#2 Sieben Punkte, die Autismus ausmachen
S01:E02

#2 Sieben Punkte, die Autismus ausmachen

Episode description

In dieser Folge erzähle ich euch, warum es für mich so schlimm ist, dass mein Laptop zurzeit streikt, von meiner Angst vor Publikum und dass ich nicht frei sprechen kann, weil ich immer alles vergesse und von meiner Entdeckung des Buches “Die Autistinnen” von Clara Törnvall.

Sie erzählt sowohl persönlich betroffen als auch faktenzentriert über Autismus bei Frauen und warum dieser oft spät entdeckt wird. Ihre Sieben-Punkte-Liste, darüber, was Autismus ausmacht, inspiriert mich dazu, meinen Alltag auf diese Punkte hin abzuklopfen.

Ich erzähle euch in dieser Folge vom ersten Punkt, den sozialen Schwierigkeiten und davon wie sie sich in meinem Alltag zeigen.

Für Fragen und Themenwünsche, für Anregungen und Rückmeldungen aller Art schreibt mir bitte gern an janaluna (ät) unbox (punkt) at. Eine weitere Kontakt- und Kommentarmöglichkeit gibt es über die Webseite https://lebenswertvoll.ch/ unter der jeweiligen Podcastfolge.

Alle Scripts gibt es entweder als Transkripte in euren Lieblingspodcast-Programmen und -Apps zum Lesen und Mitlesen während des Hörens oder als PDF unter:
https://lebenswertvoll.ch/scripts/

Download transcript (.srt)
0:00

Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem zweiten Podcast. Eigentlich sollte ein Podcast nicht mit einem Eigentlich anfangen, finde ich. Und mit einem Aber schon gar nicht.

0:12

Aber eigentlich geht es gerade nicht anders, denn diesen Text hier gäbe es bereits. So ähnlich jedenfalls, aber natürlich doch irgendwie anders. Allerdings liegt er woanders und ist für mich unerreichbar.

0:26

Ob er besser oder schlechter wäre, weiß ich nicht. Ich kann nicht nachgucken, denn ich komme nicht an ihn ran. Jedes Mal, wenn ich mein Laptop starte, friert der Bildschirm nach der Eingabe des Passworts ein, also sind meine Daten für mich gerade unerreichbar.

0:44

Ich finde das richtig schlimm, richtig, richtig schlimm und hoffe, der Liebste kann das Problem in den nächsten Tagen lösen. In seinem Kopf gibt es zum Glück ein besseres Verständnis für technische Dinge als in meinem, obwohl ich durchaus technisch affin bin, nur eben anders.

1:03

Leute, die ähnlich wie ich ihren Rechner als ihr ausgelagertes externes Herz, hier den Seelchen, betrachten, können bestimmt nachvollziehen, was es für ein Supergau für mich ist, von meinem Hauptrechnerinhalt abgeschnitten zu sein.

1:19

Zwar sind die meisten Daten auf der externen Festplatte gebackupt, doch genau die der letzten paar Tage eben nicht. So wohnt also der Zwillingstext für meine zweite Podcastfolge sozusagen hinter dem eingefrorenen Vorhang.

1:35

Dass ich einen ablesbaren Text für meinen Podcast brauche, ist, jedenfalls für manche AutistInnen, typisch, vermute ich jedenfalls. Freies Reden und Referieren ist mir jedenfalls nicht gegeben.

1:50

Soll ich, von persönlichen Gesprächen einmal abgesehen, frei über ein Thema reden, verhedere ich mich entweder, oder ich hole zu weit aus, komme vom Thema ab, mehr andere herum, oder mir fällt nichts ein und ich rede im Leerlauf.

2:06

Ich kann mir jedenfalls im Voraus nichts merken, was ich eigentlich sagen will, und es dann auch tun.

2:14

Ein bisschen helfen natürlich Notizen.

2:17

Aber eigentlich weiß ich gar nicht wirklich, ob das typisch autistisch ist. Oder ist es eher typisch für Menschen mit dem Mix aus ADHS und Autismus? Oder ist es einfach nur typisch für mich?

2:30

Ich bin jedenfalls keine, die sich gern vor Publikum stellen und sich produzieren mag. Dafür fehlt mir auch das Selbstvertrauen. Warum also mache ausgerechnet ich einen Podcast?

2:43

Vielleicht hoffe ich auf diese erleichternde, befreiende Gefühle, dass wir zuweilen bekommen, wenn wir Dinge, die wir bis dahin unter dem Deckel gehalten haben, weil wir uns für sie und unser So-Sein schämen, auszusprechen wage.

3:00

Ja, vielleicht ist das meine Motivation. Oder vielleicht mag ich einfach den ganzen technischen Klumbatsch und das Erforschen desselben. Ja, ich mag dieses Aufnehmen und Bearbeiten, dieses Herausschneiden und Gehüsteln, dieses Speichern und Hochladen.

3:19

Vielleicht hoffe ich sogar, nach und nach freier sprechen zu lernen.

3:24

Ja, überhaupt ein bisschen mutiger zu werden. Und vielleicht, vielleicht hoffe ich sogar insgeheim darauf, anderen ein bisschen Mut machen zu können, ihr autistisches Sein zu akzeptieren.

3:36

Das wäre schön.

3:39

Aktuell setze ich mich aber nicht unter Druck und darum schreibe ich Skripts, egal ob das jetzt eben typisch ist oder nicht. Und damit sind wir bei dem, was ich heute thematisieren will.

3:51

Nämlich die 7 Punkte, die Autismus ausmachen. Es seien sieben Punkte, schreibt Clara Törnwall in ihrem Buch, die Autistinnen.

4:03

Manche Menschen sagen ja zuweilen, wenn ich etwas von mir erzähle, ja das ist bei mir auch so, ja ich mache das auch so und so, aber ich bin doch deswegen nicht autistisch.

4:16

Nein, bist du nicht. Es ist nämlich die Summe, die Häufung von Verhaltensweisen und Eigenschaften, die Autismus ausmacht und sie ist an diesen sieben Punkten sichtbar.

4:30

Ich bin sehr froh, Törnwalls Buch gefunden zu haben. Sie nimmt sich sehr umfassend der Thematik des weiblichen Autismus an und spricht sowohl persönlich betroffen als auch sehr sachlich, ja geradezu wissenschaftlich über die Hintergründe und sie macht sichtbar, warum Frauen und Mädchen mit Autismus in der Regel weniger gesehen werden und leider oft sehr spät oder sehr erwachsene als autistisch diagnostiziert werden.

4:59

Das ist übrigens bei ADHS ziemlich ähnlich.

5:05

Die Ursache für die beinahe Unsichtbarkeit des weiblichen Autismus liegt vor allem in der unterschiedlichen Sozialisierung. Dennoch immer werden Mädchen anders sozialisiert als Jungen.

5:17

Das war in meiner Kindheit sicher noch krasser. Doch auch heute noch geht die Gesellschaft mit weiblich gelesenen Kindern anders um als mit männlichen. Und mit Gesellschaft meine ich hier Eltern, Geschwister, Verwandte und natürlich auch Lehrpersonen, Peergroups und nicht zu vergessen, die sozialen Medien.

5:42

Das Zauberwort für unsere Unsichtbarkeit ist Masking.

5:49

Maskieren und meint eine Anpassung, oft sogar eine Überanpassung an das Verhalten der sogenannten Normalen. Über Masking, über mein persönliches und das allgemeine Masking erzähle ich euch gerne ein anderes Mal.

6:06

Heute nur kurz die essentielle Erwähnung, dass Masking keine eigentliche Schauspielerei oder ein Vorspielen falscher Tatsachen ist, sondern meist der schlichte Versuch, nicht immer falsch verstanden zu werden.

6:21

Es ist die Bemühung, irgendwie richtig verstanden zu werden.

6:27

Dieses verstanden werden wollen ist übrigens eine für mich ganz große Sache. Und damit werden wir wieder bei den von Clara Törnwall erwähnten sieben Punkten, die Autismus ausmachen.

6:41

Es sind dies, wie gesagt, jene relevanten Verhaltensunterschiede zwischen autistischen Menschen und Menschen ohne Autismus. Und wie ebenfalls bereits gesagt, macht es die Summe aus, ob jemand betroffen ist oder nicht.

6:57

Und hier sind sie nun, die sieben Punkte, die Autismus ausmachen.

7:02

Der erste Punkt bezieht sich auf die soziale Kommunikation und die Schwierigkeiten darin, mit Interaktion und Anpassungsproblemen an die jeweiligen Situationen.

7:15

Der zweite Punkt bezieht sich auf Verhaltensweisen und Interessen, die autistische Menschen von nicht-autistischen Menschen unterscheidet.

7:26

Im dritten Punkt geht es um das zwanghafte Festhalten an Gewohnheiten. Der vierte Punkt bezieht sich auf Spezialinteressen.

7:37

Der fünfte Punkt bezieht sich auf die Hypersensibilität für Sinneseindrücke. Der sechste Punkt bezieht sich darauf, dass die Symptome bereits in der Kindheit vorhanden gewesen sein müssen.

7:53

Und im siebten Punkt geht es darum, wie sehr unser Autismus unseren Alltag beeinträchtigt.

8:02

Auf den ersten Punkt, also auf meine Schwierigkeiten mit sozialer Kommunikation, Interaktion und Anpassungsprobleme an die jeweilige Situation, möchte ich heute eingehen.

8:14

Über die anderen Punkte spreche ich in den folgenden Podcast-Folgen. Wie ich bereits sagt, ist der Wunsch danach verstanden, und zwar richtig verstanden zu werden, für uns Betroffene, für mich persönlich immens.

8:29

Vielleicht ist der Wunsch mit jedem Mal, wenn ich mich nicht verstanden gefühlt habe, sogar ein klein bisschen mehr gewachsen.

8:36

Warum lachen die anderen? Und warum lachen sie, wenn ich nachfrage, was denn gerade so lustig sei? Warum sagen sie so und sagen die das? So meine es doch nicht so.

8:49

Es ist keine konkrete, eher eine zwar diffuse, doch zugleich sehr umfassende Erinnerung an meine ersten Schuljahre. In meinem Dorf gab es bis zu meiner Einschulung keinen Kindergarten.

9:02

Unser gemeinsamer Start basiert im Klassenzimmer der ersten Klasse. Ab da waren wir siebenjährigen einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. In den Jahren zuvor hatte ich einige bereits kennengelernt, da sie in meiner Straße wohnten und in meinem Wäldchen spielten.

9:20

Doch mit dem Schnitt Einschulung beginnen in meiner Erinnerung die Schwierigkeiten.

9:27

Vorher waren wir einfach Kinder gewesen, doch auf einmal spielt es eine Rolle Mädchen oder Junge zu sein und auf Bäume klettern ist auch nicht das, was Mädchen tun. Ich fühlte mich jedenfalls fremd in diesem Rudel, von der ersten Sekunde an, und sehr bald begann ich auch damit, mich falsch zu fühlen.

9:48

Die anderen sind richtig, also muss ich falsch sein, und ich muss herausfinden, wie sie funktionieren, um jeden Preis, sonst bleibt diese Einsamkeit immer an mir kleben.

10:00

Es war nicht das kognitive, es war nicht das inhaltliche Verstehen, das ich nicht hinbekam. Es mangelte mir an fehlendem Verständnis für den Subtext, für die Dinge zwischen den Zeilen, für das Unausgesprochene.

10:14

Es fehlte mir auch nicht am Einführungsvermögen oder an der Empathie, denn ich fühlte sehr viel, das war schon immer so. Aber ich fühle anders, ich denke anders, ich interpretiere anders.

10:27

Und ich folgte, dass meine Wahrnehmung falsch war.

10:33

So folgten fünf sehr schwierige Jahre in der Primarschule, in denen ich mir nach und nach durch Abschauen beigebracht habe, mich möglichst ähnlich wie die anderen zu verhalten.

10:44

Dass ich bei dieser Anstrengung ganz viel, was eigentlich für dieses Alter typisch sein sollte, verpasst habe, nicht mitbekommen habe. Geschenkt.

10:55

Erst in der weiterführenden Schule, der Oberstufe, es war zwölfjährig, wurde ich langsam Teil einer Peergroup, aber nie beste Freundin, eher Typ, gute Freundin, die bei den Hausaufgaben hilft.

11:09

In der Primarschule hatte ich inzwischen im Familienbücherregal zwei Lexika für mich entdeckt. Sie wurden beste Freundinnen und erklärten mir die Welt besser als es Menschen je konnten.

11:21

Was Taktieren und Smalltalk betrifft, bin ich bis heute Analfabetin. Ich begreife nicht, was das und wozu es gut sein soll. Wieso sagt ihr nicht einfach, was ihr meint und denkt und wollt, geht es mir oft durch den Kopf, egal ob im realen Leben oder wenn ich Filme gucke.

11:42

Meine Direktheit und meine Wahrheitsbesessenheit, die ich als Kind noch gar nicht als latent gefährlich wahrgenommen habe, wurde häufig abgelehnt. Meine Schwester und ihr Augenrollen sehe ich noch heute vor mir, wenn sie sagte, jetzt sei doch mal ein bisschen diplomatischer.

12:00

Du bist ein Elefant im Porzellanladen.

12:04

Natürlich wurde ich irgendwann diplomatischer, auch weil ich tatsächlich begriff, dass allzu große Direktheit verletzend sein kann. Dennoch sind drum herum geredet und Smalltalk noch immer wie eine Fremdsprache für mich.

12:19

Ja, Fremdsprache lernen, das trifft es ziemlich gut, denn für mich war der Umgang und das Verhalten anderer Menschen zu lernen meine erste, mir autodidaktisch beigebrachte Fremdsprache.

12:32

Masking lernen war mein erster Fremdsprachen-Lehrgang.

12:38

Auch das Herstellen von Augenkontakt habe ich mir mühsam antrainiert, nachdem mir meine Mutter erklärt hat, dass die anderen Menschen sonst denken, ich sage nicht die Wahrheit.

12:49

Damals war ich etwa neunjährig und ich übte hart, denn natürlich sagte ich die Wahrheit. Ich hatte ja nichts zu verstecken.

12:57

Doch noch heute fühlt sich Augenkontakt für mich unnatürlich und anstrengend an und ich weiß nicht, ob ich es richtig mache. Also genug lang, nicht zu wenig lang und nicht zu lang.

13:09

Zu kurz und zu lang sei nicht gut, habe ich theoretisch gelernt. Aber was bedeutet das? Ich merke das nicht.

13:19

Ob es für andere Menschen wohl nachvollziehbar ist? Jedenfalls mit diesem Vorwissen, dass mich Kontakte mit Menschen anstrengen. Also ein bisschen mehr anstrengen, als es vermutlich Menschen ohne Autismus empfinden.

13:34

Was auch immer dieses ein bisschen anstrengender bedeuten mag. Wie sagte neulich jemand, stell dir vor, du spielst das gleiche Spiel wie alle anderen, nur von Anfang an ohne Vorlauf, unwissentlich, auf einem höheren Level als alle anderen.

13:50

Und du verstehst einfach nicht, warum alle sagen, dass das Spiel doch ganz einfach sei.

13:56

Ich finde, dass schon diese kleinen Ausschnitte aus meinem Erleben reichen, um meine sozialen Schwierigkeiten, also diesen ersten Punkt aus Törnwalls Liste illustrieren und abhaken zu können.

14:10

Wie es bei mir mit den anderen Punkten aussieht, erzähle ich, wie heißt es so schön, demnächst auf diesem Kanal.

14:18

Für Fragen und Themenwünsche, für Anregungen und Rückmeldungen aller Art, könnt ihr mir gern schreiben unter Janaluna at Unbox.at Janaluna at Unbox.at Danke fürs Zuhören.

14:41

Ciao und bis zum nächsten Mal.