#3 Verhalten, Interessen, Rituale und was mir Sicherheit gibt
S01:E03

#3 Verhalten, Interessen, Rituale und was mir Sicherheit gibt

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Heute erzähle ich euch davon, worin sich Verhalten, Interessen und Gewohnheiten von autistischen und nicht-autistischen Menchen unterscheiden und warum das so ist.

Damit beantworte ich Punkt 2 und 3 von Clara Törnvalls 7-Punkte-Liste, die umfasst, was Autismus grundsätzlich definiert. Sie schreibt darüber als Selbstbetroffene ausführlich in ihrem sehr persönlichen Sachbuch »Die Autistinnen«.

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Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem dritten Podcast. Das letzte Mal habe ich euch ja von meinem technischen Super-GAU erzählt. Was bin ich froh, dass wir das Problem lösen konnten und ich nun wieder an meinem Rechner arbeiten kann.

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Ich habe euch gebeichtet, dass ich nicht gut freisprechen kann und darum für meine Podcast-Folgen Skript schreibe und wie sich der rote Faden meiner sozialen Andersartigkeit in meinem Leben gezeigt hat und zeigt.

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Dieser rote Faden ist einer der sieben Punkte, der sieben Fäden, um beim Bild zu bleiben, die Autismus ausmachen, die Clara Törnwall in ihrem Buch die Autistinnen beschrieben hat.

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Es ist, wie ich bereits sagte, nicht ein einzelnes Symptom, eine einzelne Verhaltensdiversität, die den Unterschied zwischen einem Menschen mit Autismus und einem Menschen ohne Autismus ausmacht.

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Ich wiederhole nochmals die sieben Punkte. Erstens, Schwierigkeiten mit sozialer Kommunikation, Interaktion und Anpassungsprobleme an die jeweilige Situation. Darüber habe ich das letzte gesprochen und euch meine Schwierigkeiten mit ein paar Beispielen illustriert.

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Zweitens, wir Autisten verhalten und interessieren uns offenbar für Themen und Dinge, die für nicht Betroffene nicht immer verstanden werden. Und drittens halten wir uns, heißt es, geradezu zwanghaft an Gewohnheiten, Ritualen und Routinen fest.

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Warum das so ist und wie das genau bei mir aussieht, erzähle ich euch heute und über die folgenden Punkte spreche ich in den nächsten Podcast-Folgen. Der vierte Punkt dreht sich um Spezialinteressen, in die wir uns richtiggehend und mit grossem Aufwand einleben.

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An diesem Punkt kleben auch viele Klischees und Vorurteile. Der fünfte Punkt ist die Hypersensibilität für Sinneseindrücke aller Art. Manche von uns haben ihre präferierten Sinne, die anders und ganz besonders ausgeprägt wahrnehmen.

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Sechstens bestehen die Symptome, die unser Autismus Spektrum definieren, bereits seit unserer Kindheit und siebtens beeinträchtigen sie unseren Alltag. Meine Auseinandersetzung mit diesen sieben Punkten geht im Grunde nur im Rückblick.

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Ich finde nun endlich Antworten auf all die vielen Situationen, in denen ich das Gefühl hatte anzuecken. Mal subtil, mal heftig, vielleicht für die anderen Menschen gar nicht so sehr, vielleicht vor allem für mich selbst erkennbar, weil die Resonanz ausblieb oder anders war als erwartet.

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Kennt ihr blinde Menschen, die sich über Klicklaute im Raum orientieren?

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Echolokalisation heisst das und es ermöglicht den Betroffenen ein Raumgefühl, das sich Sehende durch Hinschauen erarbeiten. Fehlt uns ein Sinn oder fällt er auch nur temporär aus, kompensieren wir das, was fehlt, so gut es eben geht.

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So ähnlich ist es auch bei Autismus für mich. Mein fehlendes Verständnis für beispielsweise soziale Codes kompensiere ich durch eine Art übertriebenes Verstehen Wollen, wie andere Menschen, die nicht autistisch sind, ticken.

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Dabei komme ich an meine Grenzen, weil mir ganz oft so eine Art Übersetzungsplugin fehlt. Auch bei Verhaltensweisen stehe ich oft an. Warum tut sie das? Warum verhält er sich so?

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Diese ganze Palette erschließt sich mir nicht. Mein Verhalten und meine Interessen sind, und das muss ich akzeptieren, eher überschaubar. Heute weiß ich, dass es autismusbedingt der Tatsache geschuldet ist, dass ich nur Kapazität für ein gewisses Maß an Reizen habe.

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Das Kind, das ich war, hatte, so stelle ich es mir vor, wenn das Reizfass voll war, seine Art Tunnelblick auf bestimmte Themen gerichtet und diese nach und nach etabliert.

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Tatsächlich haben sich meine Interessen im Großen und Ganzen im Laufe meines Lebens nicht groß verändert. Wenn ich meine persönlichen Interessen in ein paar wenige Stichworte herunterbrechen soll, sind es diese.

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Die Natur als Ganzes, heruntergebrochen auf Alltägliches wie meine Tierliebe, Zelten, Wandern, Radfahren, Steine sammeln, Pflanzen ziehen, im Garten wuseln. Und natürlich auch Ernährung und Kochen gehört da dazu.

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Dann alles, was mit Kunst und Selbstausdruck zusammenhängt, auch sprachlicher Ausdruck und Literatur. Des Weiteren kommt da meine Art, autodidaktisch zu lernen, dazu. meine Neugierde, was alles Technische betrifft, insbesondere IT und alle möglichen Anwendungen und Programme.

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Wie funktioniert ein PC, das Handy oder Tablet, also über das einfache Bedienen hinaus. Wie funktioniert ein Programm und was kann ich damit alles anstellen?

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Und ja, natürlich interessiere ich mich auch sehr für Menschen. Warum machen sie das, was sie machen? Warum denken sie so? Warum handeln sie so? Und warum verstehe ich das nicht?

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So viel quasi zu meinen Hauptinteressen. Ziemlich überschaubar. Neue Interessen erreichen mich schwer und sie müssen schon sehr hartnäckig an einem der bereits etablierten Stränge andocken, um irgendwie in mein System hineinzukommen.

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So interessiere ich mich zwar grundsätzlich sehr für Politik, aber so richtig dahinter blicke ich nicht, denn wie ich schon in der letzten Folge sagte, verstehe ich Taktieren nicht und strategisches Vorgehen überfordert mich.

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Ich kapiere meistens noch nicht mal die Motive, die hinter Strategien stehen. Ich habe ganz viele Leerstellen und blinde Flecken da, wo andere Menschen ihr unnützes Wissen abgespeichert haben und so ständig aus ihren Ärmeln schütteln können.

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Ich habe längst nicht alle Massin-Kultfilme gesehen, aus denen so oft zitiert wird, und auch die ganzen Kultbands, die eins unbedingt gehört haben muss, sind mir größtenteils fremd.

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So vieles geht unbeachtet an mir vorbei, weil es mich entweder nie interessiert hat oder aber weil ich in der Phase des Etablierens meiner Hauptinteressen dafür keine Kapazitäten frei gehabt hatte.

6:53

Neben denen verglichen mit nicht-autistischen Menschen eher ein wenig einseitigen Interessen, seien es auch die Verhaltensweisen, sagt Törnwall, die Autistische von nicht-autistischen Menschen unterscheiden.

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Unser Verhalten beinhaltet, wie wir die Dinge anpacken. Dabei geht es oft um Prozesse, Abläufe und Routinen.

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Und damit sind wir sowohl beim zweiten als auch schon mit einem Fuss beim dritten Punkt auf der sieben Punkte Liste. Routinen entwickeln sich bei mir recht schnell, wenn ich mich in einer für mich entdeckten, entwickelten Verhaltensweise sicher fühle.

7:36

Ich mache sie mir dann zu eigen und behalte sie bei, so gut es geht und so lange wie möglich. Etwas einmal für mich als Gefundenes stärkt mir im Alltag den Rücken und hilft mir, das Leben besser zu ertragen.

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Da fällt mir eine Arbeitsstelle ein. Dort habe ich eine für mich sehr wichtige Entdeckung gemacht. Nämlich, dass ich ein Händchen für Prozessoptimierungen habe. Ich feile solange an einem Prozess, bis er sitzt, und habe ich den Prozess und den Ablauf erstmal verinnerlicht, bin ich überhaupt nicht mehr flexibel, behalte ihn bei und hüte ihn wie einen Schatz.

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Das Ganze gilt eigentlich für alle Lebensbereiche. Gerade auch bei existenziellen Themen wie der Ernährung bin ich auf solche Routinen insbesondere dann angewiesen, wenn ich wenig Energie habe.

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Dann brauche ich safe food, sichere Gerichte, sichere Lebensmittel, die mich verlässlich beruhigen und entspannen und zwar sowohl beim Kochen als auch beim Genießen. Zu viel Neues gleichzeitig bringt mich aus dem Konzept.

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Was mir ebenfalls hilft, sind Dinge, die sich gut anfühlen, das richtige Messer, die richtige Tasse. Ja, ich bin wohl eine treue Seele. Wozu weitersuchen, wenn etwas doch gut funktioniert?

8:59

Don't stop a running system.

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Doch wehe, es verändert sich etwas Grundlegendes in meinem Leben, egal ob kurz- oder langfristig. Jedes laufende System kann zusammenbrechen. Das kann eine neue Arbeitsstelle sein oder eine neue Wohnung.

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Und ja, das ist natürlich für uns alle eine Herausforderung. Und manche lieben ja solche Veränderungen sogar sehr. Bei mir kommt dann einfach erstmal die große Verunsicherung.

9:29

Denn ich muss ja alles wieder neu konfigurieren. Der Hauptunterschied zwischen Menschen mit und ohne Autismus ist vermutlich der Kraftaufwand, der bei AutistInnen dahinter steckt.

9:42

Die unbeschreibliche Unruhe, die entsteht, wenn Routinen ausfallen, verlangt extrem viel Kraft. Alle Sinne sind gefragt, alle Kanäle arbeiten auf Hochton und die ganzen Reize, die da gleichzeitig gleichzeitig auf uns einwirken, können wir nicht wirklich gleichzeitig und adäquat verarbeiten.

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Es entsteht dann ein riesiger Berg von unbearbeiteten und unverarbeiteten Eindrücken, Reizen. Ich brauche für alle Dinge, die ich nicht als verinnerlichte Routinen in meinem Alltag etabliert habe, generell sehr viel Energie und ich behaupte mal mehr Energie als Menschen, die nicht autistisch sind.

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Also ganz objektiv meine ich, wenn sich denn solche Energieaufwände überhaupt objektiv messen lassen. Besonders in Übergangsphasen, wenn alte Routinen von neuen abgelöst werden, fühle ich mich immer besonders gestresst.

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Es verunsichert mich, ich werde unruhig, kann schlecht abschalten, schlecht schlafen.

10:44

Vorhersehbare Abläufe sind für mich also absolut notwendig und zwar im wortwörtlichen Sinn. Notwendig.

10:53

So muss ich zum Beispiel auch Dinge genau so und so anordnen, damit ich mich wohlfühle. Dinge müssen an dieser Stelle stehen oder liegen und obwohl es bei mir äußerlich nicht ordentlicher aussieht als bei anderen Menschen, zumal ich ja auch noch ADH-Älterin bin, ist es für mich wichtig, dass die Dinge so sind, wie ich sie will.

11:15

Ich brauche diesen Abstand zwischen dem Salzstreuer und dem Kokosölglas oder die Tampas da muss hier stehen und nicht dort. Es sind diese kleinen Alltagsdinge, die ich auf meine Weise haben muss, um überhaupt ein gutes Grundgefühl zu haben und ruhig werden zu können innerlich.

11:34

Wenn diese Grundsatzordnung besteht, innerhalb dieser Struktur kann ich jedoch recht tolerant sein.

11:42

Und es ist für mich sowieso gut zu wissen, dass ich manche Stressfaktoren einfach durch die Aufrechterhaltung und die Herstellung meiner bevorzugten Ordnung beheben oder ein bisschen erträglicher machen kann.

11:56

Das sind dann so die kleinen Dinge, die wirklich etwas verändern können in meinem Wohlbefinden.

12:03

Es gibt ja noch genug andere Orte, wo ich die Ordnung nicht beeinflussen kann, weil sie andere Menschen betrifft. Dort erlebe ich übrigens am meisten Stress. Und das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum ich am liebsten in meinen vier Wänden oder in der Natur bin.

12:19

Da sind die Reize überschaubar und vorhersehbar.

12:23

Es stabilisiert und beruhigt mich, etwas auf immer gleiche Weise zu tun. Meine Morgenroutinen sind mir besonders heilig und es kann mir den ganzen Tag durcheinander bringen und mich den Tag in Unruhe versetzen, wenn dieser Rhythmus auseinanderbricht.

12:38

Es stresst mich nachhaltig, wenn meine Ordnung durcheinander gerät. Je nachdem, was genau es ist und wie meine Grundverfassung gerade ist, kann es mich eine kurze oder sogar eine längere Zeit oder auch tagelang aus der Bahn hauen.

12:53

Wenn dann auch noch zum Beispiel missglückte oder missverständliche soziale Interaktion dazukommt, kann eine solche nicht vorhersehbare Änderung in meinen Abläufen und Verhaltensweisen unter Umständen noch tagelang in mir nachglühen und Energie abziehen, weil mein ganzes Innendrin am Nachbearbeiten dieser Situation ist.

13:15

Das kann auch in Meltdowns und Shutdowns münden, doch darüber spreche ich ein anderes Mal. Verhaltensweisen, die von der nichtautistischen Norm abweichen, das können auch Dinge sein, die uns bei den erwähnten Unruhen zu mehr Ruhe verhelfen.

13:31

Das können bestimmte Bewegungen sein, die von außen gesehen keinen Sinn ergeben, uns aber dabei helfen, Druck und Spannung abzubauen oder zumindest besser auszuhalten. Zusammengefasst werden solche Handlungen auch Stimming genannt.

13:46

Das steht für selbststimulierendes Verhalten.

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Überhaupt liegt in der Wiederholung von viel Erleichterung.

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Selbststimulierendes Verhalten, das können Fingerspiele sein, bestimmte sich wiederholende Bewegungen mit den Händen, Füßen, Armen, mit dem Kopf, aber auch Kugelschreiber klicken oder stricken, kochen, hüpfen, summen, Bälle kneten.

14:13

Bei mir sind es vor allem Finger- und Fußbewegungen, die mir helfen, eine Art Ruhe oder Stabilität im Körper zu finden. Auch Atemübungen sind Stimming für mich, denn sie helfen mir dabei, mich mit meinem Körper zu verbinden oder verbunden zu bleiben, wenn gerade alles zu viel ist.

14:33

Mir helfen ebenfalls Listen, um die Übersicht zu bewahren. Dazu setze ich auch gerne Apps ein. Meine zu tun, meine Einkaufs und meine Putz-App sind Dinge, die mir das Leben tatsächlich leichter macht.

14:47

Sie zu nutzen beruhigt mich sehr und bringt Übersicht und ein Gefühl von Sicherheit in meinen Alltag. Vielleicht erwecken meine Worte jetzt fälschlicherweise bei euch den Eindruck, dass ich ständig in einer mir genehmen Wohlfühlzone leben will und mich vor jeglicher Anstrengung scheue oder sie vermeide.

15:07

Darum nochmals die Erinnerung daran, dass wir AutistInnen von Anfang an ohne Vorwarnung bei diesem Lebensspiel bei Level 5 angefangen haben, ohne je Level 1 bis 4 kennengelernt zu haben.

15:20

Dort wo unsere Wohlfühlzone anfängt, ist es für neurotypische, also für nicht-autistische Menschen vermutlich längst ungemütlich. Es geht also mit all unseren Maßnahmen, Ritualen und Routinen, die wir etabliert haben, in erster Linie darum, das Leben erträglich zu halten.

15:40

Inhaltlich ist ja eh unser aller Verhalten, egal ob autistisch oder nicht, oft irrational. Dennoch ist es für uns persönlich in sich logisch. Und mir ist es inzwischen je länger, je egaler, ob andere meine Verhaltensweisen befremdlich finden oder gar lächerlich.

15:59

Manchmal werde ich übrigens auch gefragt, was andere denn für mich oder für uns AutistInnen tun können. Ja, dazu fällt mir viel ein. Für heute nur ein Punkt. Bitte haltet euch an Abmachungen und Regeln.

16:16

Mehr über die anderen, nun noch verbleibenden vier Punkte erzähle ich euch, wie heißt das so schön, demnächst auf diesem Kanal. Für Fragen und Themenwünsche, für Anregungen und Rückmeldungen aller Art, könnt ihr mir gerne schreiben unter janaluna.unbox.at Herzlichen Dank fürs Zuhören.

16:39

Ciao und bis zum nächsten Mal.