1 00:00:01,620 --> 00:00:19,600 Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 19. Podcast. Wir sind wieder zurück aus den Ferien oder Urlaub, wie meine deutschen Mitmenschen es nennen. Ferien sind, wie ich früher schon einmal erwähnt habe, Ausnahmezustände. 2 00:00:20,300 --> 00:00:26,800 Und diese sind für Menschen im autistischen Spektrum nicht ganz so einfach wie für nicht-autistische Menschen. 3 00:00:28,140 --> 00:00:53,280 Wir haben in einer früheren Folge über Erholungsräume gesprochen. Dort habe ich bereits erzählt, dass Zelten meine bevorzugte Sommerferienart ist. Ich habe früher auch das eine oder andere Mal Hotelferien gemacht, was ich aber für mich, und das war noch bevor ich von meiner Neurodivergenz wusste, als nicht zu mir passend herausgestellt hat. 4 00:00:54,060 --> 00:01:13,360 Zum einen mag ich es nicht, ständig in einem Restaurant zu essen, weil ich da viel zu wenig selbst bestimmen und wählen kann, was ich essen will und mir standardmäßige Frühstücke oder Abendessen mit Ausnahmen nicht wirklich schmecken, nicht zuletzt, weil ich schon als jugendliche Vegetarierin geworden bin. 5 00:01:14,080 --> 00:01:25,820 Auch mag ich es eigentlich nicht wirklich, auf einem Bett zu schlafen, das nicht mein eigenes oder das des Liebsten oder Lieberfreundinnen ist. Auch die ganzen anderen Menschen stressen mich. 6 00:01:26,900 --> 00:01:42,960 Ja, das war alles noch vor meiner Neurodivergenz-Diagnostik und erst heute verstehe ich, warum das so ist. Ich brauche in den Ferien eine Lebensweise, die mir möglichst viel Freiraum gibt und in der ich möglichst ähnlich wie zu Hause leben kann. 7 00:01:44,140 --> 00:02:01,800 Zelten im Sommer, Ferienwohnungen im Winter. Andere AutistInnen halten es vielleicht anders, aber für mich ist das so am besten. Das Zelt ersetzt die Wohnung natürlich nicht eins zu eins, aber kommt dem privaten Rückzugsraum doch sehr nahe. 8 00:02:02,240 --> 00:02:18,620 Mein Schlafsack, meine Matte, unser Geschirr, unsere Spritkocher. Und davon, wie das konkret aussehen kann, erzähle ich heute ein bisschen ausführlicher. Zum Teil persönlich, zum Teil verallgemeinerbar. 9 00:02:19,540 --> 00:02:34,100 Nach meinem Gedanken zum Thema lese ich euch einen Text der 41-jährigen Sonja vor, AU-DHS-Lehrerin wie ich, die Camping ebenfalls als die ihr am besten entsprechende Urlaubsart praktiziert. 10 00:02:34,100 --> 00:02:49,420 Der autistische Anteil in mir will weder packen noch verreisen, während der ADHS-Anteil in mir gern Abwechslung hat und neue Gegenden entdecken will, weil mir die Decke auf den Kopf zu fallen droht. 11 00:02:50,320 --> 00:03:04,820 Während wir früher als Reisende unser Zelt täglich woanders aufgebaut haben, um am nächsten Tag auf Fernwanderungen weiter zu wandern oder weiter durch Skandinavien zu fahren, sind wir dieses Jahr fast stationär geblieben. 12 00:03:06,160 --> 00:03:19,140 Ein ähnliches Konzept hatte ich vor zwei Jahren für mich ersonnen. Ich hatte erstmals seit langer Zeit eine Alleinferienreise unternommen, da mein Partner wegen eines eigenen Projekts unterwegs gewesen war. 13 00:03:20,320 --> 00:03:32,420 Zehn Tage reiste ich herum und zeltete immer zwei Tage am gleichen Ort. Ich habe in privaten Gärten gewohnt und auf der Rückfahrt Holland und seine Minicampingplätze entdeckt. 14 00:03:33,300 --> 00:03:46,680 Und ja, überhaupt Holland. Ein Land, in dem ich mich spontan als Alleinreisende sehr wohl gefühlt habe. Von zu Hause aus habe ich vorab alle Übernachtungsplätze recherchiert und gebucht. 15 00:03:47,320 --> 00:04:04,980 Auch die Strecken hatte ich mir genau angeschaut und mir machbare Tagesetappen herausgesucht. Die Reise war ein toller Erfolg für mich. Sie fiel in die Zeit meiner ADHS-Diagnostik und ich war mir sehr bewusst, dass ich gerade sehr viel Neues über mich herfuhr. 16 00:04:06,180 --> 00:04:11,820 Was brauche ich unterwegs, wie fühle ich mich sicher und wie kann ich mich am besten erholen? 17 00:04:13,640 --> 00:04:28,060 Ganz ähnlich haben wir es bereits im Sommer vor einem Jahr ausprobiert, zu zweit diesmal. Wir haben mit Zelt und Auto auf einem kleinen französischen Zeltplatz eine Basis aufgeschlagen und erwanderten von dort aus die Gegend. 18 00:04:28,920 --> 00:04:37,800 Dieses Jahr haben wir das Mikroauto aufgerüstet. Es hat jetzt eine Fahrradaufhängevorrichtung, so dass wir diesmal unsere Räder mitnehmen konnten. 19 00:04:40,220 --> 00:04:53,060 In Sachen Reiseplanung sind mein Partner und ich sehr unterschiedlich. Während er ein sehr spontaner Mensch ist, der gern improvisiert und sich vom Weg überraschen lässt, mache ich es gern vorausschaubar. 20 00:04:54,000 --> 00:04:58,220 Entsprechend lange haben wir gebraucht, um uns für ein Reiseziel zu entscheiden. 21 00:04:59,560 --> 00:05:09,880 Und selbst nach dem Buchen der ersten drei Nächte war offen, ob wir danach weiterziehen und von dort aus eine kürzere oder längere Strecke mit dem Auto zurücklegen würden. 22 00:05:11,320 --> 00:05:20,840 Mit so viel Ungewissheit konnte ich leben, denn der Anfang ist für mich immer am schwierigsten. Diese Schwelle zwischen Alltag und Ferien. Sie ist bei mir immer sehr hoch. 23 00:05:21,520 --> 00:05:38,840 Es ist wie ein Sprung ins Unbekannte. Die ADHS-Seite in mir freut sich immer, die autistische Seite hat Stress mit Wegfahren. Ich versuche Jahr für Jahr einen für mich guten Weg zu finden, denn der Tapetenwechsel tut mir logischerweise jedes Mal sehr gut. 24 00:05:40,700 --> 00:05:58,260 Wir haben uns jedenfalls auf der kleinen holländischen Insel in der Nordsee, so wohlgefühlt, dass wir auf ihr geblieben sind. Wir haben sie parat und zu Fuß erlebt und genossen sowohl das Meer mit seinen Naturstränden als auch die Landschaft, Ruhe und Beschaulichkeit. 25 00:05:58,840 --> 00:06:14,060 Das Auto blieb quasi die ganze Zeit unbenutzt. Ich mag am Zelten auch, dass es eine ziemlich nachhaltige Art des Ferienmachens ist. Ja, ich glaube, so habe ich die am besten zu mir passende Reiseart gefunden. 26 00:06:15,360 --> 00:06:28,420 Eine, die ich akribisch vorbereite. Meine Sachen anhand von langen, detaillierten Listen zu packen, gehörte auch dazu. Und natürlich die Strecke anzuschauen und die besten Routen herauszusuchen. 27 00:06:31,090 --> 00:06:42,470 Im Alltag ziehe ich viel Sicherheit und relative Ruhe aus meinen Alltagsroutinen und Ritualen. Diese fallen in dem Moment weg, wo ich das Haus verlasse und mich auf die Reise begebe. 28 00:06:44,050 --> 00:07:00,170 Wie ich schon früher sagte, gelingt es mir besser, mich auf Ausnahmesituationen einzulassen, wenn sie zeitlich absehbar sind und einen längeren Vorlauf haben. So kann ich mich besser einlassen und mich dabei fast ein wenig selbst neu erfinden. 29 00:07:01,230 --> 00:07:15,670 Ja, es ist ein wenig so, als ob ich eine Art Rollenspiel daraus machen und mich auf die Reise als eine Art anderer Mensch einlassen könnte. So etwas gelingt allerdings immer nur temporär, nicht langfristig. 30 00:07:16,150 --> 00:07:19,390 Es ist eine Art sehr bewusstes Supermasking, 31 00:07:20,750 --> 00:07:36,790 so als ob ich eine Art Zauberhaut anziehen würde. Und es ist nicht einfach, eigentlich es sogar, vor allem am Anfang, ziemlich anstrengend. Ich empfinde es als eine Art High-Level-Ausnahmen-Modus. 32 00:07:37,930 --> 00:07:54,810 Dieser Zustand hilft mir, insbesondere die Anfangszeit einer Reise auszuhalten, zu überbrücken, so lange zumindest, bis ich mich im neuen Umfeld eingerichtet habe und meine altneuen, wiederkehrenden Zeltrituale reanimiert habe. 33 00:07:56,210 --> 00:08:11,450 Die Dinge, die neben meiner Matte liegen, müssten dann wirklich genau dort sein, wo ich sie hinlege. Ich überlege am Anfang ständig, was ich wo brauche. Taschentücher, Taschenlampe, Frottiertücher, Schlafsack, alles hat seinen Platz. 34 00:08:12,710 --> 00:08:27,630 Vor dem Einschlafen muss alles so und so sein. Ebenso hat der Morgen seine Routinen. Es sind andere, weniger ausführliche als daheim. Aber sie helfen mir, Ordnung und Sicherheit in meinen Ferienalltag zu bringen. 35 00:08:28,930 --> 00:08:45,970 Ich veralltage sozusagen den Ausnahmemodus. So wird aus dem High-Level Ausnahmezustand nach und nach ein gediemter. Je mehr Sicherheit und Ruhe ich darin finde, desto besser kann ich mich erholen und entspannen. 36 00:08:48,100 --> 00:08:57,760 Diesmal waren wir auf zwei Zeltplätzen. Gewechselt haben wir einzig aus infrastrukturellen Gründen. Bei beiden habe ich am Anfang ziemlich gefremdelt. 37 00:08:59,380 --> 00:09:15,680 Das kennen bestimmt viele Menschen, egal ob baptistisch oder nicht, denn wir alle haben ja immer so ein Ideal davon, wie ein Platz sein soll, was er alles bieten soll, ebenso wie wo das Zelt steht und ob es dort ruhig, schattig oder angenehm ist. 38 00:09:17,140 --> 00:09:29,900 Die ersten Fremdheitsgefühle gehen meistens nach dem Zeltaufbau von allein wieder vorüber und nachdem ich mir alles angeschaut und die Sanitäranlagen inspiziert und ausprobiert habe. 39 00:09:31,060 --> 00:09:50,860 Ja, ich liebe es sehr, das Zelt aufzubauen. Die letzten Jahre haben wir fast immer in meinem Zwei-Personen-Wanderzelt geschlafen. Dabei hätte ich ja noch das über 20 Jahre alte Iglu-Zelt, das immer noch top ist und dazu sogar ein bisschen grösser, aber halt auch schwerer und ein bisschen sperriger. 40 00:09:51,740 --> 00:10:04,080 Doch beide Zelte sind schnell auf- und abgebaut. Das aktuelle ist eher klein, hat aber genug Platz für zwei Personen mit nächtlichem Kleinkram, allerdings nicht für die ganzen Küchensachen. 41 00:10:04,080 --> 00:10:17,920 Beim ersten Platz konnten wir alles im Auto verstauen, beim zweiten hatten wir neben dem Zelt eine Tisch-Bank-Garnitur und verstauten die Sachen unter dem Tisch. Auch da brauche ich Ordnung und Übersicht. 42 00:10:19,460 --> 00:10:38,740 Am meisten liebe ich es, am Morgen den Zeltreißverschluss aufzuziehen und herauszuschauen, den Tag zu begrüßen. Das ist mein erstes kleines Tagesritual. Dann klettere ich heraus und koche uns, nach dem Pinkeln, mit dem Trangia-Kocher unsere Heißgetränke, mir Tee, dem liebsten Kaffee. 43 00:10:39,980 --> 00:10:54,700 Überhaupt mag ich, nach der anfänglichen Umstellung, das Kochen auf dem Trangia, einfache, gesunde Gerichte, die sich aus wenigen Zutaten kochen lassen. Dazu alles viel langsamer und viel einfacher als im Alltag. 44 00:10:55,360 --> 00:11:07,420 Entschleunigung. Ich mag es, wenn das Zelt ein wenig abseits der Hauptverkehrsader eines Zeltplatzes steht und wenn es sowohl schattige als auch sonnige Abschnitte in unserem Bereich gibt. 45 00:11:08,180 --> 00:11:17,740 Auch die Infrastruktur ist für mich wichtig. Wegen meiner Histaminintoleranz kühlen wir unsere Lebensmittel in einer Kühlbox mit Kühlakkus. 46 00:11:19,280 --> 00:11:31,760 Auf vielen Zeltplätzen gibt es Tiefkühler, wo sich die Akkus kühlen lassen. Doch auf dem ersten Zeltplatz gab es dieses Angebot leider nicht, obwohl ich mich dort ab Tag zwei sehr wohl gefühlt habe. 47 00:11:33,880 --> 00:11:45,600 Nach vier Tagen wechselten wir deshalb auf einen anderen Platz, den ich im Internet vorher auf Kühlmöglichkeiten abgeklärt hatte. Nach dem Umzug fing das Fremdeln von vorne an. 48 00:11:46,120 --> 00:12:04,600 Wieder mussten wir uns neu einrichten und uns neu orientieren. Wenn wir einen Zeltplatz, wie auf unseren früheren Reisen, immer nur für eine Nacht gebucht hatten, stresste es mich viel weniger, wie übersichtlich oder komfortabel ein Platz war, denn wir fuhren ja am nächsten Tag weiter. 49 00:12:06,180 --> 00:12:23,300 Doch diesmal wollten wir ja einige Tage bleiben, beim zweiten immerhin fast eine Woche, darum wollten wir uns also schon wohlfühlen. Und nachdem am zweiten Tag die sehr nahen Nachbarn und Nachbarinnen abgereist waren, fühlten wir uns auch deutlich besser. 50 00:12:24,540 --> 00:12:38,900 Auch die Entdeckung des Tischtennistisches neben dem Alpaka-Gehege trug dazu bei, dass wir uns immer heimischer fühlten. Und natürlich auch die wachsende Erholung, das nahe Meer, die tolle Natur, die täglichen Radtouren. 51 00:12:38,900 --> 00:13:01,200 Wir mieden überlaufene Strände, auf anderen, natürlichen, fühlten wir uns dagegen sehr wohl. Für mich ist es jetzt mal neu herausfordernd, einen gangbaren Weg für mich zu finden, mich quasi selbst zu überlisten mit den Einschränkungen eines Campinglebens, einen möglichst reizsamen Umgang zu finden. 52 00:13:02,040 --> 00:13:15,500 Zum Beispiel habe ich relativ hohe hygienische Ansprüche und Bedürfnisse an Kochen, Essen ebenso wie an Geschirrspülen, Abtrocknen und Duschen. Am Anfang ist auch diese Schwelle immer sehr hoch. 53 00:13:16,040 --> 00:13:29,600 Ich brauche ein paar Tage mit der latenten Verwahrlosung, ja ich übertreibe natürlich ein bisschen, immer besser klarzukommen. Und das geht nur, weil ich um die Absehbarkeit der Ferienzeit weiß. 54 00:13:30,900 --> 00:13:45,860 In den Ferien kann ich es besser ertragen, wenn z.B. die Füße vorm Schlafen gehen nicht ganz sauber sind, denn der Schlafsack wird ja nach den Ferien gewaschen. Auch andere Kompromisse kann ich je länger die Ferien dauern, desto besser eingehen. 55 00:13:46,860 --> 00:13:52,160 Ich ringe dennoch die ganze Zeit mit mir darum, es für mich so stressfrei wie möglich zu machen. 56 00:13:54,080 --> 00:14:08,440 Seltsamerweise finde ich aber z.B. das Einkaufen in den Ferien viel weniger nervig und stressig, auch weil es an anderen Orten andere Produkte gibt und da meine neugierige ADHS-Seite auf ihre Kosten kommt. 57 00:14:10,520 --> 00:14:29,640 Es ist, wenn ich es mir recht überlege, eine Art Hassliebe, die ich mit dem Zelten verbinde. Zum einen liebe ich es, ständig draußen zu sein. Zum Zum anderen ist es stressig, keinen wirklichen Rückzugsort zu haben, vom Zelt, das mein Partner und ich zu zweit bewohnen, mal abgesehen. 58 00:14:30,620 --> 00:14:45,480 Auch die ganze persönliche Infrastruktur, Zelt, sehr einfache Campingküche samt Kühlbox, Klamotten, Schlafsachen, das ist ja alles sehr überschaubar und stellt damit eine Einschränkung dar. 59 00:14:46,360 --> 00:15:04,920 Auch hier wieder Hassliebe. Dennoch will ich es so. Ich will diese Einschränkung. Ich will diese Reduktion auf weniger, auf wesentliches. Ich will diese Vereinfachung, diese Verlangsamung, auch wenn sie mich manchmal total nervt, weil halt alles viel umständlicher ist. 60 00:15:06,320 --> 00:15:23,300 Ferien sind immer ambivalent für mich. Ich will es und ich brauche es, doch immer komme ich an diesen einen Punkt, wo ich es fast nicht mehr aushalte. In allen Ferien komme ich dorthin, wo ich nichts lieber möchte, als mich sofort nach Hause zu beamen. 61 00:15:24,760 --> 00:15:37,360 Es ist ein ähnliches Gefühl, das ich von zu Hause kenne, wenn ich mich nach dem Meer oder nach den Bergen sehne. Es ist eine Art Tiefpunkt, an dem ich mich ein weiteres Mal neu zusammensetzen muss. 62 00:15:38,460 --> 00:15:54,560 In diesen Ferien habe ich diesen einen Moment des neuen Zusammensetzens wie eine Art zweite Ebene des Ausnahmezustandes erlebt. Eine Art fallen lassen, um mich nochmals neu auf die Ferien einlassen zu können. 63 00:15:55,860 --> 00:16:15,720 Ja, ich habe Dinge vermisst, ebenso Abläufe, Rituale, mein Bett, meine Wohnung, die Badewanne, Rückzug. Dabei waren es eigentlich weniger die Dinge an sich, sondern es war eine Reaktion auf die Fülle an Reizen, die wir täglich neu zu verarbeiten hatten. 64 00:16:16,600 --> 00:16:22,720 Obwohl wir auf einer sehr ruhigen Insel waren. Dennoch, es war immer mal wieder zu viel. 65 00:16:24,240 --> 00:16:34,780 Zum Glück halfen die täglichen langen Radtouren beim Verarbeiten. Das Treten in die Pedalen wurde zum Ritual und half mir, mit der Reizfühle klarzukommen. 66 00:16:36,360 --> 00:16:48,100 Ich beobachtete, wie ich mir von der Anwesenheit von Dingen Sicherheit versprach. Zum Beispiel ist die Anwesenheit eines Buches sehr beruhigend, egal ob ich es lese oder nicht. 67 00:16:48,800 --> 00:17:07,060 Wenn ich Routinen finde, die mir guttun, ist das immer sehr beruhigend für mich. Diesmal waren es zwei wichtige Rituale neben dem täglichen Radeln. Das morgendliche Tagebuch schreiben und das fast tägliche Yoga, da ich ein wenig mit Rückenschmerzen zu tun hatte. 68 00:17:07,920 --> 00:17:27,980 Allerdings kein neues Thema. Die täglichen Übungen, ähnlich wie ich sie zu Hause praktiziere, gaben meinem Ferienalltag seinen Rhythmus. Mir ging es darum, möglichst viel zu erleben und möglichst weit zu fahren, sondern möglichst viel Ruhe, Entspannung, Erholung und Entschleunigung zu finden. 69 00:17:30,380 --> 00:17:42,140 Zweimal war ich kurz vorm Meltdown, beide Male auf der Reise. Auf der Hinreise hatte ich, wie fast immer wenn ich das Haus verlasse, meine Hörgeräte an. 70 00:17:43,520 --> 00:17:55,520 Da wir wegen der Hitze fast immer die Fenster offen haben mussten, da so ein kleines Mikroauto wie meins nur eine sehr einfache Klimaanlage hat, waren wir quasi im Dauerlärm der Straße. 71 00:17:56,660 --> 00:18:08,760 Diese stresste mich zunehmend. Zum Glück habe ich irgendwann begriffen, dass ich handeln muss. Als erste Maßnahme zog ich die Hörgeräte aus, was den Lärm schon deutlich erträglicher machte. 72 00:18:09,460 --> 00:18:31,300 Als zweite Maßnahme steckte ich mir, und ich weiß, dass das jetzt ziemlich asozial klingt, meine ANC-Kopfhörer in die Ohren. Ah was für eine Wohltat. Als ich dann auch noch den Podcast einschaltete, den ich noch zu Hause zu hören angefangen hatte, ging es mir nach kurzer Zeit deutlich besser. 73 00:18:32,500 --> 00:18:46,360 Wenn ich nämlich den Fokus vom eigenen Stress und Leid auf etwas total anderes, eine fremde Geschichte oder ein mich interessierendes Thema errichten kann, ist das bei mir wie eine Art Schalterumlegung. 74 00:18:47,420 --> 00:18:54,980 Dann komme ich in eine Art Autopilotmodus und kann so mein System nachhaltig beruhigen. 75 00:18:57,660 --> 00:19:11,000 Eine ähnliche Situation gab es auf dem Rückweg, als ich zugleich akustisch reizüberflutet und hungrig war und dann auch noch der Benzintank nach Befüllung und die Blase nach Entleerung schrien. 76 00:19:12,160 --> 00:19:13,680 Ich erspare euch die Details. 77 00:19:15,500 --> 00:19:24,500 Schlussendlich waren wieder meine Kopfhörer die Rettung. Noise-Canceling ist wirklich eine der besten Erfindungen der letzten Jahre, finde ich. 78 00:19:26,140 --> 00:19:39,500 Gerade für Menschen im Spektrum empfinde ich Camping übrigens als eine sehr gute, weil relativ stressarme Möglichkeit des Urlauens. Wobei natürlich Stress extrem unterschiedlich definierbar ist. 79 00:19:40,200 --> 00:19:55,440 Also sagen wir es mal so, Für autistische Menschen, die gerne in der Natur sind, ist es eine ziemlich gute Möglichkeit zu campen. Und jetzt übergebe ich das Wort Sonja und lese euch gerne ihre Gedanken zu Camping vor. 80 00:19:57,000 --> 00:20:11,040 Camping. Ich liebe Camping. Aber ich hasse Camping. Camping ist für mich irgendwie immer verknüpft mit einer Menge Stress erstmal, bevor es dann mehr oder weniger zwangsweise entspannt wird. 81 00:20:11,980 --> 00:20:25,340 Stress vorher beim Packen. Ich mache immer eine Packliste, die ich zweimal abhacke. Einmal bevor es losgeht, einmal wenn es wieder Richtung Heimat geht, um sicher zu gehen, dass ich nichts vergessen habe. 82 00:20:26,220 --> 00:20:41,180 Und trotzdem fehlt immer irgendwas wichtiges. Und es hilft nicht, wenn die Partnerperson auch ADHS hat. Der Dosenöffner zum Beispiel, um den ersten Abend mit möglichst wenig Aufwand zu überstehen. 83 00:20:41,500 --> 00:20:59,160 Oder die Luftpumpe, die unbedingt nötig ist, um das Zelt ans Auto zu bauen. Die unwichtigen Sachen sind dafür immer dabei und meist auch in viel zu großer Zahl. Unterhosen zum Beispiel packe ich immer mindestens zwei mehr rein, als wir Nächte weg sind. 84 00:20:59,820 --> 00:21:04,300 Könnte ja sonst was passieren. In Wirklichkeit brauche ich die nie. 85 00:21:06,240 --> 00:21:19,440 Gleiches gilt für Shirts. Meist brauche ich deutlich weniger als zu Hause, weil mir beim Camping, spätestens zwei Tage nach Ankunft, einfach egal ist, dass ich das gestern schon an hatte und der Tag heiß war. 86 00:21:20,360 --> 00:21:30,220 Morgens werde ich übergezogen mit der Absicht nach der Dusche irgendwann am Tag ein anderes anzuziehen und manchmal gibt es dann halt auch keine und dann ist es ja auch egal. 87 00:21:30,760 --> 00:21:32,840 Wir sind ja an der frischen Luft, was soll's. 88 00:21:34,220 --> 00:21:50,580 Dann ist wieder Stress beim Ankommen und Aufbauen und Feststellen was fehlt. Dieses Stress bleibt oft einfach über den gesamten Urlaub erhalten und wenn alles geschafft ist, dann kommt die Entspannung, zwangsweise, weil alles beim Camping länger dauert. 89 00:21:51,640 --> 00:22:08,420 Kaffeekochen morgen ist ein Ritual, das mir wichtig ist. Aus dem Auto krabbeln, fix die Toilette aufsuchen, im Waschraum Zähneputzen und Gesicht waschen. Das gleiche Ritual wie zu Hause und dann erstmal den Gaskocher anmachen und Wasser für Kaffee aufsetzen. 90 00:22:09,300 --> 00:22:32,720 Beim Camping gibt es Krümelkaffee, das gehört dazu, auch ein Ritual. Hunde zum Pipi rauslasten, während der Gaskocher das Wasser kocht, natürlich. Das ist auf dem Campingplatz entspannt, denn die Hunde erledigen das quasi nebenher, mit der Schleppleine am Auto festgemacht und in der Nähe, aber ohne dass man extra gehen muss dafür. 91 00:22:34,140 --> 00:22:47,000 Eine Runde gehen wir nach dem Kaffee natürlich trotzdem. Das ist auch eine Routine von Zuhause, die wichtig ist für die Hunde und für uns. Beim Camping dauert alles länger und findet später statt. 92 00:22:47,780 --> 00:22:59,220 Und dann gehen wir meistens auch noch ziemlich früh schlafen. Deshalb passen viel weniger Aktivitäten in den Tag. Und man kann nicht umhin, zu entschleunigen und sich zu entspannen. Zitat Ende. 93 00:23:01,350 --> 00:23:15,770 Herzlichen Dank, liebe Sonja, für deinen Einblick. Und das war's dann auch schon wieder für heute. Für Fragen, Themenwünsche, Anregungen, Rückmeldungen aller Art, schreibt mir bitte gern. 94 00:23:16,750 --> 00:23:29,850 Diesmal werde ich auf der Webseite noch ein paar Campingfotos einstellen, für die, die Lust haben sich das anzugucken. Ich bedanke mich herzlich fürs Zuhören. Schön, dass ihr da seid. 95 00:23:30,410 --> 00:23:32,190 Ciao und bis zum nächsten Mal.