#29 Interview zu Autismus-Coaching
S01:E29

#29 Interview zu Autismus-Coaching

Episode description

Die heutige Folge fällt länger aus als die bisherigen Episoden. Diesmal berichte ich nicht von meinen eigenen Erfahrungen, Erkenntnissen und Rechercheberichten, sondern erteile einer Gästin das Wort. Für diese Episode habe ich mich mit Marianne getroffen. In ihrem Alltag spielen Menschen mit Autismus eine sehr große Rolle. Sie ist Autismuscoach. Zu dieser Folge, wie zu allen vorherigen, gibt es ein Script. Link siehe unten.

Mehr über ihre Arbeit findet ihr hier:
https://marianneritter.ch/

Download transcript (.srt)
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Hallo

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zusammen und herzlich willkommen zu meinem 29. Podcast. Die heutige Folge ist ein Experiment, das sowohl technisch als auch rein persönlich für mich neu und herausfordernd ist.

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Anders als gewohnt fällt die heutige Folge etwas länger aus als die bisherigen Episoden und unterscheidet sich außerdem darin, dass ich diesmal nicht von meinen eigenen Erfahrungen, Erkenntnissen und Rechercheberichten berichte, sondern eine Gästin dabei habe.

0:42

Für diese Episode habe ich mich mit Marianne getroffen. In ihrem Alltag spielen Menschen mit Autismus eine sehr große Rolle. Welche genau, wird sie uns gleich selbst erzählen.

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Vor dieser Podcast-Folge habe ich meine neurodivergente Blase gefragt, was wir von Marianne und über ihre Arbeit als Autismus-Coach wissen möchten. Diese Folge ist für mich in zweifacher Hinsicht eine große Herausforderung.

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Zum einen kann ich mich heute nicht exakt an ein Skript halten, weil ein Gespräch weniger planbar ist als wenn ich mit euch vorbereitete Texte teile, wie ich es bisher gemacht habe.

1:21

Zum anderen ist es auch technisch anspruchsvoller: Schafft mein Equipment das? Zwei Mikrofone an zwei Aufnahmegeräten, zwei Tonspuren, die zusammengeführt werden müssen.

1:33

Wird das klappen? Ich sitze für diese Aufnahme mit Marianne in deren behaglicher Praxis, die gleichzeitig auch ein Kunstatelier ist. Marianne lebt übrigens, wie ich, in der Schweiz.

1:49

Herzlich willkommen, Marianne! Magst du dich bitte kurz vorstellen, wer bist du und warum hast du dich dafür entschieden, Autismuscoach zu werden? Und ist diese Aufgabe nicht etwas so, wie du sie dir vorgestellt hast?

2:03

Ja, hallo, ich bin Marianne, ich bin 43 jetzt und ich erzähle rasch, wie ich dazu gekommen bin. Ich habe soziale Arbeit studiert, vor ziemlich vielen Jahren, und habe dann so 10 Jahre stationär gearbeitet, mehrheitlich mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Behindertenbereich, also mit Menschen mit verschiedenen Arten von Behinderungen und ja, seit 13 Jahren arbeite ich jetzt in einer Sonderschule, nicht mehr stationär, sondern ich gehöre dort quasi zu den Förderangeboten, ich mache Einzellektionen oder auch zum Teil Gruppenlektionen mit Kindern und Jugendlichen, und zwar ausschliesslich zum Thema Autismus.

2:51

Das ist eine Schule für Kinder mit sozialer Auffälligkeit, sagt man dem in der Schweiz. Und wir haben so eine Autismusquote von vielleicht 30 bis 40 Prozent unserer Schüler, Schülerinnen.

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Also, wir haben sehr viele autistische Schüler und Schülerinnen. Genau. Und dann habe ich verschiedene Weiterbildungen gemacht. Und so die grösste zum Thema Autismus war ein CAS, CEAS, Certificate of Advanced Studies, ist in der Schweiz ein Begriff für Nachdiplomstudiengänge.

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Und ja, ich habe dann in 2020 einen Coaching-CEAS auch noch gemacht, weil mich das Thema einfach auch interessiert hat und ich gerne auch mit Erwachsenen zu tun habe, also als Coach.

3:36

Ja, und dann habe ich mit Erwachsenen für unseren grossen Verein in der Schweiz, für Autismus Schweiz, Gesprächsrunden angeboten, so zwei Jahre lang, so 2019, 2020. Das fand ich mega spannend, weil vorher hatte ich eher mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die im Autismus-Spektrum sind.

3:58

Und ja, dann kam 2024, glaube ich, die IV. Ich weiss nicht, ob jeder weiss, was die IV ist. Vielleicht erkläre ich kurz. Also die IV ist eine Art staatliche Versicherung in der Schweiz für Menschen mit Behinderungen, so im Allgemeinen.

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Das Wort IV ist eine Abkürzung mit einer sehr unschönen Begrifflichkeiten. Es heisst Invalidenversicherung, ist wirklich ein nicht so schönes Wort, sie heisst nun mal so, ich kann es nicht ändern.

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Und die IV, die kümmert sich darum, wenn Menschen aufgrund ihrer Behinderung Mühe haben, beruflich erfolgreich zu sein oder eine Ausbildung zu machen, eine Stelle behalten zu können etc., und die IV kümmert sich dann unter anderem darum, dass jemand unterstützt wird bei der beruflichen Integration, sagen Sie dem.

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Und also die IV, beziehungsweise jemand, der da arbeitet, hat mich angefragt, ob ich denn nicht Lust hätte, Coachings zu machen mit erwachsenen Personen, die von der IV unterstützt werden in irgendeiner Form, um sie beruflich fit zu machen für den Arbeitsmarkt oder was auch immer.

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Und ich habe gedacht, ja, warum eigentlich nicht? Und habe gesagt, ja, das können wir ausprobieren. Das Ding ist allerdings, da muss man sich selbstständig machen. Die IV stellt die Coaches nicht an, sondern die vergeben Aufträge, Mandate.

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Und das heisst, ich habe dann eine Einzelfirma gegründet und seither mache ich auch Coachings für erwachsene autistische Personen. So seit gut einem Jahr mache ich das jetzt.

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Ja, und so zum Thema, ob das so ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe mir nicht so viel vorgestellt. Ich habe gedacht, ich versuche das jetzt einfach und schaue, ob ich es gerne mache und ob ich das auch überhaupt kann.

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Und ich kann nur sagen,

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es gefällt mir super. Ich mache das mega gerne. Ich habe nebst den Klientinnen und Klienten von der IV auch private Kunden und Kundinnen, die sich von mir coachen lassen und mir gefällt beides.

6:19

Ich habe gemerkt, autistische Personen sind einfach die perfekte Zielgruppe für mich. Ich mache das mega gerne, ich erhalte auch viel positives Feedback und es ist eine der besten Entscheidungen überhaupt in meinem Leben, dass ich das mache.

6:36

Es gefällt mir sehr gut. Herzlichen Dank. Als erstes interessiert mich jetzt rund um dein Berufszweig, was es da auch an unterschiedlichen Ausbildungen gibt. Du hast jetzt von deinem CAS-Studium erzählt.

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Gibt es da auch noch andere berufliche Wege, die man einschlagen kann, wenn man Autismuscoach im Speziellen werden möchte? Das mal das eine. Und woran erkenne ich als Klientin denn überhaupt, wer ein seriöser Coach oder wer eine seriöse Coaching ist?

7:10

Ist es eigentlich die weibliche Form oder ist Coach? Ich habe gelernt, Coach ist geschlechterneutral. Bleiben wir bei Coach, genau. Also wie können wir Kundinnen Spreu vom Weizen tränen?

7:23

Worauf müssen wir achtgeben, wenn wir uns auf ein Coaching einlassen wollen. Und dann kommt natürlich die Folgefrage, wie muss ich mir so eine Sitzung überhaupt vorstellen?

7:35

Bei was begleitest du die Leute? Was bietest du an? Also was genau wird da erarbeitet?

7:44

Genau, also wie du schon angesprochen hast, grundsätzlich kann der Wertegang sehr unterschiedlich sein. Es kann sein, dass die Person einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat als ich und trotzdem ein guter Coach ist.

7:59

Was einfach wichtig ist zu wissen, ist, dass Coach kein geschützter Titel ist. Also du bist auch der Coach, wenn du dich so nennen möchtest, dann bist du ab heute der Coach.

8:11

Genau, und das Wort Zertifikat ist ja auch nicht geschützt, also ich kann dir jetzt und hier ein Zertifikat ausstellen, dass du Autismuscoach bist und dann kannst du sagen, ich habe ein Zertifikat, obwohl ich keine Autorität habe, sowas zu beurteilen, aber Das Zertifikat ist nicht geschützt.

8:35

Das eröffnet auch schon das Feld für sehr viele fragwürdige Ausbildungen. Man kann heutzutage in vier Stunden Online-Gespräch Autismuscoach werden. Es gibt Firmen, die bieten das an.

8:52

Werde Autismuscoach, dann musst du einen vierstündigen Workshop bei ihnen machen online und dann kriegst du ein Zertifikat. du bist jetzt Autismuscoach, ohne dass du irgendetwas vorher schon gemacht hast in diesem Bereich.

9:05

Daher empfehle ich wirklich, wenn eine Person sich coachen lassen möchte, dass man kritisch hinterfragt, was hat meine potenzielle Coach für einen beruflichen Hintergrund.

9:19

Und einerseits ist es sicher die Ausbildung, Weiterbildung, das andere ist die Erfahrung mit dem Thema.

9:26

Und ja, es gibt viele Leute, die haben dann eine Webseite, wenn dort irgendwelche Abkürzungen stehen, zum Beispiel, was weiss ich, Coach PLI, P-L-I, dann kann man diese Abkürzungen googeln und schauen, was ist das überhaupt für eine Ausbildungsstätte, wie lange dauert so eine Ausbildung, was sind die Bedingungen, damit man aufgenommen wird für so eine Ausbildung.

9:49

Und da findet man dann je nachdem sehr unterschiedliche Sachen. Genau. Und meiner Meinung nach ist einfach relevant, was hat eine Person für eine Ausbildung, Weiterbildung, und zwar in beiden Themen, sowohl Coaching wie auch Autismus.

10:04

Ich finde, da braucht es beides. Und andererseits, wie viel Erfahrung hat die Person mit dem Thema, wieder beides. Jetzt bei mir ist es so, ich kann wirklich sagen, ich habe jetzt 13 Jahre Erfahrung mit dem Thema Autismus und ich habe in dieser Zeit so viele autistische Personen kennengelernt.

10:21

Ich habe wirklich viel Erfahrung mit dem Thema. Das getraue ich mich so zu sagen. Coaching mache ich weniger lang. Also man kann sagen, mit dem Thema Coaching habe ich weniger Erfahrung als vielleicht andere Coaches haben.

10:35

Da bin ich einfach jetzt am Erfahrung aufbauen. Ah ja, da fehlt jetzt noch die Zusatzfrage, die ich gestellt habe. Wie muss man sich so eine Sitzung bei dir vorstellen?

10:45

Woran arbeitest du mit deinen Klientinnen und

10:49

Das ist recht unterschiedlich, weil bei mir kommen ja sehr unterschiedliche Personen vorbei. Das heisst, je nach Lebenssituation. Es sind junge Leute bei mir, es sind auch Leute bei mir, die deutlich älter sind als ich.

11:05

Die berufliche Situation kann total unterschiedlich sein und entsprechend sind dann auch die Themen unterschiedlich. Ich denke, wenn man noch nie ein Coaching gemacht hat und sich fragt, was würde da auf mich zukommen?

11:18

Also meistens ist es einfach ein Gespräch. Man sitzt an einem Tisch zum Beispiel und spricht miteinander. Vielleicht ist es ein bisschen vergleichbar mit einer Psychotherapie.

11:31

Allerdings sage ich immer, Coaching ist oberflächlicher und ich konzentriere mich nicht auf pathologische Themen grundsätzlich, sondern bei mir geht es eher um den Alltag, also um die Gegenwart und um, wie möchte ich meine Zukunft gestalten und nicht unbedingt, was habe ich exakt alles schon erlebt.

11:51

Also das kann Thema sein, wenn das relevant ist für das Thema der Sitzung, aber ich bohre da nicht mega nach in der Kindheit oder so, sondern das ist wie nicht meine Aufgabe, finde ich, sondern ich schaue wirklich, was möchte die Person lernen oder was möchte die Person verändern in ihrem Leben Und wie kann ich da unterstützend dabei sein?

12:13

Das heisst, ich definiere bei diesem Gespräch am Anfang immer auch das Ziel dieses Gesprächs. Und ich sage dann, ja, was wollen wir heute besprechen? Wenn es eine Person ist, die von der IV geschickt wird, dann sind natürlich gewisse Dinge wie vorgegeben.

12:31

Also dann heisst es, bei dieser Person geht es darum, dass sie ihre Stelle behalten kann zum Beispiel. Und dann redet man sicher viel bei diesem Gespräch drüber. Ja, wie läuft es denn aktuell bei Ihnen bei der Arbeit?

12:45

Was läuft gut? Was ist schwierig? Welche Möglichkeiten haben Sie, irgendetwas anzusprechen, zum Beispiel, wenn es Probleme gibt mit Reizüberflutung? Wie können Sie das ansprechen bei Ihrem Arbeitgeber etc.?

13:00

Ich habe aber auch Leute, bei denen geht es, also vor allem die Personen, die quasi private Kunden sind, die nicht von der IV geschickt werden. Dort geht es häufig auch um den Alltag.

13:10

Also, wie komme ich zurecht? Wie komme ich durch meine Woche, ohne dass ich komplett ausgebrannt bin? Oder nur noch Meltdowns habe am Wochenende? Oder, ja, Umgang mit Stress ist ein grosses Thema.

13:23

Oder, wie händle ich soziale Situationen? Das ist auch ein Klassiker. Solche Themen, ja. Das sind wir sogar genau bei meiner ersten Frage, die ein bisschen spezifischer ist.

13:36

Da geht es nämlich um die Kommunikationskompetenz autistischer Personen. Das ist ja immer wieder so ein großes Thema. Und da gibt es auch ganz schön viele Vorurteile. Denn wir Autistinnen und Autisten erleben es ja oft, dass wir wie eine Art Fremdsprache sprechen und dass unser Gegenüber gar nicht so genau weiß, was wir eigentlich meinen.

13:56

Und es ist natürlich auch umgekehrt so, dass wenn ein Vorgesetzter oder eine Vorgesetzte einen Befehl oder eine Aufgabe zuteilt, dass dann womöglich große Missverständnisse bestehen, weil einfach nicht klar kommuniziert wird.

14:11

Und jemand aus meiner Fediverse-Blase möchte gern wissen, wie kann ich meinem Gegenüber unmissverständlicher begegnen? Wie kann ich mein Gegenüber besser verstehen? Gibt es da irgendwelche Tricks oder kann ich mein Gegenüber so instruieren, mit mir zu sprechen, dass ich wirklich weiß, was es meint?

14:35

Das große Thema sind Missverständnisse in der Kommunikation. Und zwar so, dass beide Seiten zufrieden sind, dass nicht beide Seiten am Schluss genervt sind. Die eine denkt, wieso versteht mich keiner oder keine?

14:48

Und die andere Person denkt, ich habe doch klar und deutlich gesagt, was sie machen soll, wieso versteht sie mich nicht? Also was würdest du jetzt einer Person raten oder zeigen oder als Hilfsmittel mit auf den Weg geben, die mit dieser Thematik zu dir kommt?

15:03

Ja, also das ist ein Thema, das begegnet mir immer wieder. Und ich glaube, eine allgemein gültige Antwort auf diese Frage kann ich nicht geben. Also das wird nicht für alle Personen in jeder Situation passen, was ich jetzt dazu sage.

15:17

aber ich kann trotzdem versuchen, deine Frage zu beantworten. Ich erlebe es, dass es eigentlich immer hilfreich ist, nachzufragen. Also, wenn das Gegenüber weiss, dass ich nicht sicher bin, ob ich es richtig verstanden habe, hat mein Gegenüber die Gelegenheit, mir die Frage so zu stellen oder etwas so zu erklären, dass ich es verstehe.

15:43

Ich glaube, wenn mein Gegenüber gar nicht weiss, dass ich unsicher bin, ob ich etwas richtig verstanden habe, dann wird die Person sich auch keine Mühe geben, das nochmals zu erklären oder zu wiederholen.

15:55

Also ich eröffne quasi für mein Gegenüber eine Möglichkeit, das klarer, deutlicher zu sagen, indem ich nachfrage. Und eine Nachfrage ist zum Beispiel, was man immer fragen kann, wie meinst du das jetzt genau?

16:09

Was meinst du damit? Ich finde, das ist eine sehr gute Frage. Ich selbst stelle diese Frage oft, auch meinen Klienten, Klientinnen. Wenn ich nicht sicher bin, habe ich jetzt mein Gegenüber richtig verstanden und frage ich, wie meinen sie das jetzt genau?

16:24

Können sie mir das erklären, wie sie es meinen? Und das ist grundsätzlich, finde ich, ein guter Weg. Wenn sich dann solche Situationen häufen und man irgendwie immer wieder an diesen Punkt kommt von Missverständnis, dann kann es meiner Meinung nach hilfreich sein, wenn man das auf einer Meta-Ebene mal anspricht und sagt zum Beispiel, ich stelle fest, dass wir uns oft missverstehen.

16:54

Wie können wir dieses Problem lösen? Ist es da hilfreich, sich als Autistin zu outen oder ist es eher schwierig? Das ist auch eine mega persönliche, individuelle Frage.

17:09

die kann ich nicht für alle beantworten. Das muss letztlich die Person selbst wissen. Also ich höre einfach, dass Personen unterschiedliche Erfahrungen damit machen, dass sie ihre Diagnose offenlegen.

17:22

Es gibt Personen, die sagen, es ist alles viel einfacher seither, dass ich meine Diagnose offenlege. Ich werde häufiger verstanden oder die Menschen verstehen auch, warum ich vielleicht in gewissen Bereichen ein bisschen Schwierigkeiten habe oder so.

17:39

Und andere Leute sagen, ich habe das einmal offengelegt und mir sind so viele Vorurteile begegnet und ich habe so schlechte Erfahrungen damit gemacht, dass ich das nicht mehr mache.

17:51

Und ich finde, beides ist valide. Also, ich finde, das ist eine persönliche Entscheidung.

17:58

Ich kann nur sagen, ich verstehe beide Sichtweisen. Wenn ich persönlich eine solche Erfahrung machen würde, ich persönlich bin zum Beispiel, ich habe ein ADS, also mein Gehirn funktioniert auch nicht neurotypisch.

18:11

Und wenn ich jetzt die Erfahrung machen würde, ich sage das im beruflichen Kontext, ich habe ein ADS, also das mache ich hier gerade, aber ja, gehen wir davon aus, ich sage das irgendwo und dann begegnet mir sehr viel Ablehnung oder die Leute sagen, ah nein, dann kannst du hier nicht arbeiten.

18:27

Also das geht gar nicht. wir stellen keine Leute an mit ADS, dann würde ich das auch nicht mehr sagen, künftig bei einem Vorstellungsgespräch. Also von daher, ja, ich glaube einfach, egal ob man jetzt sagt, ja, weisst du, ich bin im Falle autistisch oder man möchte das nicht sagen, im beruflichen Umfeld, so oder so macht es Sinn, darüber zu reden, was vielleicht schwierig ist in der Kommunikation.

18:56

Das kann man aber auch machen, ohne dass man das Wort Autismus fallen lässt. Ich helfe häufig den Klientinnen und Klienten bei mir zu beschreiben, was ihre Schwierigkeiten genau sind.

19:08

Weil, wenn man das erklären kann, dann braucht es das Wort Autismus nicht zwingend, finde ich. Das ergibt zehn Ja, danke. Das klingt nach einer sehr umsetzbaren Antwort oder Möglichkeit.

19:22

Was ich vielleicht noch ergänzen kann, ist, wenn dann wirklich auch das schiefläuft oder die Person, um die es geht, hat so wenig Verständnis für irgendwelche Kommunikationsbarrieren, was dann vielleicht noch als Letztes helfen kann, ist schriftliche Kommunikation, weil schriftliche Kommunikation hat meiner Meinung nach, bietet die weniger Fallen, in die man tappen kann, weil die Körpersprache fällt weg, der Tonfall fällt weg, man kann Sachen nochmal nachlesen.

19:52

Man kann Sachen auch beweisen, sage ich jetzt mal, und sagen, doch, das hast du hier so und so geschrieben. Ja, wie auch immer, schriftliche Kommunikation ist dann auch noch irgendwann eine Möglichkeit.

20:05

Ich glaube, das Hauptkommunikationsproblem ist ja oft, dass wir eben, also wir AutistInnen, ja, manche Sachen nicht entschliessen können, die Körpersprache manchmal richtig, man mal vielleicht nicht richtig oder nicht so, wie sie gemeint ist, entschlüsseln und vielleicht viele Missverständnisse aus diesem Zusammenhang entstehen.

20:26

Beiderseitig natürlich. Kommunikation ist ja immer beidseitig. Jedenfalls bin ich froh, dass du das jetzt so zusammengefasst hast.

20:34

Und da habe ich dann die nächste Frage. Es geht um das Selbstverständnis als Autistin und als Autist. Die meisten AutistInnen haben ja sehr hohe Ansprüche an sich selbst, bis hin zu Perfektionismus.

20:50

Wann immer ich mit anderen AutistInnen über diese Selbstansprüche spreche, kommen wir auf Anpassungsleistung, Anpassungsdruck und auf Masking. Wir verbiegen uns und verbrennen damit so unglaublich viel Energie.

21:03

Wie können wir in dieser Welt gute Menschen sein und selbst sein, ohne immer in ein Energiedefizit zu kommen? Mit welchen Hilfsmitteln und Strategien können wir in dieser Welt möglichst authentisch unser Leben leben?

21:18

Ja, ich begegne dem Thema Masking häufig. Viele, oder ich würde jetzt mal sagen, fast alle meiner KlientInnen im Coaching haben Erfahrung mit Masking. Und ich empfehle dann immer, nach Situationen oder Möglichkeiten im Tagesablauf zu suchen, in denen das Masking nicht nötig ist, und in diesem Rahmen so viel wie möglich auszuleben, was sonst vielleicht unterdrückt wird, also zum Beispiel Stimming, meine ich jetzt, oder eine intensive Beschäftigung mit einem Thema, das einen begeistert.

21:56

Ich möchte ganz klar sagen, jetzt aus meiner Sicht als Coach, Masking ist psychisch total ungesund. Das fügt einem Schaden zu, längerfristig. Und es kann wirklich krank machen, es kann depressiv machen.

22:14

Masking ist nichts Gesundes, psychisch gesehen. Ich mache aber die Erfahrung, dass manche Menschen halt trotzdem sagen, ja, ich möchte ja nicht ständig auffallen. Ich möchte ja problemlos eine Stelle finden oder ich möchte diese und diese Ausbildung machen können.

22:33

Und was weiss ich, ich möchte nicht Zug fahren und jeder sieht mir an, dass mit mir was irgendwie speziell ist, weil ich halt Stimming mache, recht auffällig oder was auch immer.

22:45

Und ich habe Verständnis für dieses Anliegen. Ich verstehe, dass man nicht ständig auffallen möchte. Ich begegne dem häufig bei Frauen und gerade bei jungen Frauen, die sagen, ja, aber ich will doch nicht auffallen und ich möchte sein wie alle anderen auch.

23:04

Und ich denke dann so, ja, wir sind alle verschieden. Und wenn ein Gehirn anders funktioniert, dann ist das so. Das kann man nicht mit Masking verändern, sondern das ist einfach so.

23:17

Aber ich verstehe, dass jemand sagt, ich brauche trotzdem für mich Strategien, wie ich unauffällig irgendwie durch den Alltag komme. Ich sage dann einfach immer, ja, gibt es denn Situationen, wo du oder wo Sie sich so sicher fühlen, dass Masking nicht möglich ist?

23:36

Gibt es Personen in Ihrem Umfeld, denen Sie vertrauen und bei denen Sie sich getrauen, ein bisschen mehr sich selbst zu sein und sich nicht so fest verstellen zu müssen.

23:48

Und wenn die Person sagt, ja, die gibt es, dann sage ich, ja, bitte verbringen Sie mehr Zeit mit diesen Personen und weniger Zeit, soweit man sich das aussuchen kann, natürlich, mit Personen, bei denen Sie sich nicht sicher fühlen und bei denen Sie das Gefühl haben, ich muss mich jetzt verstellen, damit ich gut aus dieser Situation wieder rauskomme oder was auch immer.

24:08

Ja, und ich finde es einfach mega wichtig, auch so im Wochenablauf oder im Tagesablauf, was es dann auch ist, Zeiten vorzusehen, in denen kein Masking nötig ist. Sei es, weil man eben mit Personen unterwegs ist, bei denen man sich sicher fühlt und bei denen man nicht die Angst hat, was passiert, wenn ich mich nicht verstelle, oder sei es, dass ich alleine Zeit verbringe und mit mir quasi machen kann, was immer ich Lust habe dazu, also sei es jetzt irgendwie Stimming oder dass ich vor mich hinsumme, schaukle, was auch immer oder dass ich halt mich acht Stunden am Stück intensiv mit meinem Lieblingsthema beschäftige, weil das ist psychisch gesund.

24:53

Stimming ist super gesund psychisch und die Beschäftigung mit einem Spezialinteresse grundsätzlich auch. Das ist etwas, wo man sich auskennt, wo man sich wohlfühlt, das ist gut für die Psyche grundsätzlich.

25:07

Leuchtet ein, ja, herzlichen Dank. Bei der nächsten Frage geht es auch wieder um den Energiehaushalt und zwar in Sachen Lebensqualitätsverbesserung. Viele Neurodivergente sagen von sich selbst, dass sie oft erschöpft sind und da kommt eben dann auch das Schlafen ins Spiel.

25:25

Schlaf ist für viele Neurodidagenten in meinem Umfeld ein schwieriges Thema. Wirst du damit auch als Coach konfrontiert und falls ja, wie begleitest du deine Klienten bei diesem Thema?

25:37

Ja, danke für diese spannende Frage, weil das ist eines der Hauptthemen bei mir, die Sache mit dem Energiehaushalt. Und ich mache gute Erfahrungen damit, dass wirklich exemplarisch für einen Tag, der noch nicht weit zurückliegt, zum Beispiel gestern, ganz genau anzuschauen.

25:59

Und zwar kann man das gut visualisieren. Ich bin eh ein Fan von Visualisierungen. Man kann wirklich wie eine Tabelle erstellen, was kostet mich wie viel Energie, was gibt mir Energie und sich das gegenüberstellen.

26:14

Also zum Beispiel könnte ich dich Fragen, gestern, was hast du alles gemacht? Und, also nicht bis in jedes Detail, sondern eher so über Themen, zum Beispiel, ich habe gekocht oder ich habe gearbeitet oder ich habe mir einen Film angeschaut, was auch immer.

26:31

Und dann können wir schauen, hat dich das Energie gekostet oder hat dir das Energie gegeben?

26:38

Oder es gibt Leute, die sagen, es gibt fast nichts, was mir wirklich Energie gibt. Es gibt einfach Dinge, die mich keine Energie kosten. Dann schauen wir, okay, was gibt es da in dieser Kategorie?

26:50

Was nimmt dir wenigstens keine Energie weg? Und dann kann man schauen, gibt es denn Möglichkeiten, das zu beeinflussen? Also wir müssen alle irgendwas erfüllen oder wir müssen irgendwelche Dinge erledigen.

27:03

Man ist ja leider nicht einfach frei in der Gestaltung seines Tages als erwachsene Person. Aber gibt es Möglichkeiten, irgendwo Einfluss darauf zu nehmen, was ich mache oder wann ich es mache?

27:17

Oder gibt es Dinge, die kann ich vorbereiten und dadurch brauche ich dann weniger Zeit, zum Beispiel beim Kochen? Also, wenn jemand sagt, meine Mittagspause, das ist die Hölle, weil ich muss dann innerhalb von 45 Minuten muss ich in die Menschenmenge da am Bahnhof und mir dort ein Mittagessen holen und dann auch noch essen.

27:39

Und dann bin ich fix und fertig. Und eigentlich muss ich dann aber wieder arbeiten. Dann schauen wir, gibt es die Möglichkeit, dass sie Essen von zu Hause mitnehmen oder können sie vielleicht am Wochenende vorkochen oder einfach solche Sachen.

27:53

Ja, das ist dann individuell, was möglich ist, halt, was man anpassen kann und was nicht. Aber ja, das lohnt sich wirklich, das genau anzuschauen. Und das wirkt sich dann auch auf den Schlaf aus?

28:07

Also Schlaf ist nochmal ein anderes Thema, würde ich sagen. Ich bin jetzt eher darauf eingegangen, ja, Energiehaushalt im Allgemeinen. Ja, Schlaf ist auch ein Megathema.

28:17

Und da ist es unterschiedlich, was eine Person schon alles ausprobiert hat. Es gibt manchmal Personen, die machen gute Erfahrungen, zum Beispiel mit gewissen Cannabis-Produkten.

28:29

Manche Menschen sprechen gut auf gewisse Medikamente an. Manche hingegen können oder möchten das eine oder das andere nicht ausprobieren oder nicht. Also es geht wie nicht, aus irgendwelchen Gründen.

28:43

Ja, muss man schauen, was da überhaupt möglich ist, inwieweit man das überhaupt beeinflussen kann. Also ich frage dann häufig auch nach, ja, haben Sie das Thema schon mit jemand anderem angeschaut, weil die meisten Leute als Erwachsene haben schon sehr viele Sachen ausprobiert.

28:58

Dann muss ich nicht kommen und sagen, ja, liegen Sie mal auf einer Akupressurmatte, sondern ich frage zuerst nach, ja, was haben Sie alles schon ausprobiert? Es gibt da schon Dinge, die man tun kann, aber vielleicht hat die Person bereits drei Therapien hinter sich und hat da schon alles Erdenkliche ausprobiert.

29:14

Dann muss man vielleicht eher schauen, gibt es eine Möglichkeit, dass Sie weniger arbeiten müssen? Also gibt es Möglichkeiten, dass Sie Ihr Prähensum reduzieren können, dass es finanziell irgendwie geht, damit Sie einfach nicht kaputt gehen?

29:28

Man könnte schon auch sagen, dass wenn ich im Alltag mein Stimming oder auch Sachen, die mich weniger Energie brauchen als andere, wenn ich das mehr praktiziere, dass sich das wahrscheinlich dann auch auf die Schlafqualität auswirkt oder auswirken könnte.

29:45

Ja, natürlich. Ganz klar, da gibt es einen Zusammenhang. Genau. Je besser es mir geht, desto besser könnte der Schlaf, die Schlafsqualität werden. Absolut. Ich habe jetzt eigentlich mehr auch gemeint, also das hängt ganz klar zusammen.

29:59

Darum fange ich mit den Leuten auch bei diesem Thema beim Energiehaushalt damit anzuschauen, ja was kostet sie, wie viel Energie gibt es Sachen, die sie weglassen können oder ersetzen durch anderes, was auch immer.

30:10

Ja, wie gesagt, also ich bin auch nicht neurotypisch, ich kenne das von mir selbst. Ich schramme wahrscheinlich auch knapp am Autismus-Spektrum vorbei, so unter uns. Und ich kann mir vorstellen, dass es anderen Menschen ähnlich geht, wie mir, dass einfach wie der Kopf hört, nicht aufzudenken.

30:26

Also man liegt im Bett und eigentlich war der Tag soweit gut und alles ist im grünen Bereich, aber es denkt einfach so vor sich hin. Mein Gehirn, das macht das. Und ich kann mir vorstellen, dass es anderen Leuten, die autistisch sind, ähnlich geht.

30:43

Und das heisst einfach nur, ich will damit sagen, man kann nicht alle Probleme damit lösen, dass man den Tagesablauf optimiert.

30:52

Also es gibt Sachen, die kann man damit nicht lösen. Trotzdem macht es natürlich Sinn, da zuerst anzusetzen. Also wie du sagst, ja. Das deckt sich auch mit meiner persönlichen Erfahrung.

31:02

Ich habe da auch schon viel ausprobiert. Wie sieht es eigentlich konkret mit den Möglichkeiten in Sachen Unterstützung im Alltag und im Beruf aus für Menschen mit Autismus?

31:12

Wer trägt die Kosten? Das Coaching wird zum Teil subventioniert von der IV, wenn ich das richtig verstanden habe. Und es ist natürlich auch von Land zu Land unterschiedlich.

31:22

Was gibt es außer Coachings überhaupt noch so in der ganzen Autismushilfe-Landschaft? Was kennst du da noch alles? Arbeitest du auch interdisziplinär oder wie muss man sich das vorstellen?

31:35

Wie vernetzt bist du auch? Ja, ich konnte mittlerweile schon Kontakte aufbauen. Die Kostenfrage ist ein grosses Thema. Es gibt halt Sachen, die bezahlt die IVA, jetzt diese Coachings, die ich vorhin beschrieben habe, wo ich jemandem helfen soll, im beruflichen Kontext besser zurechtzukommen.

31:56

oder dann gibt es aber auch andere Möglichkeiten von der IV. Man kann auch eine Rente beziehen in der Schweiz, wenn man aufgrund einer Behinderung, und in diesem Kontext gilt jetzt Autismus als Behinderung, wenn man da Mühe hat, beruflich erfolgreich zu sein, dann kann es auch sein, dass eine Person eine Rente bekommt.

32:15

Es gibt auch Teilrenten. Ich glaube, man muss einfach zumindest 40 Prozent quasi arbeitsunfähig sein, damit man Anrecht hat auf eine Teilrente. Jemand muss sagen, dein Autismus schränkt dich dermassen ein, du bist zumindest 40 % arbeitsunfähig aufgrund deines Autismus.

32:36

Da brauchst du es dann gut achten etc. Ja, es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Manche Sachen bezahlt die Krankenkasse. Therapie ist so was. Wenn jemand eine Psychotherapie machen möchte, oder was ich sehr empfehle, sind auch Ergotherapien.

32:54

also ErgotherapeutInnen, das wird von der Krankenkasse bezahlt. Und das kann sich total lohnen. Ergotherapie ist ein grosses Feld. Manche ErgotherapeutInnen konzentrieren sich eher auf körperliche Angelegenheiten, zum Beispiel Hand, Knie, was weiss ich.

33:15

Aber es gibt in der Ergotherapie wirklich auch Fachpersonen, die haben sich auf eher soziale Themen oder so oder lebenspraktische Themen spezialisiert. Ja, und dann gibt es noch die psychiatrische Spitex.

33:30

Das kann eine gute Sache sein, wenn man Unterstützung im Alltag braucht, zum Beispiel beim Haushalt oder bei alltäglichen Dingen halt. Das wird auch von der Krankenkasse bezahlt.

33:42

Dann gibt es halt wie auch noch eine Lücke und dort ist mein Angebot, Weil ich bin als Coach, sag ich mal, ein bisschen flexibler als eine Psychologin oder so. Ich kann auch zu jemandem mit nach Hause.

33:56

Ich komme aus der Sozialpädagogik. Ich bin mich das wie auch gewöhnt, dass ich nachher am Alltag bin bei jemandem. Und ja, also ich kann auch zum Beispiel mit jemandem mein Hilfsmittel machen selber.

34:09

Sei es zum Beispiel ein Notfall-Set für unterwegs oder was weiss ich genau. Ich finde, das ist ein tolles Angebot. Das Problem ist halt einfach, die Krankenkasse bezahlt das nicht.

34:20

Das ist keine medizinische Leistung quasi, was ich anbiete. Und das bedeutet dann, die Person muss es selbst bezahlen. Oder, wenn sie Glück hat, dann bezahlt vielleicht die Pro Infirmis.

34:31

Das ist ein Verein zum Thema Behinderungen. Dort kann man einen Antrag stellen und sagen, ich brauche das und das, damit ich vorankomme in meinem Leben. Und die Pro Infirmis prüft das dann.

34:41

Es geht immer ums Einkommen, also wie viel verdient diese Person. Und wenn das wenig genug ist, sage ich mal, dann kann es sein, dass die Profifirma das bezahlt. Das ist jetzt schweizweit gedacht.

34:54

Und ich denke, in Österreich oder in Deutschland wird es ähnliche Angebote geben, hoffe ich jedenfalls. Ja, ich denke, das lohnt sich da vielleicht als betroffene Person, sich da ein bisschen reinzufuchsen und selber zu recherchieren.

35:11

Wie hältst du es eigentlich mit Gruppen? Arbeitest du einzeln, vor allem, wenn ich das richtig gehört habe, oder hast du auch Gruppen? Du hast am Anfang erzählt, dass du so Gruppen geleitet hast.

35:22

Das war noch vor deiner Zeit als Coach. Und hast du das weiterhin oder gibt es sogar Gruppen, die du regelmäßig betreust? Und wie ist es bei Selbsthilfegruppen? Ich weiß nicht, ob du dich da auskennst.

35:36

Was hilft, wenn man sich als autistische Person in einem Gruppenkontext gegenseitig unterstützen will? Was hilft von außen, also von einem Coach, oder was hilft in der Gruppe?

35:51

Wo können wir uns gegenseitig stärken als Betroffene? Das ist ein ziemlich komplexes Thema, aber ich denke, Gruppendynamik hat ja oft eine unterstützende Wirkung. Wie kann das konkret aussehen, zumal AutistInnen sich in Gruppen normalerweise nicht unbedingt so wohl fühlen, aber eben, wenn es andere autistische Personen sind, kann sich ja da wieder etwas ganz Neues etablieren oder entstehen aus der Energie, die man zusammen aufbaut.

36:26

Also, zum Thema Gruppen. Im Moment habe ich kein Gruppenangebot, das heisst, ich arbeite wirklich einzeln mit Personen. Einfach manchmal kommen auch gleich zwei Personen aufs Mal, sage ich.

36:40

Wenn zum Beispiel noch ein Partner oder eine Partnerin da ist, dann dürfen die auch zu zweit kommen. Oder ich arbeite auch noch mit Kindern und Jugendlichen, da sind dann manchmal die Eltern noch mit dabei.

36:53

Das ist auch okay. Und ich habe es auch schon erlebt, dass ein Familienmitglied jemand begleitet hat, also bei einer Erwachsenenperson, dass zum Beispiel die Schwester noch mitkommt, weil da eine gute Beziehung vorhanden ist und die Schwester ihren autistischen Bruder gut unterstützen kann zum Beispiel.

37:13

Ich kann vielleicht trotzdem etwas dazu sagen, weil ich eben Erfahrung gesammelt habe mit Gesprächsrunden. Grundsätzlich ermutige ich viele von meinen Klientinnen und Klienten auch, dass sie sich schlau machen, beziehungsweise ich habe auch Adressen, ob sie eine Gruppe finden in ihrer Nähe, so selbsthilfemässig, wo sie sich wohlfühlen oder wo sie vielleicht mal reinschauen könnten, um zu schauen, ist das was für mich.

37:40

Weil ich habe die Erfahrung gemacht, dass Austausch unter seinesgleichen, sage ich jetzt mal, obwohl jede Person natürlich anders ist, kann einfach total entlasten, also man kann sich gegenseitig Tipps geben und man fühlt sich auch einfach mal verstanden.

37:56

Und das ist etwas, was für autistische Personen manchmal recht selten der Fall ist, dass sie sich verstanden fühlen. Man begegnet vielleicht einer Person, die ganz ähnliche Themen hat wie man selbst oder schon ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie man selbst.

38:10

Und das tut einfach gut, wenn man merkt, ich bin nicht alleine mit diesem Thema und es ist nicht so, dass ich einfach alles falsch mache.

38:21

Und eben in den Gesprächsrunden, da habe ich ganz, ganz, ganz viel gelernt. Zum Beispiel habe ich gelernt, es macht keinen Sinn, eine Gesprächsrunde zu organisieren mit 20 teilnehmenden Personen.

38:35

Also, das habe ich genau einmal gemacht. Das war too much. Ich spreche jetzt wirklich aus meiner Perspektive. Für mich war es too much.

38:46

Ja, ich glaube, für die meisten Anwesenden auch. Also, das ist keine gute Idee. Eine Gruppe sollte nicht zu gross sein. Das ist wichtig. Was anderes, was ich bemerkt habe, als dann die Gruppen kleiner waren und ich das Angebot so ein bisschen an meine Vorstellungen auch anpassen konnte, Ich habe selten in einer Gruppe von erwachsenen Personen so viel Verständnis füreinander und so viel Toleranz erlebt wie in diesen Gesprächsgruppen.

39:14

Das hat mich absolut beeindruckt. Ich arbeite im sozialen Bereich schon sehr lange und ich habe da immer wieder Weiterbildung oder irgendwas mit irgendwelchen anderen Fachpersonen.

39:26

Und wenn ich das so vergleiche, wie das da so zu und her geht in einer so gemischten Gruppe, wie es in den Gesprächsrunden war, das waren ja auch, die haben einander nicht gekannt, das war ein zusammengewürfelter Haufen von erwachsenen autistischen Personen, muss ich wirklich sagen, wow, also AutistInnen sind häufig sehr tolerant.

39:50

Ja, also das hat mich beeindruckt. Genau. Da widerlegt man eben auch das Vorurteil, dass es mit der Kommunikation schwierig ist. Es kommt halt darauf an, wie die Resonanz ist.

40:02

Weil man dann die gleiche Sprache kennt und die gleiche Sprache spricht, da ist dann auch das sich gegenseitige Verstehen, das Verständnis einfacher. Ja, also es gibt natürlich schon auch Leute im Autismus-Spektrum, die sprechen sehr viel und haben vielleicht noch nicht so das Feeling entwickelt, Wann überfordere ich jemanden auch damit, dass ich so viel spreche?

40:25

Ich fand es ein bisschen erschreckend, muss ich sagen, wie viele Frauen ich da getroffen habe, die sich ständig entschuldigt haben bei mir.

40:36

Ich musste mal fast weinen aus Empathie, weil ich dachte, meine Güte, eine so nette junge Frau, so freundlich und ständig fragt sie mich, oh, oh, habe ich was falsch gemacht?

40:48

Und das war eine erwachsene Frau, die war vielleicht um die 30. Und das hat mich tief getroffen, weil ich dachte, was musst du schon alles erlebt haben, damit du so unsicher bist oder so schnell das Gefühl hast, du machst irgendwas falsch.

41:03

Und ich habe die Frau ja nicht wirklich gekannt. Ich habe dann einfach gesagt, hey, nein, du bist voll okay. Und ich würde nie auf die Idee kommen, dass du irgendwas falsch machst hier.

41:13

Du darfst hier einfach reden, wenn du möchtest, oder zuhören, wenn du nicht reden möchtest. Alles okay. Ja, also ich muss wirklich sagen, das hat mich damals getroffen, so.

41:23

Also man könnte sagen, der Austausch in einer Gruppe kann eigentlich nur gut sein, gut tun. Ich glaube, du kannst auch in so eine Gruppe gehen und dann sind dann zwei Personen da, die sind dir überhaupt nicht sympathisch.

41:38

Das kann auch passieren, oder? dass du dahin gehst und merkst, nein, das sind jetzt nicht meine Leute. Aber ich glaube, es lohnt sich einfach, das mal auszuprobieren. Und auch vielleicht online zu schauen.

41:50

Treffe ich online Leute, mit denen ich mich vielleicht auch mal im realen Leben treffen kann, die irgendwo in der Nähe sind oder nicht so weit weg von mir? Und vielleicht treffe ich mich mit denen, wenn ich bei der Selbsthilfegruppe um die Ecke merke, nein, das sind jetzt echt nicht meine Leute.

42:08

oder die reden über Sachen, die interessieren mich nicht, dann such weiter. Weil ich glaube einfach, grundsätzlich tut das total gut. Wenn du Personen findest, die dir sympathisch sind, die vielleicht so ein bisschen ähnliche Interessen haben wie du, oder vielleicht einfach, ja, von der Persönlichkeit her so sind, dass du findest, doch, die sind nett, dann ist das eine tolle Sache.

42:30

Und es lohnt sich, glaube ich, diese Leute zu suchen und zu finden.

42:34

Abschließend kommt noch die Frage nach dem Sinn oder Unsinn von Diagnostik. Das ist ja im Moment ein großes Thema immer wieder, weil die Diagnostikstellen sind meistens überlaufen.

42:46

Oft werden Diagnostiken nicht seriös gemacht und da gibt es immer mehr Leute, die sagen, es reicht mir, wenn ich mich als Autistin selbst identifiziere und es gibt sogar Studien, die belegen, dass die selbst identifizierten Diagnosen, sage ich jetzt mal so, ziemlich deckungsgleich sind mit den Diagnostiken, die von Fachpersonen gestellt werden.

43:11

Habe ich neulich gerade eine Studie dazu gelesen. Sinn und Unsinn, was rätst du oder welche Vor- und Nachteile sind dir da bekannt und bewusst und was empfiehlst du? Was denkst du darüber?

43:24

Ja, das ist eine Frage, wo ich wieder mal sagen kann, das ist sehr individuell, kann man wahrscheinlich nicht für alle gleich beantworten, dass es für alle passt. Es gibt einfach Gründe, die dafür sprechen, und es gibt Gründe, die dagegen sprechen.

43:39

Ich finde beides valide. Bei mir im Coaching sind auch Leute, die keine Diagnose haben oder noch keine Diagnose. Vielleicht kann ich ein bisschen exemplarisch erzählen.

43:51

Ich hatte vor ein paar Monaten eine Frau bei mir, die hatte mehrere Termine bei mir und die hat keine Diagnose, ist aber angemeldet für eine Abklärung. Allerdings, wie du sagst, sind die Abklärungsstellen dermassen überlaufen, dass es noch eine Weile dauern wird, bis sie da hin kann.

44:11

Und ihr grosses Thema war am Anfang, ja, aber macht das jetzt überhaupt Sinn, dass ich ein Coaching mache mit jemandem, der von sich sagt, ich kenne mich gut aus mit Autismus, wenn ich doch selber gar nicht weiss, ob ich jetzt Autistin bin oder nicht, weil ich habe ja keine Diagnose.

44:27

Und ich habe ihr schon gesagt, wenn das nicht das Thema des Coachings ist, also ich kann kein Coaching zum Thema machen, bin ich autistisch oder nicht, weil ich bin keine Psychologin, ich mache keine Abklärungen, ich vergebe keine Diagnosen, also eignet sich dieses Thema einfach nicht als Coaching.

44:46

Aber wenn es ein anderes Thema ist, das jemand mit mir anschauen möchte, bei ihr war es vor allem das Thema Beruf, dann spielt das keine Rolle. Selbst wenn Sie jetzt ein Coaching bei mir machen und ich mache Sie ein bisschen aufmerksam während dem Coaching auf autismusspezifische Themen, und dann in zwei Jahren erfahren Sie, «Ah nein, ich bin gar nicht Autistin», wenn das Coaching Ihnen in diesem Moment was gebracht hat und Sie fanden am Schluss doch, Das war jetzt gut, habe ich das gemacht.

45:16

Das wird sich nicht ändern, auch wenn sie keine Diagnose bekommen. Bei mir ist das auch nicht so relevant. Ich bin ja eben nicht Therapeutin. Wenn jemand das Gefühl hat, bei mir könnte es Richtung Autismus gehen und eigentlich gibt es da einen Lebensbereich, in dem ich ein bisschen struggle, da wäre ein Coaching vielleicht nicht schlecht.

45:36

Ja, dann soll die Person kommen und wir schauen zusammen, ob ich die richtige Person dafür bin, ob wir einander sympathisch sind etc. weil ich glaube, das braucht es einfach.

45:45

Wenn man sich unsympathisch ist, kann man sich nicht ... Ich glaube, dann funktioniert kein Coaching. Aber wenn es matcht, dann ist das für mich völlig okay. Die Frage ist auch manchmal, wofür oder warum brauche ich eine Diagnose?

46:00

Ich persönlich bin ein Mensch, ich weiss gerne genau Bescheid. Mir wurde irgendwann wichtig zu wissen, Habe ich jetzt ein ADHS, also H in Klammern, oder nicht? Und darum habe ich mich abklären lassen.

46:15

Ich war einfach froh, als ich am Schluss wusste, doch, ich bilde mir das nicht nur ein. Mein Gehirn funktioniert so und so. Das ist wirklich so. Eine Fachperson hat das entschieden.

46:27

Genau. Also für mich war es wichtig, obwohl mir ganz viele Menschen gesagt haben, ja, aber komm, jetzt bist du über 40. Who cares, ob du jetzt ein ADS hast oder nicht. Ich muss sagen, für mich doch.

46:39

I care. Für mich ist das wichtig. Wenn jemand noch jung ist, wenn es um ein Kind oder eine jugendliche Person geht, dann bin ich grundsätzlich pro Diagnostik. Dann geht es auch um Unterstützungsmöglichkeiten durch die IV in der Schweiz.

46:56

Da kann es wichtig sein, dass jemand eine Diagnose hat. Ich finde auch wichtig, für ein Kind oder eine jugendliche Person zu wissen, Wie funktioniert mein Gehirn? Bin ich autistisch?

47:07

Wenn ja, was bedeutet das in meinem Fall? Ich finde es wichtig, dass man weiss, wie man selbst funktioniert. Aber wenn eine Person, ich sage jetzt mal Ü50, denkt, vielleicht bin ich ja autistisch, aber ich kenne mich mega gut, ich weiss eigentlich genau, wie ich funktioniere, und eigentlich ist es mir auch wurscht, ob ich einen Zettel habe, wo draufsteht, ich bin autistisch, Ich kann das selber gut abschätzen.

47:32

Ja, dann go for it. Vor- und Nachteile, genau. Du, damit sind wir ja jetzt schon beim Schluss von meinem Fragenkatalog, den ich aus dem Fediverse importiert habe. Und ich habe so einen grossen Kopf jetzt.

47:46

Ich habe so viele neue Informationen oder ergänzende Informationen oder Anstösse bekommen. Ich bin dir herzlich dankbar, wirklich. Sehr. Vielen Dank. Und jetzt hast du vielleicht sogar noch ein Schlusswort für unsere Hörerinnen und Hörer.

48:01

Die Leute, die meinen Podcast normalerweise hören, sind meist selbst Betroffene oder Angehörige oder Neugierige. Was möchtest du uns noch mit auf den Weg geben? So ein Schlusswort.

48:14

Puh.

48:16

Ja, was möchte ich Menschen auf den Weg geben? Ich glaube einfach, ja, bleibt neugierig euch selbst gegenüber. Ich finde es toll, wenn Leute sich Gedanken machen, wie ich eigentlich funktioniere.

48:30

Was tut mir gut? Was tut mir nicht gut? Wie kann ich meinen Alltag gestalten? Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt, Einfluss zu nehmen auf meinen Alltag? Weil je nachdem hat man halt gar nicht so viele Möglichkeiten.

48:45

Aber gibt es irgendwo etwas, was ich verändern kann, damit es mir noch besser geht? Oder gibt es Sachen, die mir so viel Freude machen, dass es einfach total gesund ist für mich?

48:57

Wenn ja, kann ich mehr Zeit mit diesen Sachen verbringen? Ja. Ich möchte einfach die Message senden, schaut bei euch genau hin, was tut mir gut, was mache ich gerne, welche Menschen tun mir gut?

49:10

Oder, was auch zählt, sind Tiere. Welche Tiere tun mir gut? Und dann versuchen einfach mehr Zeit mit diesen Aktivitäten und diesen Menschen oder Tieren oder Plüschtiere zählen auch.

49:23

Plüschtiere zählen. Sehr schön. Herzlichen Dank. Ja, danke dir. Ich hoffe, ich habe nicht zu viel. Nein, alles gut. Muss ich nicht sagen. Okay, ja, ich rede sehr gerne. Aber es war auch sehr kostbar, was du da uns allen erzählt hast.

49:42

Vielen Dank. Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich bedanke mich nochmals herzlich, Marianne, für deine Gedanken zum Autismuscoaching. Und damit sind wir auch schon wieder am Ende dieser Folge angelangt.

49:56

Schön, dass ihr hier seid. Ich bedanke mich. Wir bedanken uns herzlich fürs Zuhören. Und wie immer gilt, für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir gern.

50:09

Bis zum nächsten Mal. Ciao.