Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem fünften Podcast. Heute ist der 2. April und damit Weltautismus-Tag. Ein Tag, der rund um den Erdball dazu dient, über Autismus-Spektrum aufzuklären und zu sensibilisieren.
Also genau der richtige Tag für meine neue Podcast-Folge.
Gleich zu Anfang bedanke ich mich herzlich für eure lieben und mutmachenden Rückmeldungen. Das tut mir richtig gut und freut mich sehr.
Ich beginne diese Folge mit einem Zitat von Clara Törnwall, das ich in ihrem Buch die Autistinnen gefunden habe. Wäre die Norm nicht an die Gehirne der Mehrheit angepasst, würde es das Etikett Autismus nicht geben.
Autismus stellt etablierte Gegensatzpaare wie Nähe und Distanz, Schweigen und Reden, Normalität und Abweichung, sowie Hindernis und Zugänglichkeit in Frage.
Ich fasse das für mich so kurz zusammen, dass bei AutistInnen vermeintlich gegensätzliche Themen oft näher beieinander liegen, als es Menschen ohne Autismus von sich kennen.
Was von den einen paradox empfunden und zuweil nicht verstanden oder gar belächelt wird, ist für andere die Norm, denn wir alle sind die Norm.
Und wo wir jetzt schon so schön bei Törnwalls Buch sind, heute mache ich wie versprochen dort weiter, wo ich das vorletzte Mal aufgehört habe. Gerne erzähle ich euch diesmal von Punkt 4, 5, 6 und 7 von Clara Törnwalls Liste und wie sie sich bei mir bemerkbar machen.
Für alle, die heute das erste Mal dabei sind. Es geht hier um die sieben Punkte, die Autismus letztlich ausmachen. Gefunden habe ich diese Liste in Clara Törnwalls bereits erwähnten Buch, die Autistinnen.
Die Ausgangslage ist, dass von Autismus dann gesprochen wird, wenn bei einer Person mehr als einer oder zwei dieser Punkte auftreten. Es ist die Summe, es ist die Häufung von Verhaltensweisen und Eigenschaften, die Autismus letztlich ausmacht.
Eine, die wie ich über viele Jahre, ja sogar Jahrzehnte, im Modus der Daueranpassung an den großen, nicht-autistischen Teil der Menschheit gelebt hat. Eine, die jahrzehntelang maskiert hat, wird sich irgendwann nach dem x-ten Zusammenbruch im Rückblick wundern, wie sie das alles bloß geschafft hat.
Dann nämlich, wenn die Kraft zum Aufrechterhalten der Maske nicht mehr reicht. Wie ich schon früher erwähnt habe, ist Maskieren kein Rollenspiel, sondern es dient dem Versuch, uns vor dem Missverstandenwerden zu schützen und vor dem ewigen Anecken.
So lernen wir von klein auf, uns möglichst ähnlich wie der der Menschheit zu verhalten, doch oft ohne zu verstehen, warum sich andere Menschen so und so verhalten, warum sie zum Beispiel etwas nicht direkt, sondern durch die Blume sagen.
Und warum sagt eins überhaupt durch die Blume, wo doch gar keine Blumen auf dem Tisch stehen?
Weil ich fast sechs Jahrzehnte maskiert habe, bin ich, glaube ich, immerhin inzwischen eine ziemlich gute Übersetzerin zwischen autistisch, ADHS und dem Rest der Welt geworden.
Manche sagen über mich, dass ich ziemlich gut Brückenschlagen und Verbindungen herstellen kann. Eine soziale Fähigkeit, die dem Vorurteil, AutistInnen seien nicht sozial kompetent, zuwiderläuft.
Dass ich mir diese Fähigkeit aber gerade deshalb antrainiert habe, weil ich eben soziale Schwierigkeiten habe, mich in ersten Folge ausgeführt habe, sieht eins von außen natürlich nicht.
Es ist natürlich von Vorteil, dass ich das eine oder andere ziemlich gut erklären kann, weil ich die Fallgruben des Missverständnisses kenne, aber der Preis war hoch. Zugefallen ist mir diese Fähigkeit nicht.
Bevor ich nun zu den Punkten 4 bis 7 überleite, erwähne ich nochmals alle Punkte von Törnwalls:
1. Schwierigkeiten mit sozialer Kommunikation, Interaktion sowie Anpassungsprobleme an die jeweilige Situation.
2. Wir AutistInnen verhalten und interessieren uns für Themen und Dinge, die für Nicht-Betroffene nicht immer nachvollziehbar sind. 3. Halten wir uns, heißt es, geradezu zwanghaft an Gewohnheiten, Ritualen und Routinen fest.
Über all das habe ich euch in meiner vorletzten und in der vorvorletzten Folge erzählt und über die folgenden Punkte spreche ich heute.
Der vierte Punkt dreht sich um Spezialinteressen, in die wir uns richtig gehen und mit großem Aufwand einleben. Der fünfte Punkt ist die Hypersensibilität oder die Hyposensibilität für Sinneseindrücke aller Art.
Sechstens bestehen die Symptome bereits seit der Kindheit und siebtens beeinträchtigen sie unseren Alltag.
Spezialinteressen zu haben ist vermutlich der am meisten mit Klischees Vorurteilen behaftete Punkt auf unserer Liste. Sofort steigen Bilder von Film- und Romanfiguren auf, die etwas sammeln, hüten, hegen, ordnen, zählen, abrufen können, gern auch mathematisch, gern supergenial, gern hoch oder auch inselbegabt.
Dass es solche krassen Fälle gibt, ist keine Tatsache. Doch, dass die wenigsten AutistInnen so extreme Spezialinteressen haben, ist ebenfalls eine Tatsache. Ich denke, dass genau dieses Vorurteil auch mitschuld daran ist, dass sich Menschen, die autistisch sind, sich nicht an die Diagnostik herantrauen, weil sie denken, ich bin doch nicht inselbegabt, ich bin doch nicht so extrem, ich bin doch nicht so nerdy.
Vergleiche mit Extremen sind müßig.
Im wirklichen Leben sind Spezialinteressen viel alltäglicher. Insbesondere bei Frauen und als Frauen gelesen, sind es oft sehr unauffällige Interessen. Doch immer noch werden in Autismustests Zahlen und Eisenbahnen als autismustypische Leidenschaften aufgelistet, da früher Autismus oft als eine vor allem Jungs und Männer betreffende Störung gesehen wurde.
Heute wissen wir aber, dass der größte Teil der Betroffenen vor allem an speziellen Alltagsdingen interessiert ist. Ich habe bereits in der dritten Folge im Zusammenhang mit dem Entstehen von Interessengebieten und Verhaltensweisen darüber gesprochen, wo meine Hauptinteressen liegen und dabei meine Steinsammlung erwähnt.
Steine sind tatsächlich ein persönlicher roter Faden seit meiner Kindheit.
Manche Interessen begleiten uns schon das ganze Leben und sind so zu Spezialinteressen geworden. Für mich sind sie deshalb speziell, weil sie mir speziell wichtig sind und mir helfen, artgerecht zu leben.
Also meiner persönlichen Art zu sein, entsprechend zu leben.
Steine sind mir buchstäblich kleine Felsen in der Brandung. Ich fasse Steine unglaublich gern an, sammle sie, betrachte sie, hüte sie, habe zu ihnen eine geradezu freundschaftliche Beziehung.
Als Kind habe ich meine Lieblingssteine stundenlang in meinen Eimern, in denen ich sie aufbewahrte, umgeschichtet. Sie waren mir näher und vertrauter als Puppen oder andere Spielsachen je waren.
Von ihnen ging Ruhe aus, sie waren einfach da. Heute liegen manche auf meinem Nachttisch und manche liegen manchmal sogar im Bett, in den Händen, auf der Stirn, auf dem Herzen, in den Regalen.
Sie liegen einfach da und sie tun mir einfach gut. Ein weiteres ganz großes Spezialinteresse ist bei mir alles, was mit Sprache, Sprechen, Verständnis, Ausdruck, Kunst und mit Bildern zu tun hat.
Schreibend und mit Bildern erfahre und erkläre ich mir die Welt und teile ich mich auch mit.
Außerdem will ich verstehen, darum lese ich Bücher, höre ich Hörbücher, schreibe ich Geschichten, liebe ich Metaphern und übersetze ich gern Gefühle in Worte und Bilder.
Fotografierend, zeichnend, malend. Das ist meine innere Heimat.
Neben Steinen waren es auch immer andere Lebewesen, die mich faszinierten. Tieren gab ich als Kind gern meine Stimme, stellte mir vor, was sie denken und was sie sagen würden, wenn sie mit uns Menschen sprechen.
Ich rede noch heute mit Tieren, wenn ich ihnen begegne und habe auch immer das Gefühl, von ihnen verstanden zu werden. Als 16-Jährige beschloss ich darum auch, keine Tiere mehr zu essen.
Auch zu pflanzen habe ich einen Rat. Ich liebe es, Pflanzen aufzuziehen, als einem Samen oder Kern eine Zimmerpflanze ins Leben zu begleiten. Das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und macht mich auch sehr glücklich.
Außerdem interessiere ich mich auch für gesunde Ernährung und für alles, was sich um physische und mentale Gesundheit dreht. In meinem ganz besonderen Fokus sind Themen wie Neurodiversität und Neurodivergenz.
Ich fühlte auch schon als Kind, wie notwendig Gerechtigkeit und Gleichberechtigung sind. Jegliche Form von Ausgrenzung und Blaming widern mich an.
Ebenfalls sehr großes Interesse habe ich an allem was mit IT zu tun hat. Hardware, Software, Programme und wie sie funktionieren. Allerdings kann ich weder programmieren noch sonst welche nerdschen Kunststücke.
Doch ich bin eine ziemlich gute Anwenderin und kann mich in Zusammenhänge eindenken, wenn ich will, wenn es mich genug interessiert.
Und so ähnlich geht es mir auch mit Lifehacks. Ich liebe es mir Alltagstricks auszudenken, um etwas Alltägliches besser machen zu können. Am liebsten Dinge, die mit Pflanzen, Haushalt, Handwerklichem oder Handarbeiten zu tun haben.
Darum gucke ich mir auch sehr gerne kleine Videos an, in denen solche Tricks geteilt werden.
Unser fünfter Listenpunkt dreht sich um die Wahrnehmung. Das kann sowohl eine Hypo- als auch eine Hypersensible Wahrnehmung sein. Typisch ist für uns AutistInnen, dass unsere Wahrnehmung eher an den Enden der Skala zu finden ist, sehr stark empfunden oder sehr schwach, eher nicht im Mittelfeld.
Ich weiß gar nicht, welcher meiner Sinne der stärkste ist, aber vermutlich ist es die Nase. Gerüche können mich zum einen fast umhauen, wenn sie bei mir negativ ankommen oder aber extrem beglücken, wenn sie von mir positiv wahrgenommen werden.
Ein unangenehmer Geruch kann mich regelrecht an meine psychischen Grenzen bringen, wenn ich ihm nicht entkommen kann. Dann kann ich nichts mehr anderes fühlen und denken.
Manche Waschmittel oder auch Parfümgerüche, die für die meisten Menschen eher positiv besetzt sind, können mir Übelkeit verursachen, dazu auch Juckreiz in den Schleimhäuten, weil dann auch meine Allergien und Unverträglichkeiten überreizt werden.
Mit Lärm geht es mir ganz ähnlich und auch Licht. Helligkeit ist für mich oft sehr unangenehm, insbesondere helles Deckenlicht. Ich bevorzuge indirektes abblendbares Licht, wo immer ich das beeinflussen kann.
Draußen trage ich sehr oft eine Sonnenbrille, sobald es mir zu hell ist.
Auch mein Tastzinn und meine Zunge sind sehr heikel und mögen nichts, was sich für mich nicht richtig oder nicht gut anfühlt. Aber das ist sehr schwer zu erklären, denn dieses richtig oder dieses gut ist sehr persönlich.
Und vielleicht ist es auch gut, wenn ich es nicht erklären kann, denn es ist tatsächlich sehr subjektiv.
Egal ob Textilien oder Lebensmittel, es kommt auf das richtige Gefühl an, das etwas bei mir hervorruft, um es als angenehm und als nicht stressig zu empfinden. Dazu ist es auch nicht immer gleich.
Manchmal stresst mich etwas, manchmal nicht.
Und letztlich ist es zuweilen auch paradox, wie Clara Törnwall es in ihrem Buch ja beschrieben hat. Autismus stellt etablierte Gegensatzpaare infrage.
Zum einen fasse ich gern alles mögliche an, kann zum Beispiel kaum durch einen Laden gehen, ohne alles anzufassen. Andererseits werde ich überhaupt nicht gern angefasst, von Fremden schon gar nicht.
Und Hände schütteln ist mir ein Gräuel. Am liebsten oder am erträglichsten ist für mich das Berührt werden, wenn ich vorgewarnt bin, wie z.B. bei einer Umarmung zur Begrüßung.
Dass ich all diese Symptome schon in der Kindheit hatte, Punkt 6 auf der Liste, das habe ich ja bereits das eine oder andere Mal erwähnt. Ich war immer eine Art geduldete Außenseiterin, denn ich verstand nicht, was abging, warum die anderen Mädchen über etwas lachten, das ich nicht verstand oder was ihre Ausdrücke und Redewendungen genau bedeuteten.
Dank Büchern und dank Fernsehserien konnte ich meine soziale Kompetenz trainieren.
Meine ersten Kameradinnen und Freundinnen hatte ich erst mit zwölf. Doch auch da war ich immer noch die dritte im Bunde oder das fünfte Rad am Wagen. Und trotzdem fühlte ich mich immer sehr einsam.
Heute weiß ich, dass es eine Einsamkeit war, die nicht durch die Gesellschaft anderer gelöst werden konnte. Ich fühlte mich deshalb einsam, weil niemand so handelte, redete, reagierte oder war wie ich.
Dass ich mir darum als Erstberuf etwas mit Kindern ausgelesen habe, verstehe ich erst heute so richtig. Kinder sind unverstellt, mit Kindern konnte ich mich selbst sein.
Dass mich das alles im Alltag beeinträchtigt hat, ist selbsterklärend. Tönwals siebten Punkt kann ich somit für mich auch abhaken. Mein frühkindliches Gefühl vom Rest der Welt abgekoppelt zu sein und die schon als Kind empfundene Einsamkeit haben sich bis heute gehalten, obwohl nach und nach echte Freundschaften entstehen konnten, als ich endlich, so als 16-Jährige, ähnlich fühlende finden dürfte.
Was du zuhörst, das ist für dich, liebe L.
Manche meiner gesammelten Lebenserfahrungen kann ich sehr gut einem der sieben Punkte zuordnen. Manche fliegen eher unverknüpft und doch irgendwie als Teil des Ganzen durch mein persönliches Universum.
So vieles ist noch unverordnet.
Sowohl meine innere als auch meine äußere Wahrnehmung von Raum ist sehr diffus. Die äußere Welt kann ich nur dank Karten und Navi erfahren. Mir fehlt nämlich jegliches Zeitgefühl für Orte.
So kann ich hundertmal am gleichen Eck vorbeigehen, ohne etwas wirklich zu sehen. Ohne Navi werde ich, und war ich auch schon oft, verloren. Städte, vor allem neue Städte, egal ob zu Fuß oder mit dem Auto, sind ohne Navi für mich der Horror.
Ich sehe oft nur die Details und verliere mich im Großen und im Ganzen. Vermutlich hängt das auch damit zusammen, dass ich sehr schnell sinnlich überreizt bin und bei wachsender Reizüberflutung die Eindrücke immer schlechter handhaben kann.
Was mir hilft, sind klare Strukturen. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich, doch gerade das Befolgen meiner Abläufe, dass mir Sicherheit und Ruhe gibt, macht mich zugleich auch unflexibel und alltagsuntauglich und beeinträchtigt damit also meinen Alltag sehr.
Dinge wie Telefonieren, Einkaufen, Smalltalk im Treppenhaus und die Arbeit in der Bibliothek schaffe ich zwar, doch zu viel davon aufs Mal finde ich furchtbar anstrengend und sobald mehr als zwei oder drei unbekannte Personen zusammen sind, verliere ich mich und den Überblick.
Ja, ich glaube, dass alles zusammengenommen heißt an Wohl, im Alltag beeinträchtigt zu sein.
Mir fehlt dazu auch an allen Ecken und Enden die Energie, all das, was da um mich herum passiert, zu verarbeiten, was ja definitiv auch eine Beeinträchtigung darstellt.
Ich weiß leider nicht mehr wo, aber neulich habe ich den Satz gehört, dass das normale Level von Schmerz im Grunde die Schmerzfreiheit sei. Dieser Satz beschäftigt mich.
Übersetzen wir doch mal Schmerz in Energie und bilden einen neuen Satz. Das normale Energielevel neurotypischer, also normaler Menschen sei, sagen wir mal, 70-80% oder so.
Oder 90 oder 100.
Mein Satz hieße dann, das normale Energielevel von neurodivergenten Menschen ist, so vermute mal eher unter 50%. Wobei 50% wohl eher noch eine sehr optimistische Schätzung ist.
Wenn du also immer tun sollst oder tun willst, was andere mit ihren durchschnittlichen 75 bis 100% zu leisten imstande sind, wirst du mit deinen durchschnittlichen 45% irgendwann nicht mehr schaffen und scheitern.
Und dann hoffentlich herausfinden, was dir gut tut.
Jetzt habe ich alle sieben Punkte abgehakt. Dennoch gibt es noch viele, viele, viele andere alltagsrelevante Themen über Autismus, über die ich gerne mit euch hier reden möchte.
Und falls ihr konkrete Fragen und Themenwünsche habt, schreibt mir doch bitte gern. Ich bin offen für Anregungen und Rückmeldungen aller Art. Schreibt mir unter JanaLuna at unbox.at.
Ich danke euch herzlich fürs Zuhören. Ciao und bis zum nächsten Mal.