#31 Der notwendige Abschied von Othering
S01:E31

#31 Der notwendige Abschied von Othering

Episode description

Viele der Gräben zwischen uns Menschen gehen auf unseren Umgang mit Sprache zurück. Wir werten, wir bewerten, wir grenzen sprachlich das eine vom anderen ab. Othering, wie dieses Einteilen in Wir und die anderen heißt, betrifft auch Menschen im Spektrum. Denn für die anderen sind wir die anderen.

In dieser Folge, an der dankenswerterweise Sonja mitarbeitete, die auch schon bei früheren Folgen ihre Gedanken mit uns geteilt hat, betrachten wir, wie wir mit Sprache, mit neuen Formulierungen, das Sprechen, Schreiben und Denken über Neurodivergenz schrittweise umgestalten können. Wir hoffen, dass wir euch inspirieren dürfen, es uns gleichzutun.

Hier die Links zu den Erwähnungen in dieser Folge:

Clara Törnvall, Die Autistinnen:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/clara-toernvall-die-autistinnen-9783446280441-t-5299

‘Autistic not Alien’-Vlog:
https://www.youtube.com/watch?v=1fSgLwWxmD4

Bones - Die Knochenjägerin:
https://www.fernsehserien.de/bones-die-knochenjaegerin/folgen/1x08-das-maedchen-im-kuehlschrank-90458

Für Fragen und Themenwünsche, für Anregungen und Rückmeldungen aller Art schreibt mir bitte gern an janaluna (ät) unbox (punkt) at. Eine weitere Kontakt- und Kommentarmöglichkeit gibt es über die Webseite https://lebenswertvoll.ch/ unter der jeweiligen Podcastfolge.

Alle Scripts gibt es entweder als Transkripte in euren Lieblingspodcast-Programmen und -Apps zum Lesen und Mitlesen während des Hörens oder als PDF unter:
https://lebenswertvoll.ch/scripts/

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0:02

Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 31. Podcast. Zuerst ein großes Dankeschön für die wertvollen Rückmeldungen zur letzten Folge, in welcher ich gemeinsam mit anderen über unsere je individuellen Erschöpfungssituationen nachgedacht habe.

0:22

Erschöpfung ist wie ein roter Faden, der uns neurodivergente Menschen verbindet. Wir waren uns, zusammenfassend resümiert, einig darüber, dass ein Großteil unserer persönlichen Erschöpfung entsteht, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der wir nicht mitgedacht sind.

0:43

Als ich da weiter darüber nachdachte, wurde mir klar, dass, wenn über Autismus oder ADHS gesprochen oder geschrieben wird, diese Gespräche oder Texte stets latent negativ klingen.

0:57

Sogar oft dann, wenn wir Menschen im Spektrum über unser Sohsein sprechen oder schreiben. Und da schließe ich mich sogar mit ein.

1:08

Naja, dass ich zum Beispiel mit Lärm nicht gut klarkomme, ist tatsächlich anstrengend für mich. Heute Morgen stand der Pellets-Lieferant, über eine Stunde auf dem benachbarten Grundstück und lud bei laufendem Motor seine Waren ab.

1:25

Während ich in der Küche Tee kochte, beobachtete ich den Lieferanten. Er stand direkt, ohne Gehörschutz, neben dem LKW, während ich bei geschlossenem Fenster meine Ohrstöpsel trug.

1:40

Bin ich seltsam oder er? Oder beide? Oder niemand von uns? Ich bin reizsensibel, ja. Na und? Wir Menschen im Spektrum sind für die Anderen eben die Anderen, die Merkwürdigen.

1:58

Auf Neudeutsch wird das Othering genannt und es beschreibt dieses Wir hier und dort die Anderen, diese Abgrenzung von anderen Menschen, die nicht so sind wie die Norm, was auch immer das ist, eines meiner unliebten Reizwörter übrigens.

2:15

Im Othering steckt die Wurzel aller Ismen. Rassismus, Sexismus, Ableismus und wohin uns diese führen, zeigt uns die Geschichte.

2:27

Tatsächlich habe ich erst wenige Fachinformationen über Neurodivergenz gehört oder gelesen, die einen positiven Unterton hatten, wenn es um die einzelnen Symptome von ADHS oder Autismus ging.

2:40

Ausnahmen waren allenfalls Texte von Menschen aus dem Spektrum. Ich bin im dritten Drittel des letzten Jahrhunderts inmitten dieser normativen, abwertenden Denkart aufgewachsen.

2:53

Zwar fühlte ich, dass sie falsch ist, aber mir fehlten damals noch die heutigen Vergleiche, das aktuelle Wissen, die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse und Werkzeuge, um sie zu demontieren.

3:06

Vielleicht deshalb habe ich erst recht spät im Leben begriffen, wie wenig diese Normen eigentlich tatsächlich mit mir zu tun haben. Auch fehlte mir sehr lange der Mut zum Widerstand gegen diese Normen, obwohl die gefühlten Erkenntnisse immer da waren.

3:22

Oft fehlten mir tatsächlich auch schlicht die Worte, auszudrücken, woran genau ich mich stiess, und oft war es vor allem ein diffuses Gefühl, dass sich alles verkehrt anfühlte.

3:35

Die Abdrücke dieser Normform, die mich so lange zurechtgepresst hatte, sind teils noch immer fühlbar. Ich leide noch heute daran, dass ich mir damals nicht erlaubt habe zu sein, wie ich bin, mir zu vertrauen in meinem So-sein.

3:51

Stattdessen strebte ich danach, mich normkompatibel zu verhalten. Mein Selbstvertrauen hat bis heute Defizite.

4:00

Der Vlogger Autistic Not Alien hat am 6. Februar einen Vlog zum Thema »Autism and Othering« veröffentlicht. Er sagt, auf Deutsch übersetzt sinngemäß: »In den frühen 2000er Jahren veröffentlichten Simon Baron Cohen und Kollegen eine Reihe von Werken, in denen offensichtliche Unterschiede zwischen autistischen und nichtautistischen Menschen beschrieben wurden.

4:29

Die zentrale Idee dieser Arbeiten war, dass autistische Menschen im Vergleich zu anderen Menschen ein Empathiedefizit haben. [Und etwas später sagt er:] Diese Idee, die Simon Baron-Cohen wiederholt hat, dass autistische Menschen kein Mitgefühl empfinden, hat unbeschreiblich viel Schaden angerichtet.

4:53

die negativen Wahrnehmungen, die Menschen gegenüber autistischen Menschen haben, basieren auf der Ansicht, dass autistische Menschen kein Mitgefühl empfinden können.«

5:06

Zitat Ende. Die Übersetzung habe ich maschinell erstellt.

5:11

Mitgefühl ist nur eine der vielen positiv konnotierten Menschchen-Eigenschaften, die uns Menschen im Spektrum entweder ganz abgesprochen werden oder aber die missverständlich und negativ interpretiert zum allgemein gebräuchlichen Bild von Autismus gehören.

5:29

Leider ist das ein sehr falsches Bild, denn gerade bei Empathie ist für viele von uns genau das Gegenteil der Fall.

5:38

Kennt ihr 'Bones'? Serien sind natürlich immer Geschmackssache, außerdem ist die erste Staffel dieser Serie über eine forensische Anthropologin, über 20 Jahre alt und stammt aus einer Zeit, als auch wenig über Autismus gesprochen wurde.

5:55

Trotz all der Schwächen mag ich die Serie.

5:58

Die Gerichtsmedizinerin Tempe und ihr medizinischer Assistent Zack sind, jedenfalls in der Filmversion, definitiv autistisch, ohne dass bisher dieser Begriff gefallen wäre.

6:12

Ich mag wie selbstbewusst sie ihr So-sein leben. Tempe mehr als Zack, der zerrissen ist zwischen so zu sein wie er ist und dazugehören zu wollen.

6:24

Am Montagabend habe ich Folge 8 der ersten Staffel geguckt. Da gab es so viele Momente, die ich richtig geliebt habe. Zack, wie er mit Tempe einen Faustgruß machen will, weil er gesagt bekommen hat, dass eins das so macht und Tempe keine Ahnung hat, was er damit bezwecken will.

6:45

Oder dann Tempe am Gericht, im Zeuginnenstand. Ihr wurde von allen Seiten Kälte und Arroganz wegen ihrer Wissenschaftlichkeit vorgeworfen. Dabei war das letztlich die pure Überwältigung von Mitgefühl, die sie ihre Aussagen vor Gericht so sehr versachlichen ließ, dass kaum jemand ihre Aussagen verstehen konnte.

7:06

Erst als sie quasi gezwungen wurde, ihrer Sprache zu vereinfachen, was sie sehr über ihre Grenzen hinausbrachte, konnten die Geschworenen ihre tiefen Gefühle der Betroffenheit erkennen, die sie zuvor hinter ihrer Sachlichkeitsfassade in sich verwahrt hatte.

7:23

Mir ist natürlich bewusst, wie vieles in dieser Serie überzeichnet dargestellt und wie tief oft in die Klischee-Kiste gegriffen wurde. Dennoch mag ich es, wenn SchauspielerInnen Menschen zeigen, die sind, wie sie sind, insbesondere wenn ich mich in ihnen in Teilen wiedererkenne und wie ermutigt ich mich fühle, wenn diese Menschen sich nicht verbiegen, weil sie anders sind.

7:49

Apropos Mitgefühl und Serien. Mich nervt es jedes Mal, wenn Menschen, die vielleicht eher die AußenseiterInnen sind, sich von ihren meist normtypischen Gruppen zu einem Verhalten, z.B.

8:02

mitzutrinken, gedrängt werden. Da frage ich mich immer, wer fühlt hier mit und mit wem?

8:11

Wer sich an die Anfänge dieses Podcasts erinnert, weiß vielleicht noch, dass ich damals, es ist nun schon fast ein Jahr her, das Buch Die Autistinnen von Clara Törnvall als Grundlage für die Sichtbarmachung meiner Selbstidentifikation als Autistin genommen habe.

8:31

Törnvall zählt in ihrem Buch sieben typische Eigenschaften auf, auf denen, wenn sie alle in Summe vorkommen, die Diagnose Autismus basiert. Ich erinnere mich noch gut an mein damaliges Gefühl, als ich mich mit jeder einzelnen dieser Kerneigenschaften ausführlich auseinandersetzte und mich mit jeder mehr oder weniger intensiv identifizierte.

8:54

Das war ein unglaublich positives Gefühl, denn für mich sind meine autistischen Eigenschaften wertfrei, jedenfalls solange ich mich nicht mit anderen vergleiche. Sie sind da und sie gehören zu mir.

9:08

Schwieriger ist es bei mir mit meinen ADHS spezifischen Eigenschaften, die ich persönlich an mir ziemlich anstrengend finde. Das eigentlich Anstrengende daran sind aber nicht unbedingt meine Eigenschaften an sich, sondern ihre Inkompatibilität mit der Gesellschaft.

9:27

Das Anecken, weil ich schusselig bin oder zu viel oder zu schnell rede. Und das ist auch nur ein winziger Ausschnitt. Kurz gesagt sind es nicht die Eigenschaften an sich, die für mich leidvoll sind, sondern der Kontext, in dem ich lebe.

9:44

Ich lese euch nochmals die sieben Punkte, die Clara Törnwall in ihrem Buch die AutistInnen gelistet hat, in meinen Worten vor.

9:54

1. Wir kommunizieren und interagieren unter systembedingt erschwerten Bedingungen. Dazu passen wir uns ungern an Situationen an, die sich uns nicht erschließen.

10:08

2. Unsere Verhaltensweisen und Interessen unterscheiden sich oft von denen normtypischen Menschen. 3. Wir halten sehr gern an Gewohnheiten und Wiederholungen fest.

10:23

4. Wir interessieren uns mit großer Austauer für latent spezielle Themen. 5. Wir sind hypersensibel für Sinneseindrücke.

10:36

6. Unsere Symptome haben wir seit unserer Kindheit. 7. Wir sind im Alltag beeinträchtigt. Wie sie dastehen, diese typischen Eigenschaften, sind sie latent negativ konnotiert, obwohl ich sie bewusst versucht habe, neutral zu beschreiben.

10:57

Weil sie inhaltlich aus der Perspektive normtypischer Menschen definiert wurden, als Abweichungen, als Unterschiede, als Störfaktoren. Wenn wir von einer Norm ausgehen, wie Menschen sein sollen, sehen wir dieses Autismus-Ding mit seinen Symptomen als eine nervige und störende Angelegenheit und das lässt sich eins zu eins auch auf ADHS übertragen.

11:23

Wenn ich diese Symptome genau betrachte, frage ich mich immer wieder, wer da eigentlich gestört wird, gestört ist und wodurch.

11:35

Besteht die Störung nicht letztlich nur darin, dass sich die meisten Menschen ein klitzeklein wenig an diese anderen Menschen anpassen müssten? Vielleicht böte sich ihnen die Chance, ein bisschen genauer hinzuhören, besser hinzuschauen oder weniger lärmig zu sein und schlicht das eigene, unreflektierte Verhalten und die Gewohnheiten immer mal wieder zu überdenken.

12:04

Der bereits erwähnte 'Autistic Not Alien'-Vlogger Neill Aurenson erwähnt zur Veranschaulichung von Othering, Smalltalk, den ich auf unserer Sieben-Punkte-Liste unter Punkt 1 verorte.

12:21

Smalltalk illustriert perfekt unsere angeblichen Schwierigkeiten mit sozialer Kommunikation, Interaktion und Anpassungsproblemen an die jeweilige Situation.

12:34

Wen stören wir eigentlich, wenn wir nicht smalltalken können und direkt zur Sache kommen, sagen was wir sehen, denken und was uns beschäftigt.

12:47

Tatsächlich sagen wir AutistInnen sogar selbst über uns, dass wir Smalltalk nicht können. Auch ich sage das oft, doch ist nicht schon diese Formulierung an sich abwertend, selbst abwertend.

13:01

Natürlich habe ich mir im Laufe der Jahre einige Basics in Smalltalk angeeignet, dennoch mag ich es nicht. Ich weiß von anderen, dass es ihnen ähnlich geht wie mir. Zur Not tun wir es, um nicht aufzufallen, aber danach fehlt uns die Energie, die wir dafür aufgewendet haben, anderswo.

13:21

Sonja, die schon früher Inhaltliches zu meinem Podcast beigetragen hat und ich diesmal als Co-Autorin mit ins Boot geholt habe, meinte hierzu ergänzend, dass wir diesen Spieß ja für einmal umdrehen könnten, denn Smalltalk hat keinen wirklichen Zweck und kostet einfach völlig sinnlos Zeit und Energie.

13:43

Zitat: »Wozu machen Leute das und wieso soll das okay und normal sein zuzulassen, dass diese Leute meine Zeit und Energie verschwenden damit. Das ist doch respektlos und gehört sich nicht, nur weil sie in der Mehrheit sind.«

13:57

Zitat Ende. Wenn ich etwas nicht oder nicht gut kann, impliziert mir das, dass ich das nicht oder nicht gut Gekonnte, doch eigentlich können, besser können müsste. Ich vergleiche mich und gehe von mir als der Ausnahme der Abweichung aus, als nicht in der Norm seiend und setze neurotypische Menschen als Norm, nur weil sie de facto in der Mehrheit sind.

14:24

Das ist das Ergebnis von vielen Jahren Verbiegung. Statt »ich kann kein Smalltalk« zu sagen, könnte ich vor diesem Hintergrund zukünftig eigentlich sagen: »Ich mag keine oberflächlichen, seichten Gespräche«, was letztlich genauso abwertend oder wertend ist.

14:44

Im Grunde also so, wie wir von neurotypischen Menschen bewertet werden, die uns unseren Mangel an Smalltalk-Tauglichkeit vorwerfen. Wobei, ist etwas nicht zu mögen denn schon wertend?

14:58

Sonja findet nein, ich bin dahingegen unsicherer, denn zu sagen, dass ich etwas nicht mag, kann vom Gegenüber schon als Ablehnung empfunden werden. Obwohl es letztlich absolut legitim ist und außerdem ja auch Geschmackssache.

15:14

Äh, wie war das mit der Empathielosigkeit gleich nochmal?

15:19

Neutral oder gar positiv formuliert könnten wir sagen, ich spreche gern über relevante, tiefgründige, ernste Themen. Aber dann wird uns vermutlich Humorlosigkeit vorgeworfen.

15:32

Seht ihr an diesem banalen Beispiel, wo diese Störung passiert? Wir unterschiedlich kickenden Menschen stören uns aneinander, aber weil wir Menschen mit neurodivergenten Hirnen in der Minderheit sind, werden wir als die mit der Störung definiert.

15:49

Weil wir andere in ihrer seichten Konversation mit unserer Anwesenheit als ernsthafte Gespräche liebende Menschen stören, sind wir die Gestörten oder zumindest die Störenden.

16:04

Ist euch eigentlich auch schon aufgefallen, dass Kinder nicht smalltalken? Kinder fangen mittendrin an. Meistens genau da, wo sie das letzte Mal aufgehört haben, als sie mit dir gesprochen haben.

16:15

Oder irgendwo. Einfach genau da, wo sie gedanklich genau jetzt sind. Kinder reden nicht drumrum. Sie reden über das, was sie gerade jetzt beschäftigt. Und da sind wir AutistInnen wohl sehr ähnlich wie Kinder.

16:32

Jedenfalls in diesem einen Punkt, dass wir den Sinn des Drumrumredens nicht verstehen. Auch im Hinblick auf unseren Gerechtigkeitssinn sind wir ebenfalls wie Kinder. Auch wir können es nicht ertragen, wenn etwas unfair ist.

16:47

Wo nur gingen diese Eigenschaften den meisten Menschen verloren und wo begann es, dass unmittelbar und echt zu sein für die meisten Menschen problematisch wurde? Wo fing, wo fängt dieses Geschnörkel an, dieser Zehenspitzengang, diese Künstlichkeit in der Kommunikation?

17:06

Und wem dient sie?

17:09

Ehrlich gesagt empfinde ich ja das Drumherumreden als Störung. Aus neurotypischer Sicht wird es als unempathisch empfunden, wenn ich statt herumzureden direkt auf den Punkt komme.

17:22

Weil nicht verstanden wird, warum wir es tun. Weil nicht versucht wird zu verstehen. Weil stattdessen versucht wird, die scharfen Kanten, mit denen wir anecken könnten, weicher zu schmirgeln.

17:35

Weil stattdessen eine Form um das Kind herumgepresst wird. Wir meinen es ja nur Du sollst es später nicht so schwer haben, bla bla bla.

17:46

Wann und warum fingen die Erwachsenen in meinem Leben eigentlich damit an mir zu sagen, wie ich denken, fühlen, handeln soll und was ich brauche? Heute finde ich das gestört und schädlich.

17:58

Damals hatte ich keine Wahl, wenn ich geliebt werden wollte. Damals, als ich Kind war, wurden Kinder, vornehmlich Mädchen, noch darauf trainiert, gehorsam und angepasst zu sein, normal zu sein.

18:13

Naja, so viel hat sich diesbezüglich ja leider nicht geändert. Bei Mädchen mit ADHS wird noch immer eher weggeguckt als bei Jungs mit ADHS. Und bei Autismus sowieso. Anstatt anderen zu sagen, was sie denken oder fühlen sollen und was sie brauchen, sollten Erziehende, Eltern und überhaupt wir alle einander dabei helfen, uns selbst zu glauben, uns zu trauen, uns zu vertrauen, Bedürfnisse haben zu dürfen und deren Erfüllung ernst zu nehmen, selbst zu denken, sich und seine Gefühle zu kennen und zu verstehen, was wir wirklich brauchen.

18:53

»Ich mag Deep Talk«, klingt doch viel nahrhafter als »ich mag keinen Small Talk«. Das hört sich bejahend an und es macht gefühlt einen gewaltigen Unterschied. Das werde ich das nächste Mal zu diesem Thema sagen, hoffentlich.

19:12

Die folgenden Aussagen haben Sonja und ich für euch zusammengestellt, um unsere tendenziell negativ besetzten Aussagen und über uns Menschen im Spektrum neu zu denken und um euch zu inspirieren.

19:27

Kommunikationsprobleme sind relativ, denn wir sind fähig, jederzeit ehrlich in unserer Kommunikation zu sein und nicht als Höflichkeit zu Notlügen zu greifen. Wir sprechen direkt und ehrlich.

19:40

Weil wir uns nicht exakt gleich wie alle anderen verhalten und uns für andere Themen interessieren als normtypische Menschen, können wir in unserer Umgebung für mehr Weitblick sorgen und andere Menschen daran teilhaben lassen.

19:56

Wir pflegen unsere wertvollen, wiederkehrenden Gewohnheiten als Ankerhandlungen, die dafür sorgen, dass wir Energie für andere Dinge haben. Denn Ankerhandlungen setzen Energie frei.

20:11

Wir interessieren uns mit grosser Ausdauer für latent spezielle Themen und sorgen so Vielfalt und Inspiration in unserer Umwelt.

20:22

Weil wir hypersensibel für Sinneseindrücke sind, können wir manches besser beurteilen. Zum Beispiel erkennen wir mögliche Gefahren frühzeitig und können dafür sorgen, dass gewisse Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden und anderes mehr.

20:40

Da wir schon als Kinder die Welt aus einem anderen Blickwinkel als die meisten anderen betrachten, haben wir viele Einsichten über die Welt gewonnen. Das sind Ressourcen, die wir gern teilen.

20:54

Weil wir Menschen und ihre Gestik und Mimik genau studiert haben, um sie zu imitieren und nicht aufzufallen, haben wir einen eingebauten Radar dafür, wenn andere unehrlich oder nicht authentisch sind.

21:10

Das Alles, was wir sind, sind wir rund um die Uhr. Und ob das eine Beeinträchtigung für uns sein muss, haben wir nicht in der Hand. Mit Aufklärung und mit mehr Verständnis füreinander muss es keine Beeinträchtigung sein.

21:24

In meinem Podcast spreche ich vorwiegend über jene Autistys und ADHSlerInnen, die ein relativ selbstständiges, ein sogenannt hochfunktionales Leben leben. Es gibt Menschen mit ADHS und Autismus, die ein mehr oder weniger pflegeintensives Leben leben.

21:43

Über deren Alter kann ich nicht wirklich sprechen, da ich mich nur wenig auskenne. Vergessen will ich diese Menschen im Spektrum dennoch nicht. Auch in ihrem Fall wünsche ich mir mehr Barrierefreiheit und Abschied von Othering, denn letztlich paddeln wir alle im gleichen Boot.

22:02

Und Anpassungen, die die Mehrheit vornehmen würde, um uns das Leben leichter zu machen, würde auch der Mehrheit zum Vorteil gereichen. Nicht nur unserer kleinen Minderheit.

22:14

Zum Beispiel durch weniger Lärm.

22:17

Sich von Othering zu verabschieden heißt, zu verstehen, dass anders zu sein nicht schlimm ist. Im Gegenteil. Anders zu sein ist eine Bereicherung für alle. Denn Letztlich sind wir ja alle anders, und wenn alle sich mehr trauen, ihr So-Sein zu leben, ist Anderssein irgendwann die neue Norm, die wir dann gar nicht mehr als Maßstab brauchen.

22:41

Lasst es uns einander wo immer möglich einfacher machen, die zu sein, die wir sind.

22:47

Und nun erteile ich gern Sonja das Schlusswort. Folgendes Zitat aus dem Buch 'Unmasking Autism' von Dr. Devon Price findet sie in seiner Klarheit und Einfachheit sehr eingängig.

23:02

Zitat: »Ich denke, wenn nichtautistische Menschen erklären, dass doch jeder ein wenig autistisch sei, sind sie nahe an einem wichtigen Durchbruch, zu verstehen, wie psychische Störungen definiert sind.

23:16

Warum erklären wir manche Menschen für defekt und andere für absolut normal, wenn sie doch dieselben Eigenschaften zeigen? Wo ziehen wir die Grenze und warum denken wir, dass es überhaupt eine geben muss?«

23:32

Zitat Ende. Übersetzung von ihr selbst. Und damit sind wir auch schon wieder am Ende dieser Folge angelangt. Schön, dass ihr hier seid. Ich bedanke mich herzlich bei Sonja für ihre wertvollen, ergänzenden Gedanken und euch allen ebenso herzlich fürs Zuhören.

23:54

Und wie immer gilt, für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir gern. Bis zum nächsten Mal. Ciao.