#11 Was bei Stress hilft: Routinen und Stimming
S01:E11

#11 Was bei Stress hilft: Routinen und Stimming

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Für sehr reizoffene Menschen kann Reizüberflutung schnell stressig werden. Stress ist überhaupt ein Thema, das für viele Menschen hochaktuell ist. Weil ich über dieses Thema und den Umgang damit nicht allein sprechen wollte, habe ich andere neurodivergente Menschen um ihre Stimmen und Gedanken gebeten. Das ist der Grund, warum die heutige Folge länger ist als sonst.

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Hallo zusammen und herzlich Willkommen zu meinem 11. Podcast. Nachdem ich euch das letzte Mal davon erzählt habe, wie ich Reize erlebe und wie schnell sie für reizoffene Menschen wie mich zu einer Reizüberflutung werden können, spreche ich heute darüber, was Stress mit mir macht und wie ich mit ihm umgehe.

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Stress ist ein Thema, das für viele Menschen hochaktuell ist. Aus rein persönlichen Gründen oder aber auch aus gesellschaftlichen, politischen und oder zwischenmenschlichen.

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Wenn ich zu diesem Thema nicht allein sprechen wollte, habe ich andere neurodivergente Menschen um ihre Gedanken gebeten. Das ist auch der Grund, warum die heutige Folge länger ist als sonst.

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Für mich ist Stress und der Umgang damit ein Dauerbrenner, denn so richtig habe ich die guten Lösungen für mich noch nicht gefunden.

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Stressreduktion geschieht bei mir oft über das Vermeiden von sozialen und anderen potenziell stresserzeugenden Situationen. Aber immer geht Vermeiden ja auch nicht und letztlich erzeuge ich auch mit Nachdenken oft ganz ohne fremdes Zutun Stress sind mehr.

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Auch ist das, was mich stresst, nicht immer gleich. Die Dinge, die mich potenziell stressen, zu relativieren, ist zwar ein guter Ansatz und auch einer, an dem ich immer mal wieder arbeite, doch bis ich soweit bin, brauche ich andere Strategien, um Stress zu reduzieren und mit vorhandenem Stress auf eine möglichst gute Art umzugehen.

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Außerdem kommt da noch die Tagesform dazu, die ist ja auch nicht immer gleich. Zum einen helfen mir dabei Routinen. Ich nenne das, mich wieder in meine Umlaufbahnen einfädeln.

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Wenn ich zum Beispiel nach einem Tag oder einem Abend im Draußen mit all den vielen nicht vorhersehbaren Erlebnissen und Erfahrungen zurück in meine Wohnung komme und hier endlich wieder jene Dinge tun kann, die mich zurück in meine Grundsicherheit und notwendige Ruhe bringen.

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Meine Routinen, meine Rituale, meine Stimmings.

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Die Art, wie und womit ich mir zum Beispiel nach dem Abendessen ein Tablett richte, ist eine wichtige Routine in meinem Leben. Ich stelle mir jeden Abend meine Lieblings-Tee-Tasse mit gefülltem Tee-Ei, eine Heißwasserthermoskanne und einen kleinen Teller mit Dörrfrüchten zusammen.

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Das sind die Basics, die darauf stehen müssen. Es gibt noch ein paar andere Dinge, die können ebenfalls drauf, müssen aber nicht. Dieses Tablett, das ich dann ans Sofa nehme, verspricht mir einen ruhigen und erholsamen Feierabend, Rückzug und Sicherheit.

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Ebenso sind es meine Morgenroutinen, Tee im Bett, danach Yoga, danach Dusche, die mir helfen, die täglichen Weichen zu stellen, damit ich gut und ruhig in den Tag starten kann und die mir Sicherheit vermitteln.

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Ja, es sind diese kleinen Inseln, die mir helfen, dass ich den Tag darum herum möglichst stressarm erleben kann. Meine ADHS gibt mir genug Raum, die Tagesinhalte, die je nach Anforderungen von außen oder innen sehr unterschiedlich sein können, relativ flexibel zu gestalten.

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Doch ich brauche diese Grundfesten, um mich sicher zu fühlen. Dazu gehört übrigens auch das Sitzen am Schreibtisch. Der Schreibtisch ist mein Rückzugsort par excellence.

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Eine weitere Morgenroutine, die mir sehr lieb und wichtig ist, klingt auf den ersten Blick ziemlich bescheuert. Ich spüle auf nüchternem Magen das Restgeschirr vom Vortag.

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Am Abend bin ich dafür meistens zu müde. Da fülle ich nur die meisten Sachen in die Spülmaschine. aber da es ja immer ein paar Dinge gibt, die da nicht reingehören, weil ich sie ständig brauche, spüle ich diese eben am Morgen.

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Dazu gehört mein Lieblingsmesser und die Lieblingstasse. Ja, es sind vor allem kleine Dinge, aber manchmal sind es auch die Töpfe vom Abendessen. Das alles spüle ich am Morgen, während das Wasser für den Tee kocht.

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Diese Handlung hat einen Art rituellen Erdungseffekt bei mir und beruhigt mich sehr. Zugleich ist es ein erstes, schaffbares Erfolgserlebnis. Bevor ich spüle, öffne ich alle Fenster und lasse so während des Spülens die Luft durch die Wohnung ziehen.

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Beides hat gleichsam eine Art Reinigungseffekt auf mich und hilft mir, gut in den Tag zu gleiten.

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Ich gehe nachher wieder die Fenster schließend durch die Wohnung und bin dafür, hier zu wohnen. Das ist ein geradezu meditativer Akt. Zusätzlich gibt es in meinem Leben ganz viele kleine Routinen, die ich immer auf die gleiche Art mache.

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Wenn ich am Briefkasten vorbeilaufe, gucke ich jedes Mal, ob etwas drin liegt. Es sind die Reihenfolgen, die Abfolgen, die mich beruhigen. Denn über alles, was eine feste Reihenfolge und einen festen Ablauf hat, muss ich nicht nachdenken.

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Auch Zähneputzen gehört dazu, also wie ich die Bürste bewege, in welcher Reihenfolge oder auch wie ich mich dusche und wie ich nach der Dusche das Bad hinterlasse. Wie gesagt, viele kleine einzelne Dinge.

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Dinge immer gleich zu machen, wenn ich einmal den richtigen Dreh für eine Handlung herausgefunden habe, beruhigt mich ungemein. Ich habe zwar meine Rituale nicht auf Urzeiten festgenagelt, aber auf Reihenfolgen.

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Ursprünglich, wegen ADHS, habe ich auch damit angefangen, mir Wochenpläne zu machen. Diese Pläne sind teils mit fixen Dingen befüllt, teils aber mit täglich Neu-Dazukommenen, die ich im Voraus einem Tag zuordne.

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Teils kommen aber auch im Laufe des Tages neue Dinge hinzu, die mir über den Weg laufen und die ich dann erledige. Anschließend werden diese als getan auf der Liste aufgeführt und abgehakt.

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So entsteht ein Mix aus To-Do und Tada. Das Listenführen an sich ist für mich eine sehr wichtige Routine geworden. Ich führe übrigens auch Listen über die Bücher und Hörbücher, die ich höre und die ich lese.

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Auf meiner Liste stehen auch Dinge, die ich an den immergleichen Tagen im immer gleichen Kontext tue. Diese Wiederholungen beruhigen meinen autistischen Teil, während sich mein ADHS Teil dabei, zugegeben, manchmal ein bisschen langweilt.

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Was mich ebenfalls beruhigt und mir hilft, Spannung und Stress zu reduzieren, ist, meine Hände und Füße rhythmisch zu bewegen. Damit sind wir beim Stimming angelangt. Die Füße, vor allem die Zehen, sind oft in Bewegung.

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Sie biegen und dehnen sich oder heben sich vom Boden ab. Die Füße sind meine unsichtbarsten Stimming-Partner. Stimming ist eine Art Spannungs- und Druckausgleich über sensorische Handlungen.

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Das Wort bezeichnet laut Wikipedia in der Psychologie die Wiederholung von physischen Bewegungen, Geräuschen oder Lauten, aber auch von Riechen, Fühlen oder anderen, zum Beispiel visuellen Reizen.

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Diese Verhaltensweisen zeigen alle Menschen. Besonders ausgeprägt ist die bei autistischen Menschen. Stimming ist eine Abkürzung für self-stimulatory behavior, auf deutsch selbststimulierendes Verhalten.

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Zitat Ende.

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Wer Stimming von außen betrachtet, mag denken, dass es ja eigentlich paradox ist, Reizüberflutung mit noch mehr Stimulation zu begegnen. Dabei ist es eigentlich voll Logisches zu tun, es ist eine Art Umleitung oder eine Art Überdruckventil, wenn ich für mich stimme.

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Ich habe viele Jahre versucht, das Zappelbedürfnis meiner Hände zu unterdrücken, doch letztlich drückte das Bedürfnis immer wieder von Neuem durch. Fazit, wenn du einen Neurodivergenten Menschen folgen willst, verbiete im Stimming.

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Das war jetzt aber ein bisschen böse. Stims, Stimmings gibt es auf jeder sensorischen Ebene. Taktil, mit der Stimme, mit Geräuschen, die selbst produziert werden oder auch mit Musik.

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Gerüche und Essen können Stimmings sein und natürlich auch kochen. Ebenso visuell ist es wie das Betrachten eines Flusses. Letztlich alles, was uns stimuliert, fokussiert und beruhigt.

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Früher war das bei mir das Kritzeln, doch wenn ich während Sitzungen, um mich besser fokussieren zu können, vor mich hinkritzelte, sendete das zu weilen das Signal aus, dass ich ja gar nicht richtig zuhöre, nicht bei der Sache sei, mich nicht interessiere oder sogar andere ablenke.

9:03

Deshalb habe ich es nach und nach gelassen. Denn solche Rückmeldungen pflastern meinen beruflichen Weg. In meiner Wirklichkeit ist Stimming genau das Gegenteil, denn nur wenn ich kritzle oder irgendwie anders stimme, kann ich mich richtig gut fokussieren.

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Dann muss ich zum Beispiel auch nicht immer über Augenkontakt halten, nachdenken, was ja für mich ein ziemlich kompliziertes Thema ist.

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Mein aktuelles Lieblingsstimming ist es, mit Flauschchen Fidget Toys zu spielen, die ich mir selbst gehäkelt habe. Auch Stricken oder Häkeln sind gute Stimmings für mich.

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Nach wie vor kritzele ich gern oder ich knete weiche Bälle oder an einer Papiertaschentuchkugel herum.

9:49

Hauptsache es ist etwas, das sich angenehm auf der Haut anfühlt und das ich wieder und wieder und tun kann, repetitiv im Kreis. Auch mit den Händen in Kreisbewegungen über meinen Oberschenkel streichen mag ich.

10:04

Oder wie jetzt, während ich diesen Podcast einspreche, wie ich hin und her schaukele auf meinem Bürostuhl. Das alles beruhigt mich zutiefst. Sogar dann, wenn ich an Krusten oder an kleinen Schnitten auf der Haut herumfummele oder Pickel ausdrücke.

10:21

Stimming ist aber auch surfen auf dem Handy oder iPad und das eine oder andere Spiel zu spielen, oder aber auch das Hören eines Hörbuchs oder Podcasts, während ich auf dem Tablet Billard spiele.

10:34

Hauptsache es bindet und beschäftigt ein oder sogar mehrere Sinne, sodass die anderen Sinne sich auf etwas anderes fokussieren können, auf die Verarbeitung von Gedanken oder ein Gespräch.

10:47

Kurz gesagt bin ich mehr bei mir, wenn ich stimme. Wie gesagt, es hat mich sehr interessiert, wie es andere Neurodivergente halten. Also habe ich in meiner Blasimphediversum herumgefragt.

11:00

Apropos Neurodivergenz. Achtung, Infodumping, aber vielleicht wisst ihr das längst. Unter dem Überbegriff Neurodivergenz versammelt sich ein ganzes Spektrum verschiedener So-Seinsformen.

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Dazu gehören Autismusspektrum und ADHS, ebenso aber Hochsensibilität, Zynästhesie, Legasthenie, Dyskalkulie und weiter gefasst auch Zwangsstörungen etc. Auch werden je nachdem Bipolarität oder das Down-Syndrom dazu gerechnet.

11:34

Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Aufzählung nicht abschließend ist. Wie gehst du mit Stress um, wollte ich also von meiner Blase wissen und bekam darauf einige sehr wertvolle Rückmeldungen, die ich hier gern mit euch teile.

11:49

Sonja schrieb mir, ich bin 41 Jahre alt, seit kurzem steht die Diagnose AUDHS und ich teste gerade mehr oder weniger erfolglos, welche Medikamente helfen könnten. Ich bin verheiratet und habe zwei kleine Mischlingshündinnen aus dem Tierschutz, die mich zu meinem aktuellen Nebenjob als Hundetrainerin, Klammer noch in Ausbildung, gebracht haben, den ich neben meinem Hauptjob als Sozialarbeiterin mache.

12:20

Steaming äußert sich bei mir bisher in der eher sehr zerstörerischen Variante des Skinpickings und das passiert meist so nebenbei, dass ich es noch nicht mal bemerke. Ich plane in den nächsten Wochen ein paar verschiedene andere Tools zu probieren, damit das aufhört.

12:37

Definitiv wird es mehr, je stressiger alles ist und weil gerade alles sehr viel ist in meinem Leben, wäre es umso wichtiger, eine bessere Möglichkeit des Stimmings zu finden.

12:48

Ein Zwischending, vielleicht zwischen Routine und Stimming, ist bei mir das Laufen. Ich mache das einerseits routinemäßig, weil es leichter ist, dran zu bleiben dann, weil es mir gut tut.

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Andererseits ist es eine Form von Bewältigungsstrategie, wenn Tage zu voll waren mit sozialer Interaktion und weil ich beim Laufen einfach meine Ruhe habe. Routinen habe ich sonst besonders morgens und vor dem Schlafen gehen.

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Die Abläufe sind nahezu jeden Tag genau gleich. Das hilft mir, entspannt in den Tag zu starten, weil ich genau weiß, wann ich fertig bin und nicht großartig auf die Uhr schauen muss.

13:27

Es hilft auch, nichts Wichtiges zu vergessen. Zähneputzen zum Beispiel ist in beiden Routinen enthalten. Abends umfangreicher mit Zahnseide und Zwischenraumbürsten. Jeden Abend.

13:42

Wenn Tage wirklich krass reizüberflutend waren, erlaube ich mir abends auch mal, die Routine nur aufs Putzen zu beschränken, damit ich schneller ins Bett komme. Aber das ist selten.

13:54

Beim Essen ist es zumindest beim Frühstück so, dass das auch oft das gleiche ist. Routine auch beim Ankommen im Büro. Reinkommen, Wasserkocher anstellen, erst dann ins Büro und den Rechner anmachen.

14:08

Einlocken, heißes Wasser holen, Kaffee oder Tee aufbrühen und frühstücken. Während der PC alle Anwendungen startet und ich meine Mails lese. Erst dann bin ich mental bereit für meine KlientInnen.

14:22

Mein Leben ist sonst ziemlich chaotisch und ich habe wenig Platz für Routinen, obwohl ich sie brauche und sie mir gut tun. Daran arbeite ich noch, auch an Methoden, Entspannung zu finden und mich nicht zu übernehmen.

14:38

Dann wäre Stimming vielleicht auch nicht so nötig.

14:42

Zitat Ende.

14:45

Nun folgt die erste Audioaufnahme, die ich bekommen habe. Sie ist von Katharina.

14:53

Hi, ich bin Katharina und ich muss sagen, das mit dem Stimming fällt mir tatsächlich eher schwer, weil ich mir das über die letzten Jahre, beziehungsweise auch schon in der Kindheit, sehr stark versucht habe abzutrainieren und das Antrainieren eigentlich jetzt über die letzten Jahre erst wieder so ein bisschen anfängt.

15:11

Aber was mir schon immer geholfen hat, waren Routinen und Rituale. Und ich habe so im letzten Jahr festgestellt, dass ich das auch sehr bewusst einsetzen kann. Gerade zum Beispiel, wenn ich einfach mehr Pausen brauche, dass ich ein Pausenritual einführe.

15:27

Für mich ist morgens der Kaffee im Bett total wichtig. Also morgens erstmal eine Tasse Kaffee machen, wieder zurück ins Bett gehen und da in Ruhe Kaffee trinken. Das hilft mir sehr, weil ich sonst eigentlich schon im Bett total gestresst bin.

15:41

Das Gefühl habe ich kann es mir gar nicht leisten, jetzt noch vielleicht ein bisschen ruhiger zu machen oder so, sondern sofort aufstehe, sofort anfange zu arbeiten, im Kopf noch 50 andere Sachen mache und mir dadurch eigentlich die stressfreiste Zeit am Tag genommen wird.

15:55

Weil morgens bin ich noch so komplett für mich, da hat noch keiner von mir Energie weggezogen und da ist es halt einfach jetzt so schön, dass ich mir morgens diese Zeit auch wirklich ganz bewusst für mich nehme.

16:07

Das heißt, ich trinke in Ruhe im Bett einen Kaffee und genieße diesen Moment, diesen frischen Moment am Morgen, wo ich weiß, okay, jetzt wollte noch keiner was von mir, es stört mich noch keiner, es fordert keiner was von mir.

16:22

Also der Kaffee im Bett ist für mich das allerwichtigste Ritual.

16:29

Und was mir auch hilft, ist so Abläufe, gerade bei stressigen Tagen, oder wenn ich weiß, das wird ein fieser Tag, dass ich dann mein Safefood zu Hause habe. Das ist eine Fertigpizza und das sind Kekse.

16:43

Sehr gesund, aber darauf kommt es ja beim Safefood auch nicht an.

16:48

Die habe ich zu Hause. Das heißt, ich weiß, ich fahre jetzt nach Hause, ich schließe die Wohnungstür und danach rede ich mit keinem Menschen mehr und ich habe Pizza und ich habe Kekse.

17:00

Das ist einfach so schön. Das tut total gut. Genau, und damit jetzt nicht alle meine Rituale nur mit Essen oder Trinken zu tun haben, gibt es noch auch etwas anderes Schönes.

17:09

Ich habe mir mein Bett so eingerichtet, dass das ein Rückzugsnest ist. Das heißt, ich habe um mein Bett Vorhänge hängen. Das heißt, die kann ich zuziehen und kann mich damit zurückziehen.

17:21

Ich habe auch ein paar Leuchtsticker an der Wand, die ich dann auch angucken kann, um so ein bisschen wegzuträumen, ein bisschen mich entspannen zu können und mich auch so ein bisschen in eine andere Welt beamen zu können dadurch.

17:33

Also Rückzug und Essen sind meine Rituale.

17:41

Bunt Hörnchen hat mir Folgendes geschrieben. Ich bin eine sehr spät diagnostizierte AU-DHS-Lehrerin mit 39 bzw. 41 Jahren.

17:55

Ich lerne gerade erst, dass ich nicht immer maskieren muss und auch ich selbst sein darf. Ich nutze in sozialen Situationen gerne Handarbeiten. Das findet nie Mensch komisch.

18:07

Wenn gar nichts mehr geht, hilft laute Musik und Laufen, Laufen, Laufen. Das habe ich intuitiv schon als Kind und als Jugendliche gemacht. Ist aber nicht optimal, weil ich danach zwar ruhiger, aber auch total erschöpft bin.

18:23

Dann hilft nur noch Schlaf."

18:27

Zitat Ende.

18:30

Die nächste Aufnahme ist von Karsten.

18:34

Hier ist der Karsten oder auch Byteborg im Fediverse. Anstrengende Situationen sind für mich vor allen Dingen Situationen mit vielen Leuten um mich rum, mit denen ich vielleicht auch irgendwas zu tun haben muss und mit denen ich dann auch sinnvoll noch was anfangen soll.

18:48

Manchmal langt es, wenn ich aufstehe und mich im Raum einfach ein paar Schritte bewege. Das hilft ganz oft, um irgendwo mit dem Körper in Bewegung zu kommen und ein bisschen Muskeltonus aufzubauen.

19:07

Und da merke ich, dass ich dadurch aktionsfähiger werde. Ansonsten, wenn ich in so einer Umgebung mit vielen Menschen um mich rum, zum Beispiel im Büro, arbeiten muss, dann habe ich meistens Kopfhörer mit Noise-Canceling auf.

19:24

Wenn mich das dann trotzdem sehr anstrengt, dann neige ich dazu, die Beine so zu verknoten. Das hilft mir bei der Konzentration ganz viel. Und es entspannt mich einfach, wenn viele Leute um mich sind.

19:39

In Situationen, wo ich mit Leuten zusammensitze, zusammenarbeite, da zeichne ich auch ganz oft mit, so die Gesprächsfäden. Das nimmt mich dann ein bisschen so aus einer exponierten Position raus.

19:55

Ich bin 1,94 Meter groß und insofern kann ich mich da auch schlecht verstecken, wenn ich mit anderen Leuten zusammensitze. Da hilft so mitzeichnen, mitschreiben ganz gut, um das ein bisschen zu regulieren.

20:07

Ansonsten hat mir ein ganz lieber Mensch aus dem Fedi namens TQ auch mal vor längerem so Silikon-Knautschi-Spielzeuge empfohlen, hatte darüber geschrieben und das fand ich eine ganz klasse Idee und habe mir die dann auch besorgt.

20:26

Das sind so kleine Dinger, circa fünf, sechs Zentimeter groß, vielleicht einen halben Zentimeter dick aus Silikon, so mit diversen Texturen, Oberflächen. Da stecke ich mir auch regelmäßig eins ein.

20:37

Und in dem Moment, wo ich merke, mich strengt irgendwo was an, ich bin hier jetzt super gestresst und unter Spannung oder es geht vielleicht auch gleich nichts mehr, dann kann ich da gut spüren, wie sich das anfühlt.

20:50

Und ja, habe da mittlerweile auch so meine zwei Favorites von Oberflächen, wo ich merke, das ist so, da bin ich in meiner Komfortzone ganz schnell. Ja, also danke auch noch mal an TQ dafür, sensationeller Tipp.

21:06

Die beste Lösung für mich ist allerdings im Homeoffice zu arbeiten und den ganzen Belastungen aus dem Weg zu gehen.

21:17

Eine anonym bleiben wollende Frau schrieb mir folgendes.

21:22

Ich habe von meiner Psychologin die Verdachtsdiagnose Autismusspektrum bekommen. Ich fuddle wie meine Mutter in stressigen Situationen mit meinen Fingern rum, das sieht so aus, als wenn ich Yoga Mudra abspule.

21:35

Darum bin ich ja auch seit neuestem auf magnetische Silikonbälle umgestiegen. Nun werden also die in den Handflächen rumgeklappt. Die finde ich klasse, seitdem kratze ich mich auch viel weniger am Kopf, was ja befremdlich wirken könnte.

21:51

Was ich noch nicht im Griff habe, ist, meine innere Schleimhaut von den Wangen abzukauen. Zu Ritualen. Alles, was ritualisiert abläuft, muss ich nicht zerdenken. Zeitlich habe ich keine Rituale, aber die Abläufe von Tätigkeiten sind ritualisiert.

22:10

Zum Beispiel, wie ich die Wäsche aufhänge oder wie der Morgen beginnt, wobei ich da trenne zwischen freiem Tag und Wochentag und und und. Wenn etwas diese Abläufe stört, zum Beispiel eine neue Küche auf der Arbeit oder eine neue Bank auf dem Bahnhof, macht mich das fertig.

22:29

Beispiel Küche. Ich muss in einer neuen Umgebung neu darüber nachdenken, wie, wo, was ist, was zuerst zu tun ist. Womöglich gibt es neue Geräte, die einen stärkeren Fingerdruck benötigen oder es muss erst mal die Bedienungsanleitung verinnerlicht werden.

22:47

Wenn sich eine Situation, in der ich mich sicher und gut fühle, wie zum Beispiel mein Lieblingsplatz auf einer Bank auf dem Bahnhof, plötzlich verändert, weil da auf einmal ein Windschutz gebaut wird, der die ganze Akustik verändert, stresst mich das enorm.

23:03

Wer da mit drauf sitzt, pustet mir nun sein Gespräch direkt in das Hirn. Und das, ohne dass ich einen ersten Kaffee hatte.

23:13

Ich weiß noch nicht, ob ich zukünftig lieber stehen werde. Wenn ich wegen Stellwerkproblemen an einer anderen Haltestelle aussteigen muss, stresst mich das, weil ich wieder aufmerksamer sein muss, da ich den Weg nicht automatisch kenne.

23:28

Selbst das Navi zeigt mir womöglich zwei verschiedene Möglichkeiten für das letzte Stück mit dem Rad zur Arbeit. Wenn ich also dort bin, bin ich bereits fertig. Ich arbeite auf dem ersten Arbeitsmarkt, gehe auf die 50 zu.

23:44

Sehr viele Menschen befehlen sich über Veränderungen, aber letztlich sind Neurotypische bei solchen Veränderungen nicht so ausgelaugt wie AutistInnen. Das ist aus meiner Sicht der einzige Unterschied.

23:57

Denn es ist nicht so, dass ich das alles nicht bewältigen könnte, aber es kostet sehr viel Energie.

24:04

Meine morgendliche Erschöpfung wird durch die Verdachtsdiagnose so viel plausibler als alle anderen Erklärungsmodelle vorher." Zitat Ende.

24:17

Die nächste Stimme aus meiner Blase ist die von Random Weirdo

24:23

Alles brodelt und die Welt um mich herum zu viel ist, inwiefern helfen Stimming und Routinen? Mein Name ist Random Weirdo von Mastodon. Ich bin 42 Jahre alt, bin verheiratet, habe zwei Jungs im Teenageralter und arbeite derzeit als Lehrkraft.

24:40

Tatsächlich ist Stimming und auch Routinen für mich sehr, sehr wichtig, gerade wenn es besonders stressig ist, brauche ich das umso mehr. Meine typischen Stimmingverhalten sind sowas wie Sachen unter meinen Fingernägeln durchziehen, also zum Beispiel meinen Ohrstecker oder meine Haare oder sehr gerne nehme ich auch meine Kleidung und ziehe das so unter den Fingernägeln durch.

25:03

Ich kaume mir auf der Lippe rum, ich klicke mit meinen Gelenken rum oder wippe manchmal auch so ein bisschen mit dem Oberkörper hin und her, je nachdem. Ich mag auch gerne visuelle Stims, also sowas wie Bilder, Landschaften anschauen oder auch sowas wie Lavalampen angucken und sowas.

25:19

Ich habe auch ein paar auditive Stims. Manche Klickgeräusche finde ich irgendwie sehr satisfying und angenehm irgendwie. Zum Beispiel hier von dem Stimmingtoy.

25:29

Oder ich mag auch gerne Sachen riechen, zum Beispiel frisch gemahlenen Kaffee oder auch mein Waschpulver. Also wenn die Wäsche frisch gewaschen ist, dann rieche ich da sehr gerne dran, das tut mir unheimlich gut.

25:42

Und eine Sache, die ich auch mache, die aber tatsächlich vielleicht nicht ganz so funktional ist, ist, ich kratze ja viel an meiner Haut rum, besonders an meinen Fingern, sodass dann immer wieder offene Stellen entstehen und je stressiger es ist, desto mehr kratze ich da dran rum.

25:59

Rituale habe ich auch ein paar, also sowas wie Kaffee nach dem Mittagessen mit meinem kleinen Riegel oder so. Ich gucke auch irgendwie immer in den Briefkasten, wenn ich nach komme.

26:08

Also selbst wenn an dem Tag gar keine Post kommt, gucke ich trotzdem in den Briefkasten. Also so Arten von Ritualen, aber ich glaube, das ist eher so eine kleine Angewohnheit oder einfach was, was mir gut tut.

26:19

Bei Routinen ist es so, ich habe morgens eine besonders starke Routine, also da muss ich mich eigentlich auch ziemlich dran halten, weil mich das sonst unheimlich stresst.

26:31

Also wenn wenn dann mein Mann oder meine Kinder dazwischen kommen und ich meine Routine nicht so machen kann, also mein Mann dann vielleicht schon den Kaffee gekocht hat und auf die für mich falsche Art gekocht hat oder nicht die richtige Menge gemacht hat oder so oder irgendwelche Schranktüren offen stehen oder mein Löffel für meinen Frühstücksbrei nicht da ist oder sowas, das stresst mich ungemein und da bin ich also sehr stringent, auch wenn ich zum Beispiel auf die Arbeit komme, habe ich so meinen festen Weg, was ich mache, in welcher Reihenfolge und so und das brauche ich einfach sehr, damit ich das Gefühl habe, dass ich nichts vergessen habe.

27:10

Also insofern sind Routinen gerade in besonders stressigen Zeiten für mich sehr, sehr wichtig und je eher ich mich da genau dran halten kann, desto mehr gibt mir das ein Gefühl von Sicherheit.

27:20

Ja, so viel heute mal zu Routinen und Stimming.

27:24

Zu seinem Umgang mit Stress schrieb mir der 62 Jahre alte Peter. Ich

27:33

habe erst spät verstanden, warum mein Leben so verlaufen ist, wie es ist. Es war nicht schlecht. Es war sogar so, dass ich, bis auf Kleinigkeiten, nichts bereue und es nochmals genauso machen würde.

27:47

Aber es hätte durchaus Wege gegeben, die ohne komplizierte Umwege zum Ziel geführt hätten. Aber gerade die Umwege haben mir oft Inspiration und damit Antrieb gegeben. Im Nachhinein finde ich das sehr wertvoll.

28:03

Früher war es ein wenig nervig, aber heute verstehe ich, was es mir gebracht hat. ADHS ist für mich nicht unbedingt schlimm oder negativ. Eine Erklärung zu haben, warum die Konzentration leidet oder Gedanken kreisen, hilft mir, entsprechend zu reagieren.

28:22

Wichtig ist für mich, Situationen, die zu Überforderung führen, rechtzeitig zu meiden. Das bedeutet dann, keine Nachrichten schauen, keine Zeitung lesen, negative Menschen meiden, Menschenmassen meiden, in Supermärkten mit Musik und Werbung, nur mit Kopfhörereien, etc.

28:43

Es ist für mich sehr wichtig zu wissen, was eine Überforderung auslöst, und das im Vorher mitzudenken, damit ich entsprechend handeln kann. Wenn es denn zu spät ist, wird es schwierig.

28:55

Dann kreisen die Gedanken, Schlaflosigkeit, die Konzentration ist total im Eimer. Die Fokussierung auf das Problem muss aufhören. Dazu hilft mir rausgehen, Gedanken aufschreiben und gegebenenfalls posten, nette Kommentare lesen.

29:14

Bei den politischen Situationen hilft mir eine Analyse. Warum Politiker etc. genau das tun, was sie tun. Das Ergebnis ist dann natürlich auch nicht erfreulich, aber mein Kopf gibt dann etwas mehr Ruhe und ich habe eine Erklärung.

29:32

Und mit dieser kann man dann versuchen, Gegenmassnahmen zu erfinden oder mit anderen darüber zu reden.

29:41

Last but not least schrieb mir die 65-jährige Ulrike über ihre Stressstrategien folgendes Als hochsensible Person mit chronischer Depression und zum Glück seltenen Panikattacken kenne ich den Zustand der Reizüberflutung und mentalen Überforderung schon seit vielen Jahren.

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Die Hochsensibilität heißt bei mir, dass ich fast alles um mich herum wahrnehme, Geräusche, Gerüche, Stimmungen, diese aber ganz schlecht filtern oder ausblenden kann. Viele Menschen in einem Raum halte ich nur eine ganz begrenzte Zeit aus, sonst verliere ich mich selbst.

30:24

Von Menschen verursacht der Lärm, Klammer, laute Unterhaltungen, Partys mit lauter Musik, Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln, Klammer zu, und Maschinenlärm wie auf Baustellen machen mich schnell aggressiv.

30:41

Ich versuche solche Situationen zu meiden, gehe auch manchmal einen Umweg oder warte auf den nächsten Bus, der vielleicht nicht so voll ist. Manchmal hilft Musik über Kopfhörer, aber obwohl ich Musik liebe, mag ich nicht immer welche hören.

30:57

Gegen Stress und Unruhe hilft mir am meisten, wenn ich mich auf meine Atmung konzentriere und wenn ich etwas in die Hand nehmen kann. Dafür habe ich zum Beispiel verschiedene Steine mit unterschiedlichen Oberflächen oder einen Massageball mit spitzen Stachen, der durch den leichten Schmerz die Aufmerksamkeit weglenkt von der stressigen oder ängstigen Situation.

31:20

Falls ich mal nichts bei mir habe, massiere ich meine Hände mit Druck. Sehr hilfreich sind auch Imaginationen, mit denen ich mich an einen anderen, sicheren Ort versetzen kann.

31:31

Am wohlsten fühle ich mich aber in meiner Wohnung, in der ich schon sehr lange alleine lebe und meistens meine Ruhe habe. Hier kenne ich mich aus, finde ich mich auch mit geschlossenen Augen zurecht, kenne die Geräusche und fühle mich sicher.

31:46

Routinen oder Rituale habe ich nicht so viele oder sie sind mir nicht sehr bewusst. Nur der Morgen vom Aufstehen bis nach dem Frühstück ist immer gleich. Wenn da etwas anders ist, gerät der Tag auch schon mal aus den Fugen.

32:00

Dann bin ich unkonzentrierter, schneller gereizt und müde. Zum Glück ist das aber am nächsten Tag in der Regel wieder weg. Zitat Ende Was für ein Reichtum! Ich danke euch herzlich, die ihr eure Stimme und eure Gedanken mit uns geteilt habt.

32:19

Herzlichen Dank dafür! Und ich danke auch allen, die zugehört haben, für eure offenen Herzen und für eure offenen Ohren. Das war's für heute. Fortsetzung folgt und falls ihr konkrete Fragen und Themenwünsche habt, schreibt mir bitte gern.

32:36

Ich bin offen für Anregungen und Rückmeldungen aller Art.

32:41

Herzlichen Dank fürs Zuhören. Ciao und bis zum nächsten Mal.