gefühlte soziale Überforderung, dazu generelles Unverständnis und das Gefühl, am falschen Ort zu sein, die meine Grübeleien antrieben. 37 00:08:50,409 --> 00:09:04,390 All das ist typisch für ein autistisches Burnout, wie ich heute weiß. So ähnliche Situationen hatte ich an früheren Arbeitsstellen auch schon erlebt, Aber bei dieser einen Arbeitsstelle war alles so heftig wie nie zuvor. 38 00:09:05,630 --> 00:09:22,150 Als ich diese Begriffe neulich etwas tiefer recherchierte, um besser zu verstehen, wie das alles zusammenhängt und was es mit mir zu tun hat, bin ich auf einen neuen Begriff gestossen, der zwar ebenfalls vom Begriff her neu für mich war, nicht aber inhaltlich. 39 00:09:22,370 --> 00:09:48,050 Vielleicht hast du auch schon einmal davon gehört. Die Late-After-Effekt, auf Deutsch, verzögert die Nachwirkung. Es wird dem Meltdown zur Seite gestellt, also auf die gleiche Stufe, und bedeutet, dass wir auch Stunden später nach einem anstrengenden Erlebnis Reizüberflutungsreaktionen haben können, oft ganz und gar nach außen unsichtbar. 40 00:09:49,710 --> 00:10:04,530 Selbstverständlich sind diese Begriffe und ihre Definitionen immer nur eine Art Modell, denn jeder Mensch im Spektrum ist anders und reagiert anders. Manche schön nach Lehrbuch, in dieser Reihenfolge, die ich eben aufgezählt habe, andere anders. 41 00:10:05,210 --> 00:10:11,070 Manche lassen den Meltdown aus und fallen direkt in die Notabschaltung, wenn ihnen alles zu viel wird. 42 00:10:12,450 --> 00:10:32,150 Über den Delayed After-Effekt, also die verzögerte zeitversetzte Nachwirkung nach einer Reizüberflutung, habe ich schon vor vielen Jahren in mein Tagebuch geschrieben und mit meiner Therapeutin gesprochen, nur dass ich eben noch keine Begriffe dafür hatte und noch gar nicht wusste, warum ich es so und so erlebe. 43 00:10:33,750 --> 00:10:55,790 In reizüberflutenden Situationen habe ich früher zusätzlich oft dissociiert, mich quasi nebendran gesetzt und meinem überfluteten System wie von außen zugeschaut. Eine Art Schutzmechanismus, der sich je länger, je mehr von mir verabschiedet hat, seit ich immer weniger maskiere und seit ich Overloads von vornherein auf den Weg gehe. 44 00:10:58,260 --> 00:11:12,960 Vielleicht ließ es sich sagen, dass Behinderung im Spektrum vor allem bedeutet, ohne Vermeidung kaum Lebensqualität zu haben, wobei allerdings ja auch die Vermeidung eine Lebensqualitätsminderung darstellt. 45 00:11:13,680 --> 00:11:15,260 Ein Paradoxon also. 46 00:11:17,940 --> 00:11:30,840 Dennoch ist es viel besser und gesünder für mich, reizüberflutende Situationen von vornherein zu vermeiden oder aber unbedingt schon im Voraus für Rückzugsmöglichkeiten zu sorgen. 47 00:11:32,360 --> 00:11:35,740 Das ist immer besser als erst in der Situation selbst zu handeln. 48 00:11:37,640 --> 00:11:57,420 Es stellt eine Art der Selbstermächtigung dar, diese Prozesse zu kennen, mich und mein Verhalten zu kennen und zu wissen, wie ich am damit umgehen kann. Ich vertraue mir und ich wünsche mir, dass andere mir vertrauen, dass ich weiß, was gut ist, was zu tun ist und was ich gerade jetzt brauche. 49 00:11:58,220 --> 00:12:10,540 Gerade wenn die Situation akut ist, will ich nämlich nicht herumdiskutieren, sondern ich will dann, dass mir geglaubt wird, dass ich an meiner Grenze angelangt bin und dass ich jetzt aus dieser Situation dringend heraus muss. 50 00:12:11,820 --> 00:12:19,220 Ich vermute, dass ich hier nicht nur für mich spreche. Bitte glaubt uns einfach, wenn wir signalisieren, dass wir nicht mehr können. 51 00:12:22,240 --> 00:12:36,980 Vor einigen Wochen ist ein lieber, relativ junger Mensch gestorben. Neben meiner persönlichen Trauer habe ich mich auch mit seinen Eltern, Geschwistern und anderen nahen Menschen sehr verbunden gefühlt und ich tue es natürlich immer noch. 52 00:12:37,600 --> 00:12:51,660 Wir stehen uns nahe, so dass ich nicht anders konnte, als mich emotional ganz und gar einzulassen. Da es rund um den Tod sehr viele schwierige Umstände gab, zog sich der Termin für die Abschiedsfeier hin. 53 00:12:53,000 --> 00:13:02,920 Einige Wochen vergingen und die Ungewissheit hielt an. Es war ein Leben im Wartemodus, für die Familie ebenso wie für mich persönlich. 54 00:13:04,740 --> 00:13:18,340 Was ausnahme Zustände mit mir machen, habe ich in einer früheren Folge dieses Podcasts bereits erzählt. Darum nur das. Es war sehr, sehr, sehr anstrengend. Ich fühlte mich zerrissen. 55 00:13:19,100 --> 00:13:29,820 Außerdem triggerte die ganze Situation früher gemachte Erfahrungen. Mein Gleichgewicht war aus den Fugen geraten und ich konnte nur einen Tag nach dem anderen leben. 56 00:13:31,320 --> 00:13:44,780 Ebenfalls früher habe ich euch schon davon erzählt, wie ich mich manchmal, zeitlich befristet, in Ausnahmesituationen, in eine quasi normale Person verwandeln kann, eine Art Vollmaskierung. 57 00:13:45,740 --> 00:13:59,020 Augen zu und durch. So habe ich den Tag der Abschiedsfeier schließlich einigermaßen überlebt. Ich war zugleich innerlich maximal dysreguliert und äußerlich maximal angepasst. 58 00:14:00,060 --> 00:14:12,780 Natürlich war es mir ein tiefes Anliegen, meine Nähe und Verbundenheit zu zeigen. Ich wollte das, was in mir drin passierte, nach außen sichtbar machen. Verbundenheit, Betroffenheit. 59 00:14:13,100 --> 00:14:32,500 Ich umarmte viele Menschen. Ich saß inmitten einer großen Menschenmenge in einer warmen Kapelle. Ich hörte anderthalb Stunden konzentriert zu. Da mein Liebster meine eine Hand hielt und überhaupt an meiner Seite saß, habe ich das Ganze ohne Meltdown überstanden. 60 00:14:32,500 --> 00:14:48,880 Overload ja, Meltdown nein. Jedenfalls vorerst nicht. Vorerst nur ein wenig Kopfweh. Erst Stunden später dann, daheim auf dem Sofa, kam die Reaktion. Totale Erschöpfung. 61 00:14:49,320 --> 00:15:05,780 Totales Überflutetsein von Gefühlen und von Wieder- und Wiederholungen der Erlebnisse, Gespräche, alles gehörte. Ich war so müde, so erschöpft, aber doch viel zu aufgekratzt, um zur Ruhe kommen oder gar schlafen zu können. 62 00:15:07,020 --> 00:15:23,200 Schließlich fiel mir die Badewanne ein. Oft hilft sie mir. Was mir ebenfalls oft hilft, sind Handyspiele und Hörbuchhören. Eintauchen in eine total andere Welt, wie ich es schon als Kind gemacht habe. 63 00:15:23,200 --> 00:15:36,440 Eintauchen in eine Geschichte, die nichts mit mir und meinem Erleben zu tun hat. Andere Menschen, andere Gedanken, totale Ablenkung. Für mich funktioniert das. Nicht immer, aber oft. 64 00:15:38,020 --> 00:15:51,760 Langsam wurde der innere Lärm weniger. Ich überschrieb ihn zwar mit anderem Lärm, wenn ich das so sagen darf, aber dieser andere Lärm half mir, das eigene Erleben, Denken, Fühlen einzufrieden. 65 00:15:51,760 --> 00:16:06,320 Ja, vielleicht irgendwie auch zu relativieren. Ich habe jedenfalls auf diese Weise die Intensität der Gefühle nicht verdrängt, sondern auf später verschoben, auf einen Moment mit wieder mehr Kraft. 66 00:16:08,080 --> 00:16:20,680 Allmählich wurde das Fühlen wieder alltäglicher und ich weiß wirklich aus eigener Erfahrung, dass Alltag und Routine und die Wiederholung bekannter Abläufe oft die einzigen Werkzeuge sind. 67 00:16:21,340 --> 00:16:27,160 Schmerz, Trauer, Ohnmacht, sogar Verzweiflung besser auszuhalten. 68 00:16:28,900 --> 00:16:34,440 Natürlich ist der Schmerz und alles andere damit nicht weg, aber alles darf sich ausruhen. 69 00:16:37,070 --> 00:16:40,330 Und ich darf mich ebenfalls ausruhen. 70 00:16:41,750 --> 00:16:55,250 Und wenn wir beide ausgeruht sind und wieder mehr Kraft haben, dann können wir uns einander wieder zuwenden, die Trauer und ich, der Schmerz und ich, das Gefühl, das mir Angst macht und das weh tut und ich. 71 00:16:56,010 --> 00:17:12,010 Das ist eine Frage des Vertrauens in meine Kräfte. Ich kenne mich inzwischen gut und ich vertraue mir inzwischen auch immer mehr. Ich freue mich, wenn meine Lieben mir vertrauen, dass ich es schaffe und ich darf ihnen vertrauen, dass sie es schaffen. 72 00:17:12,630 --> 00:17:23,150 So wächst die Verbindung zu mir, zu meinen Lieblingsmenschen und ich kann immer mehr die sein, die ich bin, mit immer weniger Masking, immer echter. 73 00:17:25,250 --> 00:17:41,569 Bis vor wenigen Jahren habe ich alle unangenehmen Situationen einfach als «das muss wohl so, kann ich eh nichts machen» oder «das lässt sich eben nicht ändern» eingeordnet, wenn ich mich gestresst oder unwohl gefühlt habe. 74 00:17:41,569 --> 00:17:46,990 oder auch gern mit einem sehr selbstkritischen, jetzt stell dich mal nicht so an. 75 00:17:48,329 --> 00:17:58,829 Meiner Wahrnehmung standen die Unabänderlichkeit der Situation und mein von mir als falsch, verkehrt und nicht normal bedachtes So-Sein im Weg. 76 00:18:00,349 --> 00:18:15,430 Zwar versuchte ich immer schon aus Situationen irgendwie das Beste zu machen, aber ich kam bis vor der Diagnostik gar nicht auf die Idee, dass meine Wahrnehmung ja doch richtig sein könnte oder dass ich sogar meine Bedürfnisse ernst nehmen durfte. 77 00:18:16,030 --> 00:18:29,710 Schließlich bin ich ja die Weltmeisterin im Auf-die-Zähne-Beißen. Aber heute will ich das nicht mehr. Ich will sagen dürfen, wenn ich mich nicht wohlfühle, jedenfalls da, wo es geht und passt und wo etwas bewirkt werden kann. 78 00:18:30,310 --> 00:18:43,730 Denn ich muss nicht alles schlucken. Ich muss nicht leiden, wo es sich vermeiden lässt. Inzwischen weiß ich, dass meine Wahrnehmungen richtig sind. Dass sie echt sind und eine Berechtigung haben. 79 00:18:44,250 --> 00:18:50,210 Sie dürfen sein, wie sie sind. Auch ich bin richtig, nur eben halt anders. 80 00:18:51,610 --> 00:19:11,570 Und ich darf andere sogar damit nerven, wenn es darum geht, etwas zu verändern, damit es für alle, also auch für mich, gut ist. Ich erzähle hier davon, was ich denke, wie ich wahrnehme und was bei mir funktioniert, wenn ich total am Limit bin, wenn mich alles überflutet und mir alles zu viel ist. 81 00:19:12,610 --> 00:19:23,470 Andere haben andere Strategien. Ihr dürft mir gern Mails oder Kommentare im Fediverse oder auf der Podcast-Webseite schreiben und mir erzählen, wie ihr mit Krisen umgeht. 82 00:19:23,930 --> 00:19:34,850 Jede und jeder macht es nämlich anders. Noch vor wenigen Jahren hätte ich diese ganzen Gefühle noch nicht so, mit diesem heutigen Verständnis in meinem Leben verorten können. 83 00:19:35,650 --> 00:19:50,390 Heute weiss ich, dass manches deshalb so ist, weil ich ein Neurodivergenz-Betriebssystem habe, das mit Gefühlen, mit Reizen, mit Erlebnissen und Erfahrungen auf diese Weise umgeht, so eben wie ich es tue. 84 00:19:50,990 --> 00:20:07,250 Heute schäme ich mich nicht mehr dafür, dass ich diese Grenzen habe, und ich glaube, das ist auch der Hauptgrund, warum ich euch heute davon erzählt habe. Mit meinem Podcast will ich uns Mut machen, die zu sein, die wir sind, und um uns miteinander verbunden zu wissen. 85 00:20:07,910 --> 00:20:14,430 Zu wissen, dass wir mit unserem ganzen intensiven Fühlen und Wahrnehmen nicht allein sind, denn das hilft. 86 00:20:16,150 --> 00:20:35,490 Heute habe ich euch davon erzählt, was mir persönlich hilft, was ich persönlich für mich tun kann. Wir vertrauen nämlich. Doch schon eine Weile denke ich darüber nach, im Podcast darüber zu sprechen, was andere Menschen, außer uns zu vertrauen, noch so für uns tun können. 87 00:20:36,850 --> 00:20:54,370 Und auch, wie Therapie für uns am besten klappt. Also, was genau wie und warum funktioniert. Denn wegen unserer neurodivergenten Hirne funktionieren manche Techniken, die bei anderen Menschen helfen, nicht oder nicht so gut. 88 00:20:55,850 --> 00:21:09,730 Auch werde ich zuweilen gefragt, was andere denn konkret für mich oder für andere Autist*innen tun können, wenn ich oder andere auf einen Overload oder gar ein Meltdown zusteuern. 89 00:21:11,030 --> 00:21:26,050 Kurze Antwort, das ist nicht immer und nicht bei jeder Person gleich. Bei mir idealerweise sprechen wir vorher darüber. Und stellt mir bitte im Akutfall nur Ja-Nein-Fragen. 90 00:21:26,710 --> 00:21:33,330 Und bitte, bitte textet mich nicht voll und zweifelt nicht an meinen Grenzen und fasst mich bitte nicht an. 91 00:21:34,810 --> 00:21:51,290 Und das war's auch schon wieder für heute. Diesmal dauert es etwas länger bis zur nächsten Folge. Ich gehe von drei Wochen aus, denn wir fahren eine Weile weg. Für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir bitte gern. 92 00:21:52,090 --> 00:21:58,670 Ich bedanke mich wie immer herzlich fürs Zuhören. Schön, dass ihr da seid. Ciao und bis zum nächsten Mal.