Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 21. Podcast. Seit ich den letzten Podcast geschrieben, aufgenommen und veröffentlicht habe, verfolgt mich das Thema People-Pleasing auf Schritt und Tritt.
Es ist ein Thema, das auch andere Menschen beschäftigt. So hat eine Mastodon-Gefährtin, Random Virdo, Neulich den Satz People-Pleasing ist Parent-Pleasing geteilt. Und was soll ich sagen, auch der geht mir seither nach und nahe.
Wie wahr, denn letztlich fängt es tatsächlich damit an, dass wir Betroffenen den Eltern gefallen wollten. Dazu mehr von meiner Seite wie gesagt in der letzten Folge. In den Infos zu dieser Folge teile ich gerne einen Link zu Random Viros Blogartikel zu diesem sensiblen Thema, weil ich mich in ihrem Erzählen sehr wiederfinde.
Sie betont insbesondere die auch von mir angedeutete Verbindung zwischen People Pleasing und Trauma. Diese darf nicht vernachlässigt werden. Wir alle durchleben ja Phasen.
Mal gehen wir mehr in die Tiefe, mal lassen wir alles nicht so an uns heran. Phasen mit mehr Tiefgang hängen bei mir meistens mit einerseits Erkenntnissen im Innern und andererseits mit Umständen und Begegnungen im Äußeren zusammen.
Und oft gibt es dann so eine Art Domino-Effekt. Ihr wisst schon, eins führt zum anderen.
Im Kontext mit People und mit Parent Pleasing taucht bei mir immer wieder der Themenkomplex Scham auf. Auch über Scham sollte unbedingt, vielleicht auch hier im Podcast, mehr gesprochen werden.
Ein äußerst komplexes Thema. Doch heute möchte ich mehr über den Themenbereich Positiv statt Defizit sprechen. Immer wieder werden Stimmen laut, die sagen, dass Neurodivergenz nicht schlimm ist.
Nichts, wofür wir uns zu schämen brauchen. Wir sollen es sogar feiern. Wir sollen feiern, dass wir so sind, wie wir sind. Und überhaupt, alles easy. Immer wenn ich solche Sachen höre, muss ich erstmal leer schlucken.
Ja klar, natürlich ist das nicht schlimm, unser So-sein. Und ja, wir sind letztlich alle normal. Denn Diversität meint ja genau das. Alle sind wir unterschiedlich, unterschiedlich normal.
Auch die Neurotypischen sind letztlich Teil dieser Diversität. Denn alle Hirne sind ja unterschiedlich und überhaupt. Und damit ist alles gut? Naja, Alles wäre gut, wenn…
Wir leben leider nicht in einer bedingungslosen Welt. Diesbezüglich waren wir, jedenfalls gesellschaftspolitisch gesprochen, sogar einmal weiter. Gar nicht mal so lange her ist das.
Was ich sagen will, unter anderem sind es die defizitären Perspektiven auf Neurodivergenz, die uns neurodivergente Menschen am allermeisten behindern. Natürlich nicht nur die Perspektiven, sondern das, was daraus entsteht.
Angefangen bei schiefen Seitenblicken, wenn wir uns nicht der Norm entsprechend verhalten, bis hin zu aktiver Ausgrenzung.
Schlicht Behinderung. Das Spektrum ist breit. Von super angepassten, sogenannt hochfunktionalen ADHS-Lehrerinnen und Autistinnen bis hin zu Menschen mit Pflegebedarf ist alles dabei.
Wir sind viele und tatsächlich gibt es aus meiner Sicht in diesem nicht bedingungslosen Kontext wenig zu feiern.
Behindert sein und werden durch äußere Umstände ist immer ein großes Thema für mich. Mein autistischer Bruder, der schon in jungen Jahren zuerst in einem Schulheim, später in einer Behindertenorganisation seinen Platz gefunden hat, könnte beispielsweise ohne Unterstützung durch andere Menschen nicht leben.
Ob er seinen Autismus je feiert? Ich denke eher nicht. Und ehrlich gesagt empfinde ich solche Sprüche zynisch. Gesagt werden es vermutlich von Menschen, die ihr wenig, eingeschränkt sind und oder von vornherein das Privileg hatten, für ihr So-Sein viel Verständnis bekommen zu haben.
Das So-Sein feiern zu können impliziert zudem, dass das Leben als neurodivergente Person einfach ist und dass wir nicht auf die Unterstützung oder zumindest das Verständnis anderer angewiesen sind.
Wäre das hier die ideale, bedingungslose Gesellschaft, dann wäre es zumindest einfacher. Aber das Angewiesensein auf Unterstützung wäre trotzdem nicht vom Tisch, siehe mein Bruder.
Was ich mir von unserer Gesellschaft stattdessen wünsche, ist Respekt, Akzeptanz und, wie gesagt, grundsätzliches Verständnis für alle, die anders sind als wir selbst, also kurz gesagt für alle anderen Menschen.
Egal an welchem Ende des Spektrums wir damit anfangen. Ich stelle mir das Spektrum übrigens auch gar nicht als Linie oder korrekter gesagt als Strecke vor, sondern wie diese schöne, bunte, liegende Acht, die das Symbol der Neurodivergenzbewegung geworden ist.
Akzeptanz statt Scham also. Ein positiver Umgang statt ein Defizitär. Und zwar nicht nur auf Seiten der Betroffenen, sondern für alle und von allen. Bekämmen wir das gesamtgesellschaftlich hin, wäre das für mich ein Grund zu feiern.
Nicht wegen des So-Seins an sich, sondern wegen des Umgangs damit. Schön wäre das. Stattdessen klebt er diese Scham an mir, an viele Neurodivergenten, diese fast allgegenwärtige Scham, für mein, für unser So-Sein.
Wir passen uns entweder an, auf Kosten unserer Lebensqualität und unserer Energiereserven, oder wir outen uns und fordern da und dort eine Extrawurst für uns ein, die uns dann bei jeder unpassenden Gelegenheit um die Ohren fliegt.
Ich hatte mich für ersteres entschieden, jedenfalls bis mir der Krug auf dem Weg zum Brunnen aus der Hand gefallen und zerbrochen ist. Dann erst recht wieder Scham, weil ich es mit dieser Anpassung nicht mehr schaffe.
Gestern dieser schwierige Nachmittag, an dem ich eigentlich diesen Text hier hatte schreiben wollen. Heute Morgen dann diese Erkenntnis, dass ich vergessen habe, mein ADHS-Medikament zu nehmen, das erklärt im Rückblick einiges.
Es ist bei mir inzwischen so ein Ritual geworden. Die Woche nach dem Podcast arbeite ich gar nicht an der neuen Folge, außer, dass ich die Ohren und das Herz für das nächste Thema schärfe.
Ab und zu kritzele ich vielleicht ein paar Ideen. Am Montag dann, vor dem Podcast-Mittwoch, entwerfe ich normalerweise das Skript. Am Dienstag überarbeite ich es und nehme es auf.
Danach fortes Schneiden. Am Mittwoch höre ich mir die Folge nochmals an und dann lade ich sie hoch.
Dieses Mal ging überhaupt nichts. Zehn uninspirierte Tage gingen übers Land. Wobei, ich hatte ja schon Ideen, aber alle zu vage. Gestern dann, Montagnachmittags, fiel ich in ein Kaninchenloch.
Ich wollte mir, so ganz nebenbei und ohne großen Aufwand, meine Lieblingsmusik aufs neue iPhone laden, denn dafür hatte ich auf dem alten Telefon keinen Platz gehabt. Eine passende, leichtgewichtige App war schnell gefunden und auch, wie ich das Handy mit meinem relativ neuen Linux-System direkt verbinden konnte.
So weit, so gut. Doch, ach herrje, die ganzen Lieblingssongs waren ja gar nicht mehr auf meinem Rechner, sondern auf der einen Backup-Festplatte. Die aber, wegen technischer Probleme, die ich zu lösen probierte, es aber nicht schaffte, nicht zu öffnen war.
Ich recherchierte und probierte. Eins führte zum anderen und um halb sechs war der Podcast noch immer nicht entworfen und ich fix und fertig und die Songs noch immer nicht auf dem Handy.
Klammer. Inzwischen habe ich es mit dem alten Rechner ohne Zicken geschafft. Manchmal ist neuere Technik eben doch nicht immer besser. Klammer zu. Naja. Überhaupt war mir in den letzten beiden Wochen alles zu anstrengend, alles zu schwer.
Dazu noch ständige Nackenschmerzen. Und dann war ich auch noch für letzten Samstag zu einem Konzert eingeladen. Eine liebe Freundin hatte mir zum Geburtstag ein heiß begehrtes Ticket geschenkt und noch vor wenigen Jahren hätte ich vor Freude getanzt und gejubelt.
Doch je näher der Tag rückte, desto klarer wurde mir, dass bei mir kaum Vorfreude auf das Konzert aufkam. Die ganzen Umstände drumherum verhinderten es. Die An- und Rückfahrt total über drei Stunden, sowie der Fakt, dass das Konzertteil eines Open-Air-Festivals mit Vor- und Nachbands war, gaben schließlich den Ausschlag abzusagen.
Am Tag davor. Tagelang hatte ich kaum mehr richtig atmen können und je näher der Termin rückte, desto schlechter ging es mir. Ich wurde immer antriebsloser und konnte mich kaum mehr auf etwas konzentrieren.
Ich schämte mich sehr, als ich meiner Freundin schrieb, dass ich nicht kommen könne.
Zum Glück waren die Tickets noch immer heiß begehrt und immerhin das war kein Problem. Aber die Scham war dennoch da.
Seit ich meine ADHS Medikamente einnehme und mich damit mein Bedarf an externen Dopamin Lieferungen nicht mehr so sehr antreibte früher, nehmen stattdessen meine autistischen Seiten, insbesondere mein Bedürfnis nach Ruhe, Ritualen und Rückzug mehr und mehr Raum ein.
Kurz, ich bin ein ziemlich langweiliger Mensch geworden.
Schade eigentlich, dass langweilig für die meisten Menschen negativ konnotiert ist, denn ich mag es ja eigentlich. Doch ich weiß auch, dass ich damit eben oft nicht mehr so beziehungskompatibel bin wie früher.
Glücklicherweise sind die Freundinnen und Freunde, denen ich wirklich nahe bin, ähnlich gestrickt wie ich, natürlich hat auch jene Freundin, die mich zum Konzert eingeladen hat, volles Verständnis gehabt.
Dennoch fehlt mir noch die Akzeptanz. Meine Akzeptanz statt Scham. Noch kann ich nicht einfach ganz und gar dazu stehen, dass ich so bin wie ich bin. Zu oft noch höre und lese davon, dass wir Menschen im Spektrum uns nur immer wieder herausreden und dass wir faul sind.
Wir müssen uns nur ein bisschen mehr zusammenreißen.
Was daran könnte ich denn jetzt positiv statt defizitär bewerten, frage ich mich neuerdings immer häufiger. Denn ja, letztlich hängen Akzeptanz und Abwertung, Generalbewertung sehr stark zusammen.
Meine ADHS-Therapeutin, die auch meinen Autismus sehr ernst nimmt, meinte neulich, dass ein Unterschied zwischen ADHS-Stress und Autismus-Stress darin bestehe, dass wir die Reizüberflutung an sich je unterschiedlich bewerteten.
Während bei ADHS-Stress manche Strategien dabei helfen können, einen Impuls besser zu steuern, wenn es uns zu viel wird, ist das bei Artismus zuweilen gar nicht mehr möglich, dann hilft nur noch, sich auszuklinken.
Denn ja, da ist eine Grenze, die unser System uns vorgibt und auf die wir nur geringen Einfluss haben und für die wir nichts können, so wie keiner etwas für die Größe seines physischen Herzens kann und keine etwas für ihre Schädelform.
Mir wird zuweilen gespiegelt, wie toll es ist, wie ich heute meine Grenzenerkennung kommuniziere.
Dass es sich dabei aber um eine Selbstschutzstrategie handelt und wie anstrengend es ist, immer die mit diesen engen Grenzen zu sein, sehen die anderen Menschen vermutlich nicht.
Also doch eher nicht positiv statt Defizit. Nun ja, doch. Manches finde ich durchaus positiv an meinem So-Sein. Und ich glaube, es wird sogar immer mehr. Zum Beispiel, dass ich, ohne um meine Neurodivergenz zu wissen, schon immer eine war, die alles, was sie fühlt, denkt und tut, reflektiert.
Auch wenn es natürlich nicht explizit eine neurodivergente Eigenschaft ist. Immer schon, seit ich zurückdenken kann, habe ich mir Gedanken über meine Umwelt gemacht und mich darin, wie ich handle, welchem moralischen Kompass ich mich verpflichtet fühle, was wie wirkt und warum, wie Menschen ticken, andere, ich selbst.
Die meisten neurodivergenten Menschen, die ich kenne, sind ebenfalls sehr reflektierte Menschen, die sich intensiv mit dem Leben auseinandersetzen. Wenn das mal keine Stärke ist, kein positives Ereignis.
Da könnten sich die sogenannten Normalen ein Vorbild nehmen. Aber feiern will ich es trotzdem nicht. Viel zu anstrengend.
Ich hoffe, dass es auch dir, dass es auch euch immer mehr gelingt, euer So-Sein nicht immer nur defizitär, sondern wertschätzend zu betrachten. Das wünsche ich uns sehr.
Und nun bedanke ich mich herzlich bei euch fürs Zuhören. Schön, dass ihr da seid. Für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir bitte gern.
Ciao und bis zum nächsten Mal.