1 00:00:01,390 --> 00:00:18,350 Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem siebten Podcast. Heute erzähle ich euch etwas über zwei Begriffe, die ich zwar inhaltlich kannte und praktizierte, nicht aber wusste, dass sie ziemlich oder auch besonders typisch für Menschen im Spektrum sind. 2 00:00:19,990 --> 00:00:33,250 Infodumping und Oversharing heißen diese beiden Kumpel. Und gern hätte ich dafür Begriffe in meiner Sprache. und ich habe sogar auch schon nach Namen gesucht, aber so richtig glücklich bin ich damit nicht geworden. 3 00:00:34,530 --> 00:00:45,030 Infodumping wird gern auch mal als Klugscheisserei bezeichnet und ist somit ebenso negativ konnotiert wie Infodumping. Bleiben wir doch lieber dabei. 4 00:00:46,410 --> 00:01:00,290 Am Anfang war das Klischee, wenn Autistinnen sich dazu überwinden, etwas zu sagen, dann ist das, was sie sagen, meistens hochintelligent, hochkomplex und natürlich genial. 5 00:01:01,170 --> 00:01:13,230 Gern auch ohne Punkt und Komma. Voilà, da haben wir es, das Infodumping. So werden AutistInnen leider in Büchern oder Filmen noch immer viel zu oft dargestellt. 6 00:01:15,050 --> 00:01:27,250 Klischees bilden ja selten die Wirklichkeit ab. Sie zeigen bestenfalls einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit. Ja klar gibt hochintelligente geniale Menschen im Autismus Spektrum. 7 00:01:28,130 --> 00:01:45,650 Doch sie sind die Ausnahme, nicht die Regel. In Wirklichkeit muss Infodumping nämlich weder genial noch hochkomplex sein. Es ist vor allem eins, eine verdichtete oder ausführliche Portion verinnerlichten Wissens, das dir geschenkt wird. 8 00:01:46,170 --> 00:02:06,650 Denn Infodumping kann auch eine Art Liebeserklärung oder auf jeden Fall ein Vertrauensbeweis darstellen. Wenn nämlich eine autistische Person ihr Wissen mit dir teilt, kann das bedeuten, dass sie dir genug vertraut, um davon auszugehen, dass du dich für ihre Gedanken, für ihr Wissen, für ihre Erkenntnisse interessierst. 9 00:02:07,130 --> 00:02:20,530 Und auch für ihre, ihre artgerechte, unmaskierte Kommunikationstechnik. Diese ist nämlich weniger ein Ping-Pong, wie es nicht autistische Menschen tun, sondern eine Art Strom. 10 00:02:21,750 --> 00:02:25,870 Also am liebsten alles ohne Unterbrüche erzählen. 11 00:02:28,400 --> 00:02:41,540 Natürlich haben viele von uns durch Maskieren dieses hin- und hersprechen gelernt und oft auch verinnerlicht. Aber wenn wir dürfen, entspricht uns ja eigentlich eher der Monolog. 12 00:02:42,260 --> 00:03:04,500 Und dann können wir auch gern mal ohne Punkt und Komma alles über unsere Lieblingsserie oder was uns sonst noch so brennend interessiert erzählen. Im Grunde ist das das Gegenteil von Smalltalk, denn so lästig für Nicht-AutistInnen vielleicht unser Infodumping ist, so lästig ist für uns jegliche Form von Smalltalk. 13 00:03:05,800 --> 00:03:14,560 Wir sind in unserem So-Sein und in der Kommunikation übrigens dadurch nicht weniger empathisch. Wir kommunizieren nur eben anders. 14 00:03:16,380 --> 00:03:31,840 Und da wäre mal wieder dieses Wort anders. Anders steht immer in Beziehung zu einem anderen Begriff. Anders als die Norm. Anders als Nicht-Autistinnen. Anders ist eine Abweichung. 15 00:03:32,860 --> 00:03:48,700 Und anders bedeutet nicht unbedingt dazu zu anders zu sein, ausgegrenzt zu sein. Dabei ist es genau das, was wir nicht wollen. Wir wollen ja eigentlich nur normal sein, gleich, ähnlich zumindest. 16 00:03:50,820 --> 00:03:57,360 Sorry, das musste jetzt. Das war jetzt ein klitzekleines Infodumping zum Begriff anders. 17 00:03:58,880 --> 00:04:00,800 Aber wo waren wir gleich noch? 18 00:04:02,180 --> 00:04:06,980 Ah ja, Nicht jede Person, die euch volltextet, ist übrigens Autistin. 19 00:04:09,430 --> 00:04:15,090 Der zweite Begriff, den ich euch heute vorstellen möchte, ist, wie gesagt, Oversharing. 20 00:04:16,990 --> 00:04:32,930 Infodumping und Oversharing werden zum Teil vermischt und vertauscht, darum hier ein paar Infos. Oversharing ist ebenfalls nicht exklusiv etwas für Menschen im Spektrum, doch betrifft wohl Menschen im Spektrum ziemlich stark. 21 00:04:33,589 --> 00:04:46,650 Warum, erzähle ich euch gleich. Das Bedürfnis, Erlebtes zu teilen, ist durch Social Media quasi für viele noch viel alltäglicher geworden als früher, als man Tratsch und Co. 22 00:04:46,750 --> 00:05:03,750 noch von Mund zu Mund verbreitet hatte. Doch Oversharing meint noch einen Tick mehr. Es ist quasi das Bedürfnis, fast grenzenlos und dazu sehr persönlich und möglicherweise auch über intime Dinge zu sprechen oder zu erzählen oder zu schreiben. 23 00:05:04,690 --> 00:05:18,030 Alles, was wir denken, was wir erleben, was wir fühlen, was wir erkannt haben, was wir für Schlüsse gezogen haben. Ein Bedürfnis, das über das alltägliche Teilen solcher Dinge hinausgeht. 24 00:05:18,830 --> 00:05:26,570 Und deshalb steht ja auch das Over, das Über vor dem Sharing, vor dem Teilen. Es ist ein Überteilen. 25 00:05:27,990 --> 00:05:30,850 Und da kann man sich ja schon fragen, warum tut das jemand? 26 00:05:32,190 --> 00:05:46,870 Es mag zum einen um Resonanz gehen oder aber auch darum, nicht genau zu wissen, wie das geht, dieses Teilen, dieses Sich-Mitteilen, nicht genau zu wissen, wo die Grenzen verlaufen. 27 00:05:47,670 --> 00:06:03,750 Was damit zu tun hat, dass wir Menschen im Spektrum soziale Situationen oft anders lesen, als sie von anderen Menschen gemeint sind. Wir wollen uns mitteilen, wissen aber zuweil nicht genau, wie das für den nicht-autistischen Teil der Menschheit funktioniert. 28 00:06:05,290 --> 00:06:23,430 Unser Infodumping und oder Oversharing-Bedürfnis ist, wie ich bereits sagte, quasi unser Äquivalent für das Smalltalk-Ding der Neurotypischen. Über irgendwas muss eins ja reden, warum also nicht über das, was uns interessiert? 29 00:06:23,950 --> 00:06:35,890 Für mich bedeutet es vor allem, dass ich in einem Gespräch, wenn ich denn schon in so eine unerwartete Situation geraten bin, das Steuer in der Hand habe und kontrollieren kann. 30 00:06:36,690 --> 00:07:02,470 Das bedeutet, dass ich ein gewünschtes Thema wählen kann, in welchem ich mich sicher fühle. Mitbestimmung teilhabe also. Und mein Thema ist allemal spannender als diese ganze Labberquatsch, den die sogenannten Normalen da so bei Sekt und Häppchen aufsondern und der mich sowas von überhaupt nicht interessiert, zumal ich ja oft gar nicht weiß, worum es geht, naja, oder so. 31 00:07:04,720 --> 00:07:19,900 Ja, weil ich nicht über all diese Themen, über die andere sprechen, reden kann, da darüber aus reinem Desinteresse auch nichts zu sagen habe, frage ich halt Unbekannte gern mal über ihre Psyche oder über ihre Befindlichkeit aus. 32 00:07:20,880 --> 00:07:39,320 Eins meiner Lieblingsthemen in solchen Situationen, ja, ich frage gern mal sehr persönliche Dinge, auch gern zu persönliche Dinge. Achtung, Fettnäpfchen! Naja, so oft gerate ich auch nicht mehr in solche Situationen, denn ich vermeide sie wo immer es geht. 33 00:07:40,840 --> 00:07:57,840 Meine Strategie aber ist, damit ich das Small Talk-Level so rasch wie möglich verlasse, Themen selbst anzuschneiden, Themen die mich interessieren. Mein Versuch eine unangenehme soziale Situation irgendwie möglichst gut und unbeschadet zu überstehen. 34 00:07:58,620 --> 00:08:10,870 Mit meinem Lieblingsthema die Persönlichkeit und die Befindlichkeit des Gegenübers zu habe ich übrigens schon ganz unterschiedliche, sehr gute und sehr schwierige Erfahrungen gemacht. 35 00:08:11,990 --> 00:08:29,210 Grundsätzlich interessiere ich mich vor allem dafür, wie eine Person die geworden ist, die sie heute ist. Wie ist sie heute, wie erlebt sie, wie fühlt sie, wie denkt diese Person über dies oder über jenes, wie geht sie um mit, wie tickt diese Person, wie funktioniert sie. 36 00:08:30,530 --> 00:08:43,870 Dabei Da ist es sowohl persönliches, also empathisches Interesse meinerseits, andererseits aber auch eine Art analytisches Interesse. Warum macht sie das so? Wie funktioniert ihr System? 37 00:08:44,850 --> 00:09:11,070 Ich will verstehen und ich brauche wohl auch eine Art Schublade, vielleicht sogar eine Art Bewertungssystem im Sinne von Gefahr oder Verlässlichkeit, also ob ich mich einlassen kann, ob ich jemandem mein So-bin-nicht zeigen kann und wer meine Analyse übersteht und von mir als verlässlich und vertrauenswürdig wahrgenommen wird, dem erzähle ich also womöglich auch etwas von mir. 38 00:09:13,270 --> 00:09:27,370 Das mag jetzt abstrakt oder gar abstrus oder absurd klingen, so als würde ich eine Strategie befolgen oder als wüsste ich immer ganz genau, was in mir drin abläuft. In In Wirklichkeit passiert das eher unbewusst. 39 00:09:27,970 --> 00:09:34,050 Es ist eine Art rituelle oder ritualisierte Annäherung an einen mir noch unbekannten Menschen. 40 00:09:35,810 --> 00:09:49,810 Soziale Interaktion im echten Leben ist für mich eigentlich immer eine Art Blindflug, ein Tasten im Nebel. Ich kann selten genau abschätzen, wann was genau angebracht ist, wann ich reden oder schweigen soll. 41 00:09:49,810 --> 00:10:08,030 Und oft stelle ich mir von anderen an mich gestellte unausgesprochene Erwartungen vor, die vermutlich niemand wirklich gestellt hat. Solche Erlebnisse sammle ich eher außerhalb meiner kleinen Wohlfühl-Menschenblase, während ich innerhalb dieser Blase eher sehr entspannt kommuniziere. 42 00:10:09,690 --> 00:10:21,970 Schon seit 21 Jahren schreibe ich in dieses Internet. Und natürlich auch außerhalb desselben. Schon sehr bald habe ich gemerkt, dass mir der schriftliche Ausdruck mehr entspricht als der mündliche. 43 00:10:22,550 --> 00:10:35,310 Schon in der Schulzeit, als ich meinen Brieffreundinnen und Brieffreunden Briefe geschrieben und meinem Tagebuch von meiner Befindlichkeit erzählt habe, also damals in den analogen 70ern und 80ern. 44 00:10:35,950 --> 00:10:50,650 Schriftlich ist für mich einfach einfacher. Achtung, Infodumping! Einfach ist ja eigentlich gar nichts. Ich mag dieses Wort nicht. Es ist ein Wort, das Menschen nutzen, die das Privileg haben, etwas zu können. 45 00:10:51,370 --> 00:11:03,570 Etwas einfach zu können, was für alle anderen alles andere als einfach ist. Infodumping ist auch da und dort etwas kurz erklären. Gerne auch ein paar Seiten lang. 46 00:11:05,350 --> 00:11:16,430 Selbst finde ich es übrigens nicht generell schlimm, wenn andere über sich oder ein Thema ausführlich reden oder schreiben, oder über sie etwas zu sagen haben, wenn es mich denn interessiert. 47 00:11:16,910 --> 00:11:34,610 Und ich will mich auch nicht mehr dafür schämen und mich immer zu rechtfertigen müssen, dass ich zuweilen Info dampfe. Dennoch übe ich mich, meine innere Erklärbärin nur mit Vorankündigungen auf andere loszulassen, was mal besser und mal schlechter gelingt. 48 00:11:34,610 --> 00:11:47,250 Wisst ihr was? Sein Podcast wie dieser hier ist letztlich Infodumping UND Oversharing, also zwei für eins, kombiniert in Reinkultur. 49 00:11:48,590 --> 00:12:10,970 Dank des Podcasts Authentisch Autistisch habe ich das neulich begriffen. Den Link zur entsprechenden Folge findet ihr in den Infos zu diesem Podcast. Ich zitiere Podcasterin Janina, Ich komme mit irgendetwas nicht weiter, finde etwas nicht, habe etwas vergessen, kann mir völlig logische Zusammenhänge nicht schlüssig erläutern. 50 00:12:11,590 --> 00:12:23,990 Dann kommt jemand hinzu, bemerkt meinen verwirrten oder überforderten Gesichtsausdruck und fragt, was ist los? Und kaum beginne ich zu erzählen, ist alles logisch, schlüssig, völlig klar. 51 00:12:24,750 --> 00:12:31,730 Oh Mann, denke ich mir dann allzu oft. Warum habe ich mich vorher so angestellt? Zitat Ende. 52 00:12:33,310 --> 00:12:49,810 Tatsächlich habe ich mich in ihrer kleinen Erzählung wiedergefunden. Während es bei ihr eine Badeente, ein Quietscheentchen ist, dem sie zuweilen ihre Geschichten erzählt, wenn sie nicht weiterkommt, sind es bei mir eigentlich immer die leeren Seiten gewesen. 53 00:12:49,810 --> 00:13:01,850 Egal ob Briefpapier, Tagebuch, Schreibprogramm, die mir zugehört haben oder das Audio-Programm auf dem Handy. Und neuerdings ist es eben das Podcast-Mikrofon. 54 00:13:03,290 --> 00:13:10,490 Sagte ich schon irgendwann, dass ein neurodivergentes Hirn anders denkt und anders kommuniziert als ein neurotypisches? 55 00:13:12,230 --> 00:13:39,870 Gemäss Janina reduzieren Bade-Ende oder Mikrofon den Druck. Erstens, ich bin allein und kann meine Gedanken nach Gusto ausbreiten. Zweitens, ich kann eine Gesprächssituation im Kopf und auf dem Papier ausprobieren und ich kann mir drittens alles Mögliche vorstellen, kann mir Gedanken machen, mir selbst zu hören, mich ganz nebenbei sortieren. 56 00:13:40,290 --> 00:13:54,170 Denn Badeenten hören wertfrei zu. Debugging nennt sie das, Janina, die Podcasterin. Womit wir schon wieder so ein neues Fremdwort hätten. Dazu noch eins aus der Informatik. 57 00:13:54,790 --> 00:14:02,710 Ich mag es ja, abstrakte Begriffe gleichsam als Metaphern zwischen unterschiedlichen Bereichen meiner Wirklichkeit hin und her zu erreichen. 58 00:14:04,250 --> 00:14:14,770 Debugging, debuggen also. Das bedeutet, einen Fehler oder ein Problem zu definieren und anschließend zu beheben, eine Lösung zu finden. 59 00:14:16,090 --> 00:14:28,730 Badeente, Papier oder Mikrofon helfen uns also dabei, redend oder schreibend, Gedanken zu machen, sie zu ordnen, laut oder leise die Dinge in unserem Kopf aufzudröseln. 60 00:14:28,830 --> 00:14:43,510 Und nicht nur darum ist mir das Podcast inzwischen so lieb geworden. Lautes Nachdenken. Zuerst schriftliches Nachdenken, dann gesprochenes Nachdenken. Ein bisschen wie sich selbst mal besser zuhören lernen. 61 00:14:44,190 --> 00:14:48,650 Irgendwie. Joa, das ist genug für heute, finde ich. 62 00:14:51,050 --> 00:15:09,710 Zum Schluss noch etwas in eigener Sache. Diese Podcast-Folge lade ich noch auf meine aktuelle Podcast-Instanz hoch, Doch wenn alles klappt, steht bald ein Umzug bevor. Eine eigene, kleine Podcastinstanz, an der gerade jetzt zwei tolle Menschen bauen. 63 00:15:11,210 --> 00:15:17,090 Ich hoffe es klappt. Dass das für mich etwas ganz Großes ist, könnt ihr euch vielleicht vorstellen. 64 00:15:18,530 --> 00:15:30,110 Die Infos und die neue Adresse für eure Abos findet ihr demnächst auf der Hauptseite, damit ihr, falls ihr möchtet, mit umziehen könnt. Nächste Woche geht es hier weiter. 65 00:15:30,410 --> 00:15:50,990 Und falls ihr konkrete Fragen und Themenwünsche habt, schreibt mir bitte gern. Ich bin offen für Anregungen und Rückmeldungen aller Art. Schreibt mir unter janaluna at unbox.at Ich danke euch herzlich fürs Zuhören. 66 00:15:51,430 --> 00:15:53,010 Ciao und bis zum nächsten Mal.