1 00:00:02,060 --> 00:00:18,180 Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 22. Podcast. Wenn ich gefragt werde, was dieses autistische Sein eigentlich ist und wie es denn so den Alltag beeinflusst, muss ich erst immer ein wenig überlegen. 2 00:00:19,520 --> 00:00:36,940 Wie kann ich das, was für mich normal ist, einem Menschen, der anders funktioniert, erklären? Wie kann ich ihm zeigen, worin unsere Unterschiede bestehen? Ich könnte eigentlich zurückfragen, wie denn dieses Nicht-Autistisch-Sein so ist. 3 00:00:37,840 --> 00:00:56,540 Die Wirklichkeit meines Gegenübers kann ich letztlich ja auch nur vermuten. Ich habe mir im Laufe meines Lebens die Vorstellung einer neurotypischen Alltagswelt aus Erfahrungen und Beobachtungen zusammengehäkelt, aber natürlich weiß ich nicht wirklich, ob diese Idee überhaupt stimmt. 4 00:00:57,500 --> 00:01:04,700 Erkläre Blau, erkläre Farben oder auch erkläre Luft, während du atmest. 5 00:01:06,459 --> 00:01:22,480 Versuche ich es trotzdem mit deiner Erklärung, lande ich bei den Reizen, denn aus meiner Sicht besteht autistisch zu sein, vor allem darin, mit einer ständigen, hochpotenzierten Hoch- und Reizsensibilität zu jonglieren. 6 00:01:23,740 --> 00:01:39,340 Ich erlebe fast alle sogenannten typischen Autismus-Symptome als Folgen oder als Reaktionen auf Reize, also als Versuche, die zu vielen Reize irgendwie zu erfassen und zu verarbeiten. 7 00:01:40,280 --> 00:01:54,720 Ich spreche hier über AutistInnen, die in unserer westlich-kapitalistischen Welt irgendwie mehr oder weniger gut funktionieren. Wie es für autistische Menschen mit Mehreinschränkungen ist, kann ich nicht wirklich abschätzen. 8 00:01:55,280 --> 00:02:07,760 Gut möglich, dass es für sie ähnlich ist. Was ich genau damit meine, erzähle ich später. Zuerst aber ein paar Folgefragen, die mir beim Nachdenken über meine These mit den Reizen gekommen sind. 9 00:02:09,199 --> 00:02:21,980 Die erste Frage, die sich mir stellt, sind wir Mensch im Spektrum also in erster Linie Reagierende, statt aus uns selbst zu agieren und sind wir womöglich deshalb immer so schnell erschöpft? 10 00:02:23,020 --> 00:02:34,260 Ich kann letztlich nur aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen, aber ich vermute schon, dass die Erschöpfung oft eine direkte Folge auf die Ansprüche unserer Umwelt an uns ist. 11 00:02:35,180 --> 00:02:54,160 Reagieren ist, jedenfalls für mich, sehr viel anstrengender, als wenn ich selbst aus mir heraushandle. Es macht einen großen Unterschied, ob ich zum Beispiel eine Aufgabe auf meine erfahrungsbasierte Weise erledige oder ob ich sie nach Vorgaben anderer ausführen soll. 12 00:02:54,920 --> 00:03:11,600 Es macht einen Unterschied, ob ich mich selbst auf eine Aufgabe oder Begegnung einstelle oder ob ich keine Wahl habe und nur reagieren kann. Ich glaube, das geht grundsätzlich allen so, egal ob neurodivergent oder neurotypisch. 13 00:03:12,060 --> 00:03:27,340 Allerdings ist es für Neurodivergente per Definition viel anstrengender, sich anzupassen, weil jede Anpassung letztlich ein externer Reiz ist, der verarbeitet werden muss und oft genug nicht unserer Herangehensweise entspricht. 14 00:03:27,960 --> 00:03:49,580 Ich würde somit die erste Frage bejahen und bestätigen, dass fremdbestimmtes Handeln erschöpfender ist, als wenn ich aus mir heraus handle. Dass wir überhaupt so viel reagieren müssen, definiert zwar Autismus nicht, aber ich behaupte, dass das damit zu tun hat, dass unsere Alltagswelt eben nicht artgerecht für AutistInnen ist. 15 00:03:50,580 --> 00:04:04,120 Meine zweite Frage dreht sich folglich um ein artgerechtes Umfeld. Wie würde es aussehen, wenn unsere Umgebung von AutistInnen gestaltet wäre und würden wir uns darin weniger gestresst fühlen? 16 00:04:05,320 --> 00:04:15,660 Wieder kann ich nur für mich selbst sprechen. Ja, ich glaube, dass eine von AutistInnen gestaltete Umgebung vor allem eins wäre, reizärmer. 17 00:04:17,320 --> 00:04:30,140 Und damit für uns Menschen im Spektrum automatisch weniger stressig als die Umwelt, in der wir heute leben. Eine artgerechte Umwelt für AutistInnen wäre vor allem auch eine langsamere. 18 00:04:30,640 --> 00:04:52,140 Ideal für mich wäre eine Umgebung, egal ob Arbeitsplatz oder öffentlicher Raum, mit weniger optischen und akustischen reizen. Mit weniger Werbung überall, weniger Aufploppkram, dafür mit mehr Natur, Pflanzen, Ruheinseln, Rückzugsbereichen, Parks und Wälder. 19 00:04:52,980 --> 00:05:05,920 Ich hoffe, die neue Generation von StädteplanerInnen beginnt damit inklusiver zu planen und zu handeln. Oder hat hoffentlich sogar schon damit begonnen. Mir stellt sich eine dritte Frage. 20 00:05:06,880 --> 00:05:26,620 Kann es sein, dass wir AutistInnen heute im Vergleich zu früher mehr Leidensdruck erfahren, da die Welt lauter und ein Reizen bunter geworden ist? Was dazu führt, dass wir sichtbarer geworden sind und die Umwelt denkt, dass es heute mehr AutistInnen gibt als früher. 21 00:05:26,980 --> 00:05:39,580 Was aber, bei genauerem Hinsehen, nur mit den besseren Diagnosewerkzeugen zu tun hat. Ja, in den letzten 50 Jahren hat sich das menschliche Leben sehr schnell und sehr stark verändert. 22 00:05:40,340 --> 00:05:54,940 Dazu sind wir immer mehr Menschen geworden, die immer mehr Lärm erzeugen und sich immer gestresster fühlen und verhalten. Auch die Anzahl jener Menschen, die an alledem leiden, weil sie nicht mitkommen, weil sie überreizt und überfordert sind, ist gewachsen. 23 00:05:55,640 --> 00:06:09,280 Neben all den schwierigen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte gibt es aber auch viel Gutes. Die wissenschaftliche Forschung ist weitergekommen. Heute können wir vieles benennen, was vor ein paar Jahrzehnten noch nicht sichtbar war. 24 00:06:10,220 --> 00:06:24,640 Wir sehen heute zum Beispiel mehr Sterne am Himmel, weil wir bessere Teleskope haben. Analog dazu sehen wir mehr Menschen, die im Spektrum sind. Ob es tatsächlich prozentual mehr sind als früher, wage ich an zu zweifeln. 25 00:06:25,220 --> 00:06:44,060 Vermutlich sind es aber mehr, die an der Umwelt, wie sie heute ist, leiden. Ich glaube tatsächlich, dass wir AutistInnen heute, im Vergleich zu früher, mehr aus zu viel reizgewachsenen Leidensdruck erfahren, denn unser alter Reizpegel ist deutlich und messbar gewachsen. 26 00:06:46,000 --> 00:06:56,960 Wie sieht denn meine These, dass die meisten Autismussymptome generell eine Art Überreizungsreaktionen seien, aus, wenn wir die verschiedenen Symptome genauer betrachten? 27 00:06:57,440 --> 00:07:17,200 Fangen wir mit der sozialen Interaktion an. Sie ist eine große Quelle für Missverständnisse. Es wird aus meiner Sicht sehr oft sehr unklar und missverständlich formuliert und gesprochen, da normtypische Menschen oft einen Subtext, den ich aber nicht erkennen kann, mitdenken. 28 00:07:17,960 --> 00:07:37,680 Subtexte sind für mich sozusagen non-verbale Reize, die ich nicht immer spontan dechiffrieren kann und weil sie oft eine möglicherweise allen anderen bekannte Vorgeschichte haben, die nur ich mal wieder nicht kenne, vermutlich verpasst habe, weil ich gerade mit dem Verarbeiten anderer Reize beschäftigt war. 29 00:07:38,440 --> 00:07:54,940 Kurz gesagt, Sprache und Kommunikation nehme ich als akustische und mentale Reizungen wahr, die ich verarbeiten muss, obwohl ich sie oft nicht verstehe. Es wird zudem oft behauptet, AutistInnen denken schwarz-weiss. 30 00:07:56,340 --> 00:08:14,120 Ich kenne es von mir so, dass ich komplexe Situationen für mich quasi auseinanderdröseln muss, um sie besser zu Dabei geht es mir weniger um intellektuelles Verstehen oder Nichtverstehen, sondern darum, Subtext und Inhalt zu trennen, die Essenz herauszufiltern. 31 00:08:14,440 --> 00:08:26,060 Das sieht womöglich nach Vereinfachung aus oder kann sogar als schwarz-weiß-Denken verstanden werden, ist aber eigentlich eher eine Art Übersetzungsprozess in meine Art des Denkens. 32 00:08:26,680 --> 00:08:38,159 Es ist eine Art Konvertierung in meine Denk- und Fühlvorgänge. Beim Denken fühle ich, beim Fühlen denke ich. Ich verarbeite die Reize, die ich empfange. 33 00:08:39,799 --> 00:08:57,280 Je ähnlicher meiner Art zu dechiffrieren, die sendende Person tickt, desto einfacher fällt mir die Übersetzung und desto weniger Energie brauche ich dafür. Je fremder die Denkweise des Gegenübers, desto mehr Energie muss ich aufwenden, um es zu verstehen. 34 00:08:58,159 --> 00:09:06,580 Mir das zum Vorwurf zu machen, zu behaupten, dass ich soziale Schwierigkeiten habe, empfinde ich deshalb oft als unlogisch. 35 00:09:08,640 --> 00:09:25,720 Weitere Autismussymptome wie Stereotypien, Rituale, Routinen, Stimming und Wiederholungen von Bekannten sind bei mir mehrheitlich Kompensationshandlungen, um der Überreizung etwas Vorhersehbares entgegenzusetzen. 36 00:09:26,240 --> 00:09:37,420 Damit sind wir schon wieder beim Thema Reaktion. Wenn ich, was eher selten vorkommt, einmal nicht dauerüber reizt bin, kann ich tatsächlich zu Weilen ganz ruhig da sitzen. 37 00:09:37,920 --> 00:09:56,140 Also so ruhig, dass meine Hände nicht ständig an etwas herumfummeln müssen und mein Hirn nicht ständig an etwas herumdenken muss. Das zeigt mir, dass meine häufige Unruhe eben schon mit den oft zu vielen Reizen zu tun hat, die irgendwie kompensiert werden müssen. 38 00:09:57,960 --> 00:10:21,060 Und das führt mich zur Frage, ob Denken, Nachdenken, Grübeln, kurz Overthinking, denn typisch Neurodivergent, typisch Autistisch ist. Naja, vielleicht irgendwie schon. Aber irgendwie ist es wohl auch wieder so eine Art Kollateralreaktion, wie die meisten bereits erwähnten Themen. 39 00:10:21,560 --> 00:10:32,620 Inzwischen denke ich, dass Overthinking eine Art Kompensationsstrategie zur Anpassung an die Welt da draußen, mit ihren vielen Eindrücken, Erwartungen und Forderungen an uns ist. 40 00:10:33,000 --> 00:10:45,860 Eine Art Rückkopplung. Weil ich denke, dass du denkst, denke ich mir so und so und sage dies und das und dann klinge ich vermutlich nicht mehr ganz so komisch, wie ich klingen würde, wenn ich so und so. 41 00:10:46,900 --> 00:11:03,780 Tatsächlich denke ich im Voraus oft über alle möglichen Eventualitäten an zu erwartenden Missverständnissen durch Neurotypische nach, um diese bestmöglich zu vermeiden, nur um dann doch durch meine komplexen Fragen und Aussagen so richtig Verwirrung zu stiften. 42 00:11:05,120 --> 00:11:10,060 Warum also nicht einfach so reden, wie ich reden würde, wenn ich nicht maskieren würde. 43 00:11:11,460 --> 00:11:15,000 Aber das geht doch nicht, damit würde ich ja alle verstören. 44 00:11:16,380 --> 00:11:29,300 Ja, so ist das manchmal in meinem Kopf, denn ich habe oft genug erlebt, dass klare Ansagen arrogant wirken können, also versuche ich besser, ebenso indirekt zu sprechen wie die normtypischen. 45 00:11:30,220 --> 00:11:32,380 Schließlich machen das doch die anderen auch. 46 00:11:33,740 --> 00:11:42,660 Bloß kann ich es eigentlich gar nicht wirklich, obwohl ich diese Fremdsprache, dieses Neurotypisch doch von klein auf mitgelernt habe. 47 00:11:44,000 --> 00:11:48,620 Die Wörter verstehe ich, nicht aber was Menschen meinen, wenn sie so und so sprechen. 48 00:11:50,400 --> 00:11:54,940 Ist es da nicht logisch, dass da eine zur Obersinkerin wird? 49 00:11:57,650 --> 00:12:04,710 Nichtsdestotrotz ist Sprache und Ausdruck mein Hauptspezialinteresse. Oder vielleicht gerade deshalb. 50 00:12:06,900 --> 00:12:16,840 Autistisches Masking ist übrigens für mich so anstrengend, zumindest gewesen als ich es noch sehr intensiv betrieben habe, weil es extrem kleinteilig ist. 51 00:12:18,400 --> 00:12:32,400 Heute vermeide ich es immer mehr, je bewusster es mir geworden ist. Masking bedeutet, jeden noch so winzige Handlung zu kontrollieren, damit das Anderssein bestmöglich verschleiert wird. 52 00:12:33,000 --> 00:12:51,420 Beispielsweise heisst es, nicht nur über einen nicht verstandenen Witz höflich mitzulächeln, sondern auch noch etwas halbwegs Sinnvolles als Reaktion rauszuhauen, sich nicht anmerken zu lassen, dass eins keine Ahnung hat, worüber gerade gesmaltalked wird. 53 00:12:53,160 --> 00:13:13,220 Letztlich setzte ich, wenn ich zurückschaue, immer wieder falsche Signale, die als »ich kann das auch« gelesen werden mussten und sollten. Dabei konnte ich es eigentlich gar nicht oder nur zu einem sehr hohen Preis, den ich heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu zahlen bereit bin. 54 00:13:14,500 --> 00:13:32,440 Warum ich mich dennoch für den Weg des Maskings entschieden habe? Nun ja, Ja, wenn ein Mensch immer aneckt, obwohl dieser Mensch nichts lieber täte, als dazuzugehören und nicht aufzufallen, fängt er eben damit an, sich anzupassen und dabei immer kleiner zu werden. 55 00:13:35,000 --> 00:13:40,800 Es tut mir heute gut, diese falschen Signale zu erkennen, die ich gesendet habe, und sie zu benennen. 56 00:13:42,280 --> 00:13:55,820 Dabei geht es mir noch nicht mal darum, mir oder anderen die Schuld zu geben, denn ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die ebenso war, wie sie war. Menschen, die heute aufwachsen, haben diese Probleme nicht, dafür andere. 57 00:13:56,560 --> 00:14:12,180 Wir sind immer Kinder der Zeit, in die wir hineingeboren werden. Der jeweilige Zeitgeist formt uns immer mit. Heute will ich vor allem verstehen. Zusammenhänge erkennen und verstehen, wie was wirkt und wie was gewirkt hat. 58 00:14:12,880 --> 00:14:25,980 Ich will mich und andere besser verstehen. Und ich will die Verantwortung für all das, was mein Leben ausmacht, übernehmen. Und einen möglichst guten, reizarmen Umgang mit der Welt, in der ich lebe, finden. 59 00:14:26,800 --> 00:14:41,320 Mit all den Reizen, mit all der Fülle und auch mit all den Dramen dieser Zeit. Denn wie ich schon sagte, besteht autistisch zu sein vor allem darin, eine hochpotenzierte, hoch- und Reizsensibilität zu managen. 60 00:14:42,540 --> 00:14:57,780 Ich denke, dass es nicht nur uns Menschen im Spektrum, sondern allen gut hätte, wenn unsere Umgebungen reizärmer wären. Weniger ist mehr, ist zwar eine Floskel, aber eine, die ich für mich als sehr wahr und sehr wesentlich erkannt habe. 61 00:14:59,540 --> 00:15:13,700 Ja, ich wünsche mir tatsächlich von meinen Mitmenschen, die nicht im Spektrum sind, mehr Unterstützung, mehr Verständnis und Respekt. Dafür weniger Lärm, weniger Stress, weniger Druck, weniger Abwertung auch. 62 00:15:14,940 --> 00:15:24,480 Möge es uns gelingen, wieder mehr selbst zu gestalten, statt immer nur auf ein Zuviel an Reizen reagieren zu können. Ja, das wünsche ich uns wirklich sehr. 63 00:15:26,950 --> 00:15:39,210 Und nun bedanke ich mich bei euch herzlich fürs Zuhören. Schön, dass ihr da seid. Und wie immer könnt ihr mir gerne Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art schreiben. 64 00:15:40,750 --> 00:15:42,410 Ciao und bis zum nächsten Mal.