#24 ADHS-Diagnostik und -Medikation
S01:E24

#24 ADHS-Diagnostik und -Medikation

Episode description

In dieser Folge spreche ich über meinen persönlichen Weg zur ADHS-Diagnostik, welcher ganz nebenbei meine Autismusverdachtsdiagnose ausgelöst hat. Ich erzähle euch, wie ich zu meinem passenden Medikament gekommen bin, dabei Vorurteile überwand und schließlich mehr Lebensqualität fand.

Links zum Thema
Das erwähnte Video:
ADHD & Autism (AuDHD): Why Stimulants Work Differently (and What to Try Instead):
https://www.youtube.com/watch?v=dLVzwNp9GMY (In den Einstellungen zum Video lässt sich der deutschsprachige Audiotrack auswählen)

Infoseite zu ADHS und teils auch Autismus. Gut verständliche Fachinfos zu Medikation:
https://www.adxs.org/de/page/571/leitfaden-und-effektstaerke

Für Fragen und Themenwünsche, für Anregungen und Rückmeldungen aller Art schreibt mir bitte gern an janaluna (ät) unbox (punkt) at. Eine weitere Kontakt- und Kommentarmöglichkeit gibt es über die Webseite https://lebenswertvoll.ch/ unter der jeweiligen Podcastfolge.

Alle Scripts gibt es entweder als Transkripte in euren Lieblingspodcast-Programmen und -Apps zum Lesen und Mitlesen während des Hörens oder als PDF unter:
https://lebenswertvoll.ch/scripts/

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0:02

Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 24. Podcast. Wie in der letzten Folge angekündigt, spreche ich in den nächsten Folgen über ADHS.

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Für viele Neurodivergente fängt mit der ADHS-Diagnostik und Diagnose eine neue Lebensphase an. ADHS wird etwa 5 bis 15 mal häufiger als Autismus diagnostiziert und ist nicht zuletzt deshalb der erste Schritt zu einer Autismusdiagnose.

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Wenn wir endlich herausschälen dürfen, was hinter dem ganzen Anderssein, das unser Leben bisher so schwierig und uns von Anfang an den Umgang mit anderen Menschen nicht eben leicht gemacht hat, kann das geradezu erlösend sein.

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Und mit den Zahlen aus der letzten Podcast-Folge im Hinterkopf wissen wir, dass entweder die ADHS oder die Autismus-Diagnostik zugleich eine Brücke zur jeweils anderen Diagnostik oder Diagnose ist.

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So oder so hilft uns das Wissen um diese Zusammenhänge dabei, das eigene So-Sein besser verstehen zu können. Mit dem neuen ICD, ICD-11, der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, sollen PsychiaterInnen und ÄrztInnen zukünftig autorisiert und besser in der Lage sein, beide Diagnosen zugleichzustellen, sollten sie denn zusammen auftreten.

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Was ich sehr begrüsse. Aktuell werden die beiden Diagnostiken meistens noch separat gestellt. Doch mit wachsendem Bewusstsein in der Gesellschaft und bei der ÄrztInnenschaft dürfen wir hoffen, dass es bald einfacher sein wird, bei ein und derselben Praxis beide Abklärungen zeitgleich machen zu können.

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Und wenn die Abklärung auch nur dem Ausschluss der einen oder anderen Diagnose dient. Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon vor der ADHS-Diagnostik vor zweieinhalb Jahren überlegt hatte, vielleicht nicht nur ADHS zu haben, sondern auch autistisch zu sein.

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Doch damals hatte ich, wie so viele meiner Mitmenschen, noch sehr viele Vorurteile und Klischees und wenig praktisches Wissen im Kopf. Dass ich ADHS haben könnte, war für mich ziemlich klar.

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Meine damalige Psychiatrin hatte mich bereits in einem unserer ersten Gespräche auf ADHS angesprochen. Sie behandelte mich wegen meiner mittelgradigen und schweren Depressionen, die mir das Leben sehr erschwerten und teils auf Traumata basierten.

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Damals hatte ich jedoch keine Energie für etwas anderes als zu überleben, Schadensminimierung und ein möglichst erträgliches Alltagsleben zu erreichen. Erst Jahre später, als auch nach viel Trauma-Arbeit und intensiver Arbeit an den unterschiedlichen anderen Baustellen noch immer ADHS-typische Symptome Raum forderten, sprachen wir wieder über eine ADHS-Abklärung.

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Am auffälligsten und am anstrengendsten empfand ich schon damals meine hohe Reizoffenheit und Hochsensibilität und meine Hypervigilanz. Nach einem Dreivierteljahr Wartezeit begann ich eine Abklärung auf ADHS bei Frau Dr. R.,

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einer Koryphäe in der Erforschung und Behandlung von Adeheist bei Erwachsenen. Von Anfang an hatten wir einen guten Draht und ich fühlte mich ernst genommen.

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Sie vertritt die Ansicht, dass ADHS weniger Krankheit, denn eine So-Seins-Form ist und empfiehlt sinnigerweise eine Diagnostik und Behandlung nur bei Leidensdruck. Und ja, den hatte ich.

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Nach dem Ausfüllen von 30 Seiten Fragebögen zu Hause, bei denen es nicht nur um ADHS, sondern auch um eine Abgrenzung zu anderen, ähnlichen Symptomatiken ging, gingen wir zusammen die Auswertung der Bögen durch.

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Bei manchen Antworten, so sagte sie, habe sie an Autismus denken müssen, worüber sie allerdings ehrlicherweise zu wenig wisse. Das war Wasser auf meine Mühlen, die in meinem Kopf ja bereits malten.

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Doch erst einmal ließ ich mich voll und ganz auf die weitere Diagnostik ein, die neben der Auswertung der Fragebögen in einer sehr ausführlichen Anamnese bestand. Kindheit, Jugend, Schulzeit, Arbeitsplätze.

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Während mehreren Sitzungen gab ich Antworten, so gut ich konnte.

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Sie stellte sehr gezielte Fragen und vor der abschließenden Diagnose war ich sogar bei einer Neuropsychologin und im MRT, um auszuschließen, dass meine Symptome die Folge des Schädel-Hirn- traumas, das ich als Kind erlitten hatte, sein könnten.

5:00

Der neuropsychologische Befund deckte sich mit der von Dr. R. erstellten Diagnose, ADHS.

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Ich durfte danach entscheiden, ob mir die Diagnose ausreichte oder ob ich mit einem Coaching ebenfalls bei Frau Dr. R. starten wollte. Die Bedingung dafür war allerdings, dass ich dazu eine medikamentöse Unterstützung annahm.

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Zugegeben, Ich hatte alle diese ganzen Vorurteile, Ritalin statt menschenruhig und so weiter. Diese ganzen Christes hatten mich, so gestand ich mir inzwischen ein, auch dafür gesorgt, dass ich es mit der Diagnostik davor nicht eilig gehabt hatte.

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Erst die mangelnde Energie, die mir für die ständige Anpassung zunehmend fehlte, stimmte mich schließlich um. Im Rückblick denke ich, ich hätte mir viel Leid ersparen können, aber es ist nun mal wie es ist und ich übe mich darin, mir nicht wegen verpasster Gelegenheiten das Leben zusätzlich schwer zu machen.

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Gerne vergleiche ich meine Medikamente mit dem Tragen meiner Brillen. Eine trage ich, wenn ich am PC sitze, eine andere, wenn ich nach draußen gehe oder wenn ich Staub sauge.

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Die restliche Zeit trage ich keine Brille, weil meine Augen noch ohne Brille lesen können und auch beim Kochen keine Hilfe brauchen. Autofahren ohne wäre aber gefährlich.

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Tatsächlich empfinde ich die medikamentöse Unterstützung für mein ADHS inzwischen ganz ähnlich. Damals allerdings hatte ich noch eine gewisse Aversion gegenüber Psychopharmaka.

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Das hatte mit meinen Erfahrungen mit Antidepressiva zu tun, mit denen ich leider keine so tollen Erfahrungen gemacht hatte. Mit jedem weiteren ausprobierten Mittel hatte ich eine große Menge an Nebenwirkungen erlebt, die dem von den Depressionen verursachten Leid keine wirklich nennenswerte Lebensqualitätsverbesserung gegenüberstellen konnten.

7:04

Beim ersten Mittel, das ich am längsten genommen habe, waren es die krasse Gewichtszunahme gewesen und das unangenehme Dauerschwitzen. Bei anderen Mitteln kamen Ganzkörperjuckreiz und anderes dazu.

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Meine Skepsis betraf auch meine Grundhaltung dem Symptombild ADHS gegenüber. Ich wollte ja nicht medikamentös mein eben erst neu entdecktes So-Sein wegmachen, das mir nun endlich schwarz auf weiß zugesprochen worden war.

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Ich wollte mich ja damit auseinandersetzen, es nicht wegmachen, sondern integrieren. Wieder diese Vorurteile, die ich diesen Medikamenten gegenüber hatte. Sie überdeckten das So-sein einer Person mit ADHS.

7:47

Sie machen uns normal, sozusagen neurotypisch, machen so zu sagen, dass wir endlich angepasst und richtig sind. Etwas, nachdem ich mich ein Leben lang gesehnt hatte, war auf einmal mit der Diagnose nicht mehr erstrebenswert für mich.

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Ich wollte nun endlich ich selbst sein. Wozu also Medikamente? Nein, Frau R. hat mich nicht überredet. Sie hat mir mit selbst gekritzelten Grafiken das Hirn und die Wirksamkeit von ADHS-Medikamenten erklärt.

8:19

Sie hat über Dopamin und Dopamintransporte gesprochen. Vereinfacht gesagt, steht mir mehr Dopamin zur Verfügung, wenn ich meine Kapseln zu mir nehme. Sie erklärte mir, wie was genau wirkt, was genau in deinem Hirn passiert und dass ich nicht mehr vom Dopaminmangel fremdgesteuert sein werde, sondern endlich selbstbestimmt meine Impulse steuern kann, wenn ich Methylphenidat zur Unterstützung nehme.

8:47

Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, dachte ich und ich bin auch immer froh, dass ich mich darauf eingelassen habe. Heute erzähle ich euch, wie ich mich an die richtige Dosis herangetastet habe und in den nächsten Folgen hört ihr, wie mich Frau R.

9:02

gecoacht und mit mir neue Strategien erarbeitet hat. Als erstes stellte sie mir anhand grafischer Wirksamkeitskurven die vier in der Schweiz erlaubten Medikamente vor. Sollte keines von diesen wirken, gäbe es allerdings noch weitere Möglichkeiten.

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Zuerst muss hierzulande jedoch mit einem dieser vier Mittel begonnen werden. Wie sinnvoll das ist, ist ein anderes Kapitel. Und in Deutschland und Österreich ist das vermutlich ganz anders.

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Eins der vier Mittel bedingte, dass ich frühstücken müsste, was ich aber nicht tue. Ein anderes hatte eine Kapsel, die nicht geöffnet werden durfte, doch die Kapselhülle war weder vegetarisch noch vegan und kam darum für mich nicht in Frage.

9:48

Diese beiden Mittel also schon mal nicht. Blieben noch zwei, von denen sich eins öffnen und in vergane Kapseln umfüllen und zudem sehr fein dosieren lässt, und ein viertes Mittel.

10:01

Ich entschied mich für das am feinsten dosierbare. Frau R. hatte mir zuvor erklärt, dass mit wachsendem Alter der Dopaminbedarf abnehme, dass sich daraus aber keine Rückschlüsse auf die jeweilige ADHS-Stärke ziehen lassen.

10:16

Ich begann mit der kleinsten Dosis, die 10 mg Methylphenidat entspricht, und führte ein akribisches Wirksamkeitstagebuch. Ich beobachtete mich und meine Wahrnehmung ab sofort sehr genau.

10:30

Was passierte in mir? Wie veränderte es meine Aufmerksamkeit, meine Konzentration, meinen Schlaf? Hatte ich Nebenwirkungen? Tatsächlich war die Wirkung ganz anders als erwartet.

10:43

Kein ruhig gestellt sein Gefühl, nichts dergleichen. Ich fühlte mich sehr wach, sehr klar, sehr aufmerksam, konnte mich besser fokussieren und, was für mich extrem spannend war, ich nahm auf einmal meine Grenzen wahr.

11:00

Ich war nicht mehr grenzenlos und uferlos und ich war auch nicht mehr im dauernden Adlerblickmodus, in dem ich alles sah, alles registrierte, alles mitfühlte, alles hörte.

11:12

Ich hatte auf einmal ein ganz anderes Raumgefühl.

11:17

Ich fühlte mich geerdet im Raum, ich war in mir. Beim gemeinsamen Kochen mit meinem Partner dachte ich auf einmal seine Bewegungen nicht mehr automatisch mit und wir stießen öfter denn je zusammen.

11:30

Auch vergaß ich Dinge, wusste nicht mehr wo ich was hingelegt hatte.

11:35

Ohne Medikament hatte ich dank meiner Hyperaufmerksamkeit alles und jedes Ding gesehen und wahrgenommen, hat immer gewusst, wo was lag und vergaß erstaunlich wenig. Die Folge von sehr viel Anpassungsleistung und wie ich vermute auch ein Stück weit autistisch bedingt.

11:54

Jedenfalls würde ich mir nach Beginn der Medikation dringend neue Strategien erarbeiten müssen, das wurde mir schnell klar. Ebenfalls fiel mir relativ schnell auf, dass mich meine Medikamente das ganze Leben weniger grau mit einer helleren Grundfarbe erfahren ließen.

12:13

Besser als jedes Antidepressivum, das ich je gehabt hatte. Auch was die Reizoffenheit betrifft, begann eine neue Zeit. Statt der vorherigen 100 gleichzeitig offenen Taps in meinem Hirn waren es jetzt nur noch etwa 10.

12:28

Ich war, so empfand ich es und empfinde es noch immer, keine andere geworden, sondern ich war auf einmal viel mehr ich und viel mehr bei mir selbst und mit mir verbunden als je zuvor.

12:41

Heute weiß ich, dass ich ziemliches Glück habe, was meine Kompatibilität mit Methylphenidat betrifft. Gerade Menschen, die eine Doppeldiagnose haben, ADHS und Autismus, reagieren anders auf Substanzen, weil die kombinierte Diagnose ja nicht einfach nur eine Summe von ADHS plus Autismus bedeutet, sondern auf einem ganz eigenen Betriebssystem basiert.

13:06

Darüber habe ich ja das letzte Mal erzählt. Tatsächlich kommt es relativ häufig vor, dass ADHSlerInnen mit Autismus nicht so gut auf Medikamente ansprechen wie ADHSlerInnen ohne Autismus.

13:20

Die notwendige Dosis fällt meist tiefer aus. Neben einer meist geringeren Wirkung kommt es auch zu mehr Nebenwirkungen und oft können beispielsweise verstärkt Angstsymptome oder mehr Unruhe auftreten.

13:34

Ich verlinke in den Infos zu dieser Folge ein Video zu diesem Thema. Gut, dass ich das damals alles noch nicht gewusst habe. Andererseits hätte ich das Experiment wohl dennoch gewagt.

13:47

Und bereuen tue ich es ja bis heute überhaupt nicht. Nach der ersten Woche mit Methylphenidat fühlte ich zwar einige Vorteile, doch hätte ich am liebsten noch weniger offene Taps gehabt.

13:59

Das sagte ich in der Sitzung, die wir eine Woche später abhielten, worauf meine Ärztin vorschlug, die Medikation um die Hälfte zu erhöhen, auf 15 Milligramm also. Dazu musste ich die Kapseln öffnen und aus drei Kapselinhalten zwei Kapseln machen.

14:16

Da ich eh noch aus meiner antidepressiver Zeit vegane Leerkapseln hatte, in die ich mein Medikament von Anfang an umgefüllt hatte und feinmotorisch ziemlich geschickt bin, war das für mich kein Problem.

14:30

Eine oder zwei Wochen später schaut mir zurück. Ich hatte inzwischen einige soziale Erfahrungen gesammelt, mit meinem Partner und meinen Freundinnen gesprochen und mich ausgetauscht.

14:42

Eine Freundin meldet mir zurück, dass ich auf sie kühler und weniger empathisch wirke als sonst. Das deckte sich mit meiner Selbstwahrnehmung. Ich war außerdem nicht weniger hibbelig, sondern eher wieder hibbeliger geworden als bei der tieferen Dosis.

14:59

Auch waren in mir immer noch zehn Taps offen und das würde wohl so bleiben. Immerhin sind sie ja nicht mehr hunderte wie früher.

15:09

Bei all den Benefits, die ich erlebte, vermisste ich etwas, das ich an mir gemocht hatte. Ich fühlte mich weniger liebesfähig. Die neu gewonnene Klarheit im Kopf mochte ich zwar, aber die neue Kühle eher nicht.

15:24

War das Medikament womöglich doch zu hoch dosiert?

15:28

Also kehrte ich wieder zur Anfangsdosis zurück und von da aus dann sogar noch tiefer. Es folgten Wochen des Experimentierens, immer in Absprache mit Frau R. Ich verteilte zuerst den Inhalt von zwei Kapseln auf drei Leerkapseln und dokumentierte alles immer hart klein, auch wie ich mich dabei fühlte, ob und wie ich Benefiz und Nachteile erlebte.

15:55

Jede neue Dosis testete ich eine Woche oder länger, wie fühlte sich meine Konzentration an, wie mein Mitgefühl und wie die Verspannungen und die Pickel beides Nebenwirkungen des Methylphenidats.

16:10

Gegen die Verspannungen begann ich hochdosiertes Magnesium, das ich mit Kalzium ergänzte, um die Knochen zu schützen, einzunehmen und bekam damit die zuweilen auftretenden Kopfschmerzen ganz gut in den Griff.

16:23

Die Pickel gingen von selbst wieder weg, nachdem ich meine Dosis, 5 mg, gefunden hatte. Glück gehabt. Andere haben weniger Glück und keine so gute und kluge Unterstützung.

16:37

Mit 5 mg empfand ich das Gleichgewicht zwischen den Vor- und Nachteilen ausgewogen und zu mir passend.

16:45

Bevor ich das Mittel das allererste Mal eingenommen habe, hatte ich diffuse Ängste. Ich erwartete eine Art Schalter, der in mir umgelegt wird, eine Art Rauschgefühl, Ruhe, Watt im Kopf, alles mögliche, zumal mir sehr bewusst war, dass ich eine Substanz zu mir nehme, die andere als Droge verwenden.

17:06

Doch alle solche Erfahrungen blieben aus. In einem Hirn mit Dopaminmangel wirkt seine Substanz eben anders als in einem Hirn, das bereits genug Dopamin hat.

17:18

Ich kenne Menschen, die testweise oder auch Off-Label Ritalin verschrieben bekommen haben. Eine Freundin zum Beispiel war davon einen Tag lang total aufgekratzt und überdreht, obwohl sie vermutlich ADHS hat.

17:32

Doch ihr fehlte eine Aufklärung und der Einstieg mit kleiner Dosis sowie die Hinweise darauf, worauf sie achten müsste. Solch unprofessionelles Vorgehen führt dann dazu, dass möglicherweise Betroffene weiteres ausprobieren und anpassen der Dosis vermeiden.

17:49

Auch passt eben nicht jedes Medikament zu jeder Person.

17:54

Ich hätte, so im Rückblick, manchmal ganz gern andere Mittel ausprobiert, nur schon um des Vergleiches willen, doch aus Altersgründen kann ich ein zur anderen Mittel gar nicht testen, da es für mein Alter nicht mehr zugelassen ist, und naja, wozu andere Mittel testen, wenn ich das Glück habe, ein verträgliches und hilfreiches Mittel gefunden zu haben.

18:16

Mein Mittel hat einen Rettateffekt. Das heißt, ich nehme es einmal täglich, am Morgen, und es baut sich im Laufe des Tages zuerst auf, macht im Abstand von einer oder zwei Stunden je einen Piek und baut sich im Laufe des Tages wieder ab.

18:32

Dabei entsteht kein Spiegel wie bei Antidepressivum oder anderen Medikamenten. Wichtig zu wissen ist auch, dass jede Person anders reagiert und andere Auf- und Abbauzeiten hat.

18:45

Manche spüren es zum Beispiel sehr stark, wenn die Wirkung des Mittels vorüber ist. Bei manchen dauert die Gesamtwirkung fünf Stunden, bei anderen acht. Ich gehöre auch da zu den Glücklichen, bei denen das Mittel ziemlich lange wirkt und eher langsam und unspektakulär ausfranst.

19:03

Ich kann allerdings kein Mittagsnickerchen mehr machen, denn das Mittel macht außerordentlich wach. Für ADHSlerInnen ist das allerdings nur ein Nebeneffekt. Für Menschen, die MPH als Droge missbrauchen, eher der gewünschte Haupteffekt.

19:22

Wegen des Wegfalls meiner früheren mittäglichen Nickerchen-Müdigkeit bin ich abends entsprechend müder und nur schon dadurch ist meine Schlafqualität ein bisschen besser geworden.

19:35

Dennoch ist ja abends die Wirksamkeit des Mittels vorüber und dann übernimmt auch wieder vermehrter Dopaminmangel im Hirn. Müdigkeit trifft auf ADHS-Hirn und einschlafen mit vielen offenen Tabs im Hirn ist noch immer eine sehr große Herausforderung für mich.

19:51

Auch darüber könnte ich viel erzählen, doch davon vielleicht ein anderes Mal.

19:59

Abschließend für heute fasse ich zusammen, dass ich nur schon dank des Medikaments und dem ganzen Wissen über die Wirksamkeit im Hirn, über das Wissen um die Zusammenhänge sehr viel mehr Lebensqualität gewonnen habe und unglaublich dankbar dafür bin.

20:15

Weitere Lebensqualitätsverbesserung verdanke ich Coaching bei Frau R. Doch davon das nächste Mal oder die nächsten Male. Heute kann ich wählen, ob ich meinen Tag mit oder ohne Medikament verbringe.

20:30

An den Tagen ohne Medikament erlebe ich mich antriebsloser und grauer, müder und leichter gestresst. Ich lege solche Tage trotzdem immer mal wieder ein, nur schon, um mir den Unterschied bewusst zu machen.

20:44

Dank des sind bei mir die dominantsten Symptome in den Hintergrund und die Autismus-Symptome in den Vordergrund getreten. Auch dafür bin ich dankbar. Es ist mir, als hätte ich einen Teil von mir, den ich immer irgendwie gedeckelt hatte, endlich befreit.

21:02

Ich bin heute mehr ich selbst denn je zuvor und auch dafür bin ich unglaublich dankbar.

21:08

So viel für heute. In den nächsten Folgen erzähle ich euch davon, welche Strategien ich im Coaching gelernt und wie ich sie in meinen Alltag integriert habe. Ich bedanke mich herzlich bei euch fürs Zuhören.

21:22

Wie schön, dass ihr hier seid. Für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art schreibt mir gern. Ciao und bis zum nächsten Mal.