Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 34. Podcast. Ich mache heute weiter, wo ich vor zwei Wochen aufgehört habe. Letztes Mal habe ich davon gesprochen, wie ich über den Sinn meines Podcast-Projekts nachdachte und zum Schluss gekommen bin, dass ich es gern als eine Art Dokumentation meines zurückgelegten Weges mit all seinen Prozessen betrachte.
Mich neu und endlich als Mensch im Spektrum zu begreifen, ist für mich eine große Erleichterung nach all den Jahren und all den Fragen nach den Ursachen meines So-Seins.
Im Laufe des letzten Jahres, nicht zuletzt weil ich zu podcasten angefangen habe, sind viele neue Erkenntnisse dazu gekommen. Manche Zusammenhänge erschlossen und erschließen sich eben erst nach und nach, im Unterwegssein.
Diese Folge ist der zweite Teil einer mehrteiligen Serie mit kleineren Themen, die auf meiner Themenliste stehen. Nachdem ich das letzte Mal über meine Intuition, die eine Art ausgeklügelter Analyse und Übersetzungsprozess ist und über die typisch autistische Liebe zur Wahrheit gesprochen habe, geht es heute weiter mit dem nächsten Thema.
Mit diesem mache ich sozusagen dort weiter, wo ich letztes Mal aufgehört habe. Wahrheit und Lüge sind für mich irgendwie verwandt mit Wettbewerb und Konkurrenz. Ich habe relativ viele Erinnerungen an meine Kindheit und meine Schulzeit.
Die Ambivalenz zwischen Leistung um der Noten willen und der damit verbundenen Anerkennung, die ich von den Eltern, vor allem von meinem Vater, bekam und zwischen der Freude am Lernen, weil mich etwas interessierte, zieht sich als roter Faden bis heute durch mein Leben.
Wann immer ich etwas tat, weil ich wusste, dass die Leistung irgendwelche Konsequenzen haben würde, fühlte sich das falsch an. Etwas von seinem Inhalt loszukoppeln fällt mir bis heute schwer, auch wenn ich sehr oft über diesen schweren Schatten gesprungen bin.
Dieses 'Besser-sein-als'-Denken ist mir grundsätzlich fremd. Ich habe sogar oft absichtlich nicht meine Bestleistungen erbracht, damit sich die anderen nicht dumm vorkamen.
Und eigentlich tue ich das bei manchen Themen bis heute. Gerade wenn es um Themen geht, bei denen ich mich gut auskenne, neige ich zum Tiefstapeln. Das ist einerseits eine Art Schutz- und Masking-Handlung, um nicht als Besserwisserin betrachtet und darum abgelehnt zu werden, andererseits ist es aber auch eine irgendwie selbst abwertende Aktion, da ich mein Wissen und Können höchstens mittelmäßig und nicht der Rede wert finde.
Ehrgeiz ist für mich ein nicht abrufbares, nicht nachvollziehbares und nicht fühlbares Konstrukt. Wenn mich etwas zu Höchstleistungen motivierte und motiviert, war und ist es immer die Sache an sich, das Thema, das mich interessierte.
Das erkenne ich erst heute im Rückblick. Bei einem Text zum Beispiel, den ich überarbeite oder ein Bild, das ich gestalte, ist es die Freude daran, es so gut hinzubekommen, dass ich ganz zufrieden bin.
Es ist letztlich meine eigene Messlatte. Die hängt leider sehr hoch, sodass ich selten hundertprozentig mit mehr um meine Leistung zufrieden bin. Dort kommt zuweilen schon der Seitenblick dazu, denn ich habe verinnerlicht, dass die anderen es besser und vor allem richtig machen.
Und da lappt dann doch eine Art Ehrgeiz ins Bild. Masking ist vielleicht so eine Art Ehrgeiz-Plugin, das ich bereits als Kind installiert habe, um möglichst ähnlich wie alle anderen zu scheinen.
Allerdings ist es nicht etwas, das ursprünglich zu zu meinem So-Sein gehört. Es ist eine Art kulturelle Aneignung, um diesen Begriff für einmal in einen anderen Kontext zu stellen.
Ich habe so lange all die ungeschriebenen und mir unverständlichen Regeln meiner Mitmenschen in der neurotypischen Umwelt imitiert, dass es durchaus als Aneignung einer fremden Kultur durchgehen könnte.
Doch zur Identifikation mit dieser fremden Kultur hat es zum Glück nicht gereicht. Denn meine eigene Kultur, die der Menschen, die im neurodivergenten Spektrum leben, muss nicht überschrieben und übersetzt werden.
Wir müssen nicht kolonialisiert werden. Auch wenn das bei mir von Anfang an immer wieder versucht wurde. Obwohl ich mich ständig verglichen und das Verhalten anderer beobachtet und nachgeahmt habe, um nicht aufzufallen, hat das Konkurrenzverhalten nie mein Innerstes erreicht.
Ich wollte zwar schon irgendwie möglichst gut sein, doch die Motivation dazu war eher unauffällig zu sein. Oder es ging, wie gesagt, um ein Thema, das mich faszinierte.
Mir geht und ging es immer eher darum, das Wesentliche, das Wertige, das für mich Richtige zu finden, erkannte ich kürzlich. Unbedingt recht zu haben, war und ist nicht unbedingt mein Ziel.
Meine Werte, meine Werteskala habe ich schon recht früh in meinem Leben definiert und nicht mehr grundlegend geändert. Fairness und Ehrlichkeit standen immer ganz weit oben.
Auch in Beziehungen kann ich mich nicht mit Konkurrenzverhalten an Freunden. Mir geht es um gleiche Augenhöhe und um echte Begegnungen. Wenn ich mich auf Beziehungen einließ und einlasse, gibt es meistens ein verbindendes Thema, das den Anstoß gibt.
Meine längste Freundschaft entstand, als Freundin L. mit mir zusammen ein uns verbindendes Freifach in der Schule besuchte. Wir hatten eine Gemeinsamkeit und ein gemeinsames Interesse.
So ähnlich basieren alle meine Freundschaften auf einem verbindenden Faktor. Ausgehend von einer ähnlichen Werteskala sind bei mir weitere Verbindungsfaktoren, ein gemeinsames Interesse an Sprache, Kunst, Natur, mentale Gesundheit und so weiter.
Dabei geht es mir, wie gesagt, um gleiche Augenhöhe, um Austausch, darum, voneinander zu lernen, einander beizustehen, worum es nicht geht, sich gegenseitig übertrumpfen, Macht ausüben, besser sein.
Was ich nicht verstehen kann, sind Menschen, die auffallen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen und es mögen, im Mittelpunkt zu stehen, die daraus einen Kick ziehen, dass andere zu ihnen aufsehen.
Diesen Kick verspüre und kenne ich so nicht. Lieber vertiefe ich mich in eine mir entsprechende Tätigkeit, in eine Recherche zu einem Thema, das mich interessiert, zum Beispiel.
Für neurotypische Menschen, die sich ständig unter Menschen aufhalten, kann es, so stelle ich es mir vor, durchaus schwierig sein, sich der überall vorkommenden Hackordnung bewusst zu sein.
Wer ist anders? Wer ist schwächer? Dieses Bewusstsein fehlt mir. Oder sagen wir, es fehlte mir. Im Laufe meines Lebens habe ich da inhaltlich viel dazugelernt, aber auf einem fühlenden Ebene verstehen kann ich das alles bis heute nicht.
Ich stelle mir vor, dass das Fehlen dieses Bewusstseins, eine Gelegenheit, gemobbt zu werden ist. Menschen ohne diese Eigenschaft sind nicht wirklich wettbewerbsfähig und stehen irgendwie am Rand.
Mein nächstes Thema ist Kommunikation per Telefon. Ich weiß noch, dass ich als Kind das Telefon ziemlich toll fand, weil es mir erlaubte, mich ohne den direkten Kontakt mit Menschen zu unterhalten.
Und später als Teenie habe ich durchaus auch mal mit anderen Teenies bei harmlosen Telefonstreichen mitgespielt. Das Telefon diente, als ich Kind war, vor allem der kurzen Übermittlung von Inhalten, denn lange Telefonate kosteten Geld und der Kostenfaktor war immer eine limitierende Größe.
Telefonieren war für mich neben Briefen eine gute Möglichkeit, mit Menschen zu kommunizieren. Als später Mails und schließlich Messenger dazukamen, fand ich das vor allem eins:
Unglaublich erleichternd, denn insgeheim habe ich immer lieber indirekt als direkt mit anderen Menschen kommuniziert, von Ausnahmen abgesehen.
Telefonieren wurde für mich, insbesondere im beruflichen Kontext, je länger, je stressiger.
Vielleicht fing es an, als Telefonieren günstiger wurde und immer häufiger telefoniert wurde. Und als Telefonieren mobil wurde, kam eine neue Stresswelle dazu. Das Gefühl, jederzeit erreichbar sein zu müssen und aus einem beliebigen Kontext herausgerissen zu werden, stresste mich immer mehr.
Ich stelle inzwischen fest, dass ich beides nicht mag. Herausgerissen zu werden aus dem, was ich gerade mache, finde ich genauso unangenehm wie andere bei dem, was sie gerade machen, zu stören.
Denn ja, ich empfinde telefonieren störend. Wenn ich etwas arbeite, mich auf etwas einlasse, mich fokussiere, was ja für mich immer mit einem nicht unerheblichen Energieaufwand verbunden ist und dann aus diesem herausgerissen werde und mich mit einem ganz anderen Thema auseinandersetzen soll, auf Knopfdruck, finde ich das immer schwierig und anstrengend.
Aber auch wenn ich nicht bei der Arbeit bin, sondern daheim etwas mache oder unterwegs bin, reißt mich ein Anruf aus dem, was ich gerade mache. Mein Handy ist darum meistens auf lautlos gestellt und abnimmt euch in der Regel nur, wenn ich gerade genug Energie habe.
Außerdem ist das Herausgerissen-Werden nur die eine Hälfte des Problems, die zweite Hälfte ist, danach wieder zurück in den Arbeitsflow oder was immer ich gerade gemacht habe, zu finden.
Bei Telefongesprächen stelle ich immer wieder fest, dass ich wenig Sprechroutine habe. Andere merken das normalerweise nicht und sind immer erstaunt, wenn ich diesen Punkt anspreche, aber tatsächlich weiß ich nie so genau, wann ich mit Sprechen dran bin und wie wenig oder wie viel ich sagen kann und darf.
Ein bisschen ist das wie mit Augenkontakt und Umarmungen. Ich habe diese Fähigkeiten zwar irgendwie gelernt, aber ich weiß nicht genau, wie ich sie anwenden soll.
Am wenigsten schwierig finde ich Telefongespräche mit informellem Inhalt, bei denen über etwas Definiertes gesprochen wird und das Thema als roter Faden funktioniert. Bei solchen Gesprächen mache ich mir normalerweise Notizen, damit ich nicht vergesse, was besprochen wurde.
Wenn ich nicht schon während des Gesprächs die wichtigsten Dinge aufgeschrieben habe, mache ich es meistens hinterher, weil die Gefahr, etwas zu vergessen, groß ist. Denn eigentlich gehen mir Telefongespräche meistens viel zu schnell.
Ich komme oft gedanklich nicht hinterher. Irgendwie ist das Paradox für mich, denn ich denke einerseits super schnell und springe immer vom einen zum anderen Thema, aber bei Telefongesprächen komme ich oft mit der Informationsverarbeitung nicht hinterher.
Jedenfalls brauche ich nach einem Gespräch immer eine Weile, bis ich das Besprochene integriert habe. Auch darum mag ich lieber schriftliche Kommunikation, denn bei aufgeschriebenen Informationen kann ich hinterher nachgucken, was abgemacht wurde.
Während Telefongesprächen ist immer ein meine Aufmerksamkeit und Energie damit beschäftigt, mich zu kontrollieren, ob ich auch wirklich im richtigen Moment antworte. Natürlich weiß ich längst, dass solches Verhalten nicht wirklich nötig ist, aber da wirken noch immer die jahrzehntelang trainierten Masking-Mechanismen nach.
Bei Befindlichkeitsgesprächen mit meinen Lieblingsmenschen schätze ich es sehr, wenn wir vorher eine Zeit abmachen. So können wir uns beide ablenkungsfrei auf dieses Zeitfenster einlasten.
Mit meinem Partner habe ich mir Videogespräche angewöhnt, weil wir beide nicht so gut im Telefonieren sind. Dabei fühlen sich die Leerstellen anders an, da wir uns und den Kontext des Gegenübers sehen können.
Wenn ich weiß, dass ich einen Anruf machen muss, bin ich vorher immer unglaublich nervös. Egal, ob vor einem Anruf in der Praxis meiner Ärztin oder bei einer Arbeitskollegin.
Telefonieren ist fast immer Stress. Wann immer möglich, erledige ich, wie gesagt, Kommunikation schriftlich. Ich habe mir sogar angewöhnt, in Mails zu schreiben, dass ich lieber nicht angerufen werden möchte.
Inzwischen weiß ich von anderen Menschen im Spektrum, dass sie auch ihre Probleme mit Telefonieren haben, was ich sehr tröstlich finde. Alle Schwierigkeiten, die andere, ähnlich wie ich, erleben, werden durch das Wissen, damit nicht allein zu sein, erträglicher.
Ich wünsche uns, dass wir immer mehr Mut finden, unsere Bedürfnisse, unsere Grenzen und unser So-Sein zu kommunizieren. Und ich persönlich möchte vor allem damit aufhören, mich für mein Anderssein abzuwerten.
Nur weil ich nicht gut telefonieren kann, heißt es ja nicht, dass ich weniger wertvoll bin. Und das gilt auch für dich, für euch alle.
Schön, dass ihr hier seid. Ich bedanke mich herzlich bei euch allen fürs Zuhören. Und wie immer gilt, für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir gern.
Bis zum nächsten Mal. Ciao.