#9 Vertrauen und Selbstvertrauen
S01:E09

#9 Vertrauen und Selbstvertrauen

Episode description

Heute geht es um ein Thema, das nicht nur für Menschen im Spektrum, sondern letztlich für alle relevant ist. Es geht um Vertrauen, Respekt und darum, sich und andere ernstzunehmen. Was einfacher klingt als es ist.

Ich zitiere aus einem Artikel von Hannah C. Rosenblatt. Hier ist der Link zum vollständigen Text:
https://einblogvonvielen.org/die-reise-nach-italien/

Download transcript (.srt)
0:02

Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem neunten Podcast. Zuweilen werde ich gefragt, was uns neurodivergenten Menschen hilft, was uns gut tut. Naja, ich kann da ja nur für mich sprechen.

0:16

Aber meistens hilft anderen noch genau das, was dir selbst hilft und was dir auch gut tut, nämlich Respekt. Das ist es tatsächlich, was ich mir am allermeisten wünsche, für mich persönlich und für meine Mitmenschen.

0:30

dass du mich, dass du uns Menschen im Spektrum, dass du andere Menschen nicht bewertest, dass du dein Gegenüber ernst nimmst, dass du ihm glaubst, dass du deine Mitmenschen und seine Bedürfnisse nicht in Frage stellst oder an seinen Aussagen zweifelst.

0:48

Irgendwie logisch, eigentlich, zumindest theoretisch, denn Wunsch und Wirklichkeit klaffen da weit auseinander. Heute geht es mir um Vertrauen. Zumindest um ein paar Aspekte davon.

1:02

Zum Beispiel vorhandenes oder abwesendes Selbstvertrauen. Und es geht um Respekt und Akzeptanz, die ich für jegliche Art von Vertrauen voraussetze. Doch leider erlebe ich immer wieder, dass ich nicht ernst genommen wurde.

1:18

Und damit bin ich nicht allein. Egal wie du tickst, doch sobald du dich in einer Menschengruppe anders tickender bewegst, erlebst du es vermutlich ebenfalls. Das sind andere Menschen, die dich nicht verstehen, die dich missachten oder sie belachen deine Gedanken, deine Bedürfnisse, deine Handlungen.

1:38

Wenn du so eine Situation noch nie erlebt hast, bist du vermutlich eine sehr große Ausnahme. Die meisten kennen solche Situationen, doch die meisten erleben sie regelmäßig.

1:51

Kennst du die gaussische Normalverteilungskurve? Die Normal- oder Gaussverteilung ist, sagt die Wikipedia dazu, in der Stochastik, der Mathematik des Zufalls, ein wichtiger Typ stetiger Wahrscheinlichkeitsverteilungen.

2:07

Diese Kurve gleicht, wenn man sie aufzeichnet, einer Glocke. Im mittleren Bereich ist die definierte Größe, die definierte Norm am dichtesten. Alles, was weiter außen ist, also weiter weg vom Zentrum der als Norm definierten Größe, weicht also inhaltlich von dieser definierten Normgröße ab.

2:28

Egal was, nehmen wir mal die Körpergröße, einen Faktor, den wir nicht willentlich beeinflussen können. Dennoch werden sehr große oder sehr kleine Menschen zuweilen verspottet.

2:40

Sie werden wegen ihrer Größe nicht ernst genommen und für eine nicht beeinflussbare Eigenschaft belacht. Belacht und nicht ernst genommen, gar in Frage gestellt, angezweifelt zu werden, ist etwas, das uns nachhaltig in unserem Vertrauen zu uns selbst beeinträchtigt.

2:58

Bekommst du immer wieder negative Rückmeldungen auf etwas, das von dir eigentlich ein nicht wirklich beeinflussbarer Teil deiner Persönlichkeit ist, fängst du nach und nach an zu glauben, was die anderen Menschen über dich sagen und wie sie mit dir umgehen.

3:13

Du fängst an, ebenso wie die anderen Menschen, an dir zu zweifeln. Womöglich fängst du sogar an, diese bestimmte Eigenschaft, bleiben wir bei der Körpergröße, an dir nicht nur abzulehnen, sondern sie, dich selbst und dein So-Sein zu hassen.

3:32

Bist du sehr groß, dukst du dich womöglich immer häufiger, um deine Länge zu kaschieren, oder du ziehst Schuhe mit dicken Sohlen an, um Größe zu wirken, nur um endlich gesehen und ernst genommen zu werden.

3:46

Kurz gesagt, du fängst an, dich zu verbiegen.

3:51

Ich habe bewusst die Körpergröße als Beispiel ausgewählt, denn sie ist, ebenso wie das neurodivergente Hirn, etwas, auf das du grundsätzlich keinen Einfluss hast. Die heutige Forschung geht davon aus, dass wir ebenso wie mit der in uns angelegten Körpergröße auch mit Neurodivergenz geboren werden.

4:12

Analog zum Heranwachsen deines Körpers entwickelt sich nun also auch deine Art des Seins.

4:19

Hast du ein neurodivergentes Hirn, nimmst du die Welt auf deine neurodivergente Weise wahr. Diese Wahrnehmung ist letztlich deine ganz persönliche Wahrheit. Als Kind denkst du da nicht weiter drüber nach, gehst davon aus, dass die anderen auch so sehen, denken, ticken wie du.

4:38

Und du bist immer mal wieder erstaunt oder auch verletzt, wenn dir Unverständnis entgegenkommt. Manche rollen mitten Augen, andere sagen, du sollst dich zusammenreißen.

4:50

Wieder andere sagen, das Kind hat aber auch eine Fantasie. Und dann gibt es noch jene, die über dich lachen, weil du über ihre Witze nicht lachen kannst. Entweder passt du dich also an oder aber du bist mutig, resilient und selbstbewusst genug, dich nicht zu verbiegen oder so stark beeinträchtigt, dass keine reife Biegung möglich ist.

5:13

Und alle anderen haben sich anzupassen gelernt. Anpassung gedeiht auf dem Boden des Selbstzweifels ganz wunderbar und auch auf dem Boden des Misstrauens in die eigene Wahrnehmung.

5:25

Ich werde gemobbt, also muss logischerweise an mir etwas verkehrt sein. Ich werde gelacht, also muss ich dafür sorgen, dass ich die Witze verstehe und alles, jeden einzelnen Spruch, den ich nicht kenne, nachschlagen, um zu verstehen, was die anderen sagen und worüber sie reden.

5:43

Masking also. Es ist mein Kehrreim.

5:48

Anpassungsleistung als Überlebensstrategie. Diesmal will ich eine Seite unserer Anpassungsleistung betrachten, die mir in ihrer ganzen Dimension erst in der letzten Zeit bewusst geworden ist.

6:01

Es ist nämlich so, dass ich mir mit meiner Daueranpassung den Zugang zu meiner eigenen Daseinsform regelrecht verbaut habe. Ich hatte tatsächlich verlernt, so ich es denn überhaupt je gekonnt habe, dass ich bedürftig sein darf und dass meine Bedürfnisse sein dürfen, eine Daseinsberechtigung haben.

6:23

In den ganzen Therapien, die ich im Laufe meines Lebens durchlaufen habe, ging es zwar immer wieder um Selbstfürsorge und da wurde auch in schönster Regelmäßigkeit über Selbstliebe gesprochen und dass sie die Basis, also die Voraussetzung für Akzeptanz und Selbstakzeptanz sein.

6:41

Doch mich selbst zu akzeptieren, so wie ich bin, damit ich gut für mich sorgen kann? Naja, gut und schön. Doch wie geht das überhaupt? Wo fange ich da überhaupt an? Wie erlaube ich mir, dass ich dürfen darf?

6:57

Wie lerne ich es, auf meine Bedürfnisse zu achten und sie haben zu dürfen? Dazu eine kleine Anmerkung. Nicht alle neurodivergenten Menschen sind komorbid, haben also zusätzlich weitere Krankheiten und oder andere sogenannte Störungen, doch die Wahrscheinlichkeit ist recht groß, neben ADHS, AUDHS oder Autismus zusätzlich noch entweder traumatisiert und oder depressiv zu sein oder eine Angststörung zu haben etc.

7:30

Teils sind das temporäre behandelbare Krankheiten, teils andere Arten des Seins, die sich manchmal überlagern, gegenseitig verstärken oder sogar auslösen. Die meisten dieser Krankheiten und Störungen führen zu einem verminderten Selbstwertgefühl und damit auch zu einem verminderten Bewusstsein für die eigene Bedürftigkeit, was für mich zusammengehört.

7:56

Was ebenfalls nicht hilft, ist, dass dann auch noch ganz viel Scham im Weg herumsteht und den Zugang zur Fähigkeit, sich selbst gut Grund versorgen zu können, zusätzlich einschränkt.

8:08

Hier zitiere ich Hannah C. Rosenblatt, Autorin und Aktivistin, welches zu den Themen Trauma,

8:17

dissociativer Identitätsstruktur, kurz DIS und Autismus publiziert. In einem Artikel, den ich in den Infos zu dieser Folge verlinken werde, lese ich über Hilfe bei Menschen, die Unterstützung brauchen, folgendes.

8:33

Zitat. Das bedeutet für die Hilfe, dass man sich nicht großartig auf die Extreme konzentriert, also auf die Krise und das Trauma, sondern auf die Grundlagen. Die Grundversorgung und was es macht, wenn sie gemacht ist.

8:51

Die Grundbedürfnisse und Und was es macht, wenn man sie spürt, wie man sie wahrnimmt, wie man sie, wann, wo und womit effizient und unter Berücksichtigung bestimmter Faktoren erfüllen könnte.

9:04

Grenzen, eigener Wille, der Wille anderer Menschen, alles Dinge, für die man Menschenkindern zig Jahre zum Erlernen einräumt. Menschen mit DIS, Klammer auf, auch andere Menschen, die Hilfe brauchen, Klammer zu, müssen das nachholen.

9:24

Sie müssen gewissermaßen nachreifen. Man darf nicht den Fehler machen zu glauben, dass sie über diese Basiskompetenzen verfügen, nur weil sie sie dann und wann unter letzten Endes Todesangst ausführen können.

9:39

Die meisten können es nicht. Manche, so wie die Person, die das hier gerade schreibt, bis ins dreißigste Lebensjahr hinein nicht. Zitat Ende. Auch mir war das nicht gegeben.

9:53

Noch übe ich es, dieses Bedürftigsein-Dürfen, diese alltägliche, gesunde Selbstfürsorge. Meine Vorbilder in der Kindheit waren diesbezüglich leider eher mangelhaft.

10:05

Bedürftigsein heißt, mich ernst zu nehmen. Endlich. Zu akzeptieren, dass ich so fühle, wie ich fühle. So denken, wie ich denke. Diese Grenzen zu haben, weil ich diese Grenzen habe.

10:18

Es bedeutet einen riesengroßen Schritt aus dem Selbstzweifel heraustun zu sollen, der schier unschaffbar aussieht und sich auch so anfühlt. Wie soll das gehen? Immer wieder diese Frage.

10:31

Letztlich muss ich mein eigenes Denken über mich selbst auf den Kopf stellen, was alles andere als einfach ist. Wenn ich mir nicht trauen kann, kann mir ja niemand trauen, doch wenn mein Selbstvertrauen instabil ist, weil ich immer geglaubt habe und zu hören bekommen habe, dass mit meiner Wahrnehmung und vor allem mit meiner Selbstwahrnehmung etwas nicht stimmt, bekomme ich dieses Vertrauen und dieses mich ernst nehmen sollen, ja nicht einfach so Knopfdruck hin.

11:00

Es ist ein Kraftakt, ein neues Selbstbild, ein neues Selbstbewusstsein zu kreieren, denn es ist quasi eine Art 180-Grad-Drehung, die da zu vollbringen wäre, von Selbstzweifel zu Selbstvertrauen.

11:16

Nachdem du also so lange geglaubt hast, dass deine Bedürfnisse verkehrt sind, dass du selbstverkehrt bist, womöglich irgendwie falsch verdrahtet, wird dir also eines Tages endlich von anderen gesagt, dass du okay bist, wie du bist.

11:29

Egal wie du bist. Obwohl du Ruhe willst, wenn andere Menschen Musik hören wollen. Obwohl du mehr Zeit bräuchtest, um dich zu regenerieren. Obwohl die Zeit fehlt. Oder du möchtest ins Museum, während die anderen shoppen wollen.

11:44

Ja, du bist trotzdem okay, sagen sie. Und jetzt sollst du auch nicht mehr an dir zweifeln, sollst gut für dich sorgen, sollst dir vertrauen. Du Du sollst dich sozusagen anders sehen lernen und vielleicht genau so, wie du letztlich immer warst, in ganz, also nicht mehr geduckt, sondern mit ausgeklappten Flügeln und ohne dicke Sohlen.

12:06

Puh, wie soll das gehen? Es gibt unterschiedliche Ansätze, diese Wände im Denken anzustoßen und was genau bei mir oder bei dir hilft, kann nur individuell beantwortet werden und selbstverständlich ist das hier kein Therapieersatz.

12:22

Und ich hoffe sehr, dass du dir Hilfe holst, wenn du sie brauchst und dass du Menschen findest, die für dich da sind. Bestenfalls kann ich dir mit meinem eigenen Erleben ein bisschen Mut machen, denn erzählen kann ich hier ja eigentlich nur persönlich Erlebtes oder ein paar allgemeine Dinge.

12:39

So hilft es manchen Menschen beispielsweise beim Umdenken, wenn sie im Außen damit anfangen, missliche Umstände zu verändern. Mit der Drohne Hilfe anderer, sich von Menschen und Dingen, die nicht gut für uns sind, zu entfernen.

12:54

Manchen hilft es auch sehr, sich als Teil einer globalen und oder lokalen Bewegung zu sehen, als Teil einer Gruppe von Menschen, die Ähnliches erleben oder erlebt haben.

13:07

Mir persönlich hilft das Bewusstsein, dass wir nicht allein sind, enorm.

13:12

Mir bewusst zu sein, dass da draußen andere Menschen sind, die ähnliche Selbstzweifel durchlebten und durchleben und ähnliche Probleme mit dem sich zurechtfinden dieser Welt hatten und haben, tröstet mich.

13:25

Indem ich andere betrachte, ihre Schwierigkeiten sehe, sie dennoch als liebevolle und liebenswerte Menschen erkenne, betrachte ich mich selbst nach und nach anders, neu und immer ein bisschen liebevoller, immer ein bisschen mehr.

13:41

Meine bisher gefühlte Wahrheit war ja die, dass ich nur dann liebenswert bin, wenn ich so und so bin. Wenn ich mich an diese und jene Regel anpasse, wenn ich meine schrägen Gedanken in nicht-autistisch übersetze, die anderen mit meiner etwas sperrigen Art zu denken verschone und möglichst wenig potenziell Missverständliches sage.

14:03

Nach und nach lerne ich, mich anderen immer öfter unmaskiert zuzumuten, mit all meiner Sperrigkeit. Und das ist letztlich sogar eine Art Liebeserklärung an mein Gegenüber.

14:15

Ich mute mich dir zu. Ja, ohne Maske bin ich rauer, bin schneller gereist, leichter gestresst, unbequemer. Und ich freue mich sehr, wenn ich damit genauso gemocht werde wie mit Maske, wenn die Menschen es schaffen, mich als genauso wertvoll und liebenswert zu behandeln wie in der angepassten Version meines Selbst, die letztlich immer nur einen Ausschnitt von mir zeigte.

14:40

Solche Resonanz bewirkt, dass mir Selbstakzeptanz inzwischen deutlich leichter fällt und damit auch der ganze Rattenschwanz, mit dem sich Ernst nehmen, deren Selbstliebe mündet.

14:52

Ich arbeite weiter daran. Es ist eine herausfordernde und energieaufwendige Arbeit. Ich stelle mir manchmal Mal vor, wie schön es wäre, wenn ich meiner Selbstwahrnehmung einfach so trauen könnte, wenn ich mich selbst ohne all die lebenslangen Zweifel einfach so ernst nehmen könnte, wenn es für mich selbstverständlich wäre, gut auf mich und auf meine Bedürfnisse zu achten.

15:18

Vielleicht werde ich es eines Tages ebenfalls können. Auch hilft es mir tatsächlich, wenn ich mir die Normalverteilungskurve sehr, sehr breit vorstelle, wie ein großes Dach über uns allen.

15:28

Ich mache mir auch gern bewusst, dass Normalität letztlich ein Ideal ist, dem niemand wirklich entspricht. Oder eben wir alle, wenn wir die Normen weiterfasten. Ich stelle mir uns zuweilen uns alle vor, nebeneinander, unterschiedlich und sehr bunt, so wie wir alle tatsächlich sind, alle anders und alle genau richtig.

15:51

Ich ignoriere die Unterschiede nicht, sondern mache sie mir bewusst. Darüber reden hilft, und unsere Verschiedenheiten nicht als Gräben zwischeneinander zu betrachten, sondern uns darüber zu freuen, unterschiedlich zu sein.

16:04

Darüber reden hilft, und auch unsere Verschiedenheiten nicht als Gräben zwischeneinander zu betrachten, sondern uns darüber zu freuen, unterschiedlich zu sein. Mit diesem neuerlichen Blick auf mein Gesellschaftsideal schließe ich für heute.

16:19

Fortsetzung folgt. Falls ihr konkrete Fragen und Themenwünsche habt, schreibt mir bitte gern. Ich bin offen für Anregungen und Rückmeldungen aller Art. Jetzt aber danke ich euch herzlich fürs Zuhören.

16:34

Ciao und bis zum nächsten Mal.