#10 Reizoffenheit und sensorische Wahrnehmung
S01:E10

#10 Reizoffenheit und sensorische Wahrnehmung

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Was genau ist denn eigentlich so anders bei Menschen im Spektrum? Wo ecken wir an, womit und warum? Ich persönlich empfinde vor allem meine Reizoffenheit und wie ich auf all die sensorischen Eindrücke in meiner Umgebung reagiere, anders als die meiner neurotypischen Mitmenschen. Wie anstrengend ein Leben fast ohne Filter ist, lässt sich schwer erklären. Ich versuche es hier.

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Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem zehnten Podcast. Das letzte Mal habe ich euch davon erzählt, wie es sich anfühlt, wenn sich Selbstzweifel und Mangel des Selbstvertrauen über das ganze Leben legen, weil wir uns nicht trauen, uns auf unsere Selbstwahrnehmung zu verlassen.

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Es ist schwer, uns selbst zu glauben, wenn uns andere nicht glauben. Und von diesem Punkt aus mache ich diesmal gleich weiter. Heute geht es um Reizüberflutung. Stell dir vor, du bist in einer dich überfordernden Situation.

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Viele Menschen, vielleicht Schlange stehen, Musik, jemand schreit, du bist eh schon müde, jemand will etwas von dir. Denk dir etwas aus, egal was es ist, es ist einfach zu viel.

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Du bist aber eingespannt und kannst da, so denkst du, jetzt nicht einfach weg. Du wartest und wartest und der innere Stress drückt immer mehr, bis du es nicht mehr raushältst.

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Dein Ich-Kann-Nicht-Mehr klingt jammerig oder wehleidig und du schämst dich, dass du nicht mehr kannst, wo augenscheinlich die anderen immer noch fit sind und kein äußeren Grund Anlass gibt, die Aktion abzubrechen.

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Du hast das. Manchmal hältst du aber auch weit über deine Grenzen hinaus immer noch weiter aus, obwohl du längst nicht mehr kannst. Es wird dir vielleicht schlecht oder du hast Kopfweh, aber du sagst nichts, weil die anderen ja doch nicht verstehen, was du meinst.

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Ist doch alles gar nicht so schlimm. Ist doch schön hier. Beides habe ich so oft erlebt, dass es zu meiner eigenen Normalität wurde, meine Grenzen zu missachten, weil es irgendwann mein Normal geworden ist, meine Überforderung zu ignorieren und meine Bedürfnisse und meine Grenzen im Unsichtbaren versicken zu lassen.

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Ganz lapidar gesagt bin ich daran also selbst schuld, denn ich habe es ja mit mir machen lassen, was so natürlich nicht stimmt, klar. Aber wo fangen wir da an? Zu lernen, eigene Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, ist eins.

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Darüber habe ich das letzte Mal ein wenig gesprochen. Das andere ist, zu ihnen zu stehen. Auch der Scham zum Trotz. Beides übe ich noch. Und ich hoffe sehr, du brauchst dafür nicht so lange wie ich, dir deinen Raum zu nehmen.

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Denn wir, die wir so sind, wie wir sind, haben genauso viel Recht auf Raum und auf so sein dürfen, wie jeder andere Mensch, auch wenn wir womöglich auffallen oder anecken oder nicht auf Anhieb verstanden werden." Klammer auf.

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Etwas, das ich übrigens immer ein wenig paradox finde. Den neurotypischen Menschen wird ja nachgesagt, dass sie andere Menschen spontan verstehen, dass sie Körpersprache, Bimik und Aussagen auf Anhieb richtig deuten.

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Warum also immer dieser Eiertanz, dass wir Neurotypischen so schwer zu verstehen seien? Ich persönlich vermute ja, dass neurotypische Menschen eben gar nicht so allverstehend sind, wie es heißt, sondern dass sie eben vor allem andere neurotypische Menschen lesen können.

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Klammer zu.

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Aus meiner Sicht macht vermutlich unsere Art der Reizwahrnehmung den größten Unterschied zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen aus, wie wir auf Reiz reagieren und mit ihnen umgehen.

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Ich erzähle aus persönlicher Sicht und fasse aber auch ein wenig Allgemeines zusammen und was ich bei anderen beobachtet und von ihnen erzählt bekommen habe. Grundsätzlich nehmen wir unsere Umwelt bedrohlicher wahr als normtypische Menschen, denn in unseren Rucksäcken tragen wir viele Erfahrungen mit uns herum, in denen wir unsere Umwelt auf die eine oder andere Art als unfassbar und unkontrollierbar erlebt haben, was sie für uns eben irgendwie bedrohlich macht.

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Was außerhalb unserer sicheren Räume geschieht, ist nicht vorhersehbar. Wir sind mit nicht planbaren Dingen konfrontiert und wir werden höchstwahrscheinlich Menschen begegnen, auf diese wir möglichst angemessen und angepasst, normtypisch eben, reagieren sollen.

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All das belastet uns, je nach Tagesform, mehr oder weniger heftig, im Voraus ebenso wie in der Situation selbst. Angefangen bei all den Geräuschen, sobald wir unsere Wohnung verlassen.

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Dieser Lärm auf der Straße oder auf dem Spielplatz gegenüber. Menschen, die reden. Menschen, die sich etwas zurufen, die kreischen, die schreien, aufs Gas drücken, dazu die ganzen Gerüche, die alle gleichzeitig auf uns einwirken, Blüten, Abgase, Parfüms, Hundekot und das alles gleichzeitig und ohne dass wir es sortieren können.

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Je sensibler die Reizfilter eines Menschen sind, desto aufwendiger ist die Verarbeitungsleistung unseres Hirns. Und je aufwendiger diese Leistung, desto schneller ist der Arbeitsspeicher des Gehirns überlastet.

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Mein Rechner der Gute schließt in solchen Fällen selbstständig ein paar Programme, damit er wieder in Ruhe weiterarbeiten kann. Das würde ich auch gern können. Weil ich es aber leider nicht kann, überlege ich es mir also jedes Mal gut, ob ich das Haus verlassen soll.

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Soll, will oder muss ich es? Denke ich vorher möglichst detailliert und ausführlich über den Weg nach, den ich gehen werde. Wohin gehe ich? In welche Reihenfolge? Wo kann ich zwischendurch allenfalls durchatmen, mich sammeln, wenn ich mit der Reizfühle Probleme habe?

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Ich denke ganz bewusst über Prioritäten nach, was mir als ADHS-Lehrerin nicht unbedingt leicht fällt. Was muss ich erledigen, was kann ich schlimmstenfalls weglassen?

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Über AutistInnen wird oft gesagt, dass sie sich isolieren oder dass sie sich nicht sozial kompetent verhalten, weil unser sozialer Bedarfanschau sieht als der neurotypischer.

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Es ist nicht generell so, dass wir keine sozialen Kontakte mögen, aber wir haben es gern überschaubar und vorhersehbar. Ich weiß gern vorher, mit wem ich es zu tun haben werde, damit ich mir auch im Voraus schon überlegen kann, worüber ich allenfalls reden könnte.

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Und damit ich meine Energie einteilen kann. Aber Achtung, diese Autismus-typische Vermeidung unvorhersehbarer sozialer Interaktion ist nicht mit einer Sozialphobie gleichzusetzen.

6:56

Es ist aber eben so, dass wir uns gern darauf vorbereiten, weil uns Vorbereitung ein bisschen sicherer fühlen lässt.

7:06

Ich überlege mir wirklich gern im Voraus, wie ich mich verhalten, wie ich reagieren soll, wenn es mir zu viel zu werden droht. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass sich tatsächlich aus einer neurodivergenten Reizvermeidung eine Angststörung entwickeln kann, zumal autistische Menschen oft viele schlechte soziale Erfahrungen sammeln und gesammelt haben.

7:32

Es ist darum ganz wichtig zu verstehen, dass soziale Angst für sich gesehen kein Symptom von Autismus ist, eine soziale Angststörung aber auch bei AutistInnen durchaus entstehen kann.

7:45

Zur Differenzierung: Eine autistische Person kann in sozialen Situationen sensorisch so überfordert sein, dass sie nicht mehr adäquat und sozial verträglich reagieren kann, womöglich sogar panisch.

7:59

Eine sozial ängstliche Person hat umgekehrt zwar keine sensorischen Probleme, zieht sich aber in einer stressigen sozialen Situation aus Angst, beurteilt oder verurteilt zu werden zurück.

8:12

So ähnlich wie mit den Ängsten verhält es sich übrigens auch mit Zwängen oder zum Beispiel mit der Hypervigilanz. Es gibt einige Symptome und Eigenschaften, die typisch autistisch sind, die jedoch auch andere Ursachen haben können.

8:27

Gerade Hypervigilanz kann nämlich auch als Traumafolgestörung auftreten. Dieser Begriff steht übrigens für eine Superwachheit. Es ist eine stark erhöhte Aufmerksamkeit die Bereitschaft, jederzeit auf einen unerwünschten Reiz irgendwie reagieren zu können, wie zum Beispiel sich vor einer unerwünschten Berührung wegducken zu können.

8:51

So gibt es mehrere Symptome, die im Grenzbereich anderer Diagnosen auftreten und zugleich typisch für Neurodivergenz sein können. Übrigens etwas, das Diagnostik in alle Richtungen sehr herausfordernd macht.

9:06

Nach diesem kleinen Exkurs in den Bereich der Komorbiditäten geht es jetzt wieder zurück zum eigentlichen Thema der heutigen Folge, nämlich der starken Reizwahrnehmung, der Reizüberflutung.

9:19

Im Spektrum gibt es auch das andere Extrem zur starken Reizwahrnehmung, eine extrem schwache Reizwahrnehmung. Weil ich darüber aber nicht aus eigener Erfahrung reden kann, lasse ich es bei dieser kurzen Erwähnung bleiben.

9:35

Aus eigener Erfahrung kann ich nur über die hohe Reizoffenheit sprechen, diese intensive, sinnliche Wahrnehmung vieler gleichzeitiger Reize, die viele neurodivergente Menschen verbindet.

9:47

Jene Filter, die bei neurotypischen Menschen dafür sorgen, Wichtiges von Unwichtigem trennen zu können, fallen bei uns sozusagen weg. Das erklärt womöglich, warum wir uns nach reizarmen Umgebungen sehnen.

10:02

Wenn mich also eine Freundin ins Restaurant einladen will, juble ich nicht, wie es vielleicht andere Menschen tun würden, sondern denke, wie komme ich jetzt, ohne sie zu verletzen, wieder aus dieser Nummer heraus.

10:17

Restaurants bedeuten für mich, dass ich nicht nur etwas essen sollte, das ich nicht selbst zubereitet habe? Und hier kommen bei mir noch meine Unverträglichkeiten ins Spiel.

10:28

Es bedeutet aber vor allem, dass ich mich in einer nicht kontrollierbaren Umgebung aufhalten soll, die mir fremd ist und die mich in vielerlei Art, Reiz überfluten wird.

10:41

Olfaktorisch ebenso wie akustisch und visuell. Ich habe im Voraus und in Echtzeit keinen Einfluss darauf, wie sehr mich das alles stressen wird. All das ist ja auch immer unterlegt mit menschlichem Dauergemurmel und womöglich noch mit Musik.

10:59

Wie soll ich mich da auf meine Gesprächspartnerin einlassen und konzentrieren können, die ich womöglich nicht mal akustisch wirklich gut verstehen kann, weil es so laut ist.

11:10

Doch dazu wären wir ja eigentlich hier. Naja, Genuss geht anders.

11:17

Die Erfahrung zeigt, dass ich mich für ein paar Stunden sehr intensiv zusammenreißen kann, doch hinterher bin ich so erschöpft, dass ich jedes Mal vor solchen Aktionen sehr abwäge, ob ich den Preis dafür hinterher zu zahlen bereit bin oder auch kann.

11:34

Einen Tag Nachbearbeitung und Reizverarbeitung für ein paar Stunden Reizüberflutung im Restaurant. Ist das der Preis wert? Ja, ich mag Musik, aber nicht das Hintergrund mit Menschengemurmel im Vordergrund.

11:49

Und auch Menschen mag ich, aber nicht in dieser geballten Ladung. Natürlich mag ich auch essen, aber bitte nicht tausend Gerüche gleichzeitig. Ein Restaurantbesuch ist in mir drin ein stetiger Kampf zwischen Contenance bewahren und Fluchtimpuls.

12:06

Inzwischen kommt es dazu aber zum Glück kaum mehr, da ich schon im Voraus meine Grenzen anspreche.

12:14

Nach längerer sensorischer Reizüberflutung bekomme ich zuweilen Kopfweh und meine Histaminintoleranz wird noch intoleranter und zickiger als sonst. Vor allem aber kann ich nicht abschalten, mich nicht entspannen und nicht einfach einschlafen, weil das Herz gefühlt rast.

12:32

Im Kopf dreht sich eine Endlosschleife, in der die Gespräche und Begegnungen repetiert werden. Wieder und wieder.

12:41

Inzwischen sage ich immer häufiger, wenn ich nicht mehr kann. Immer häufiger erlaube ich mir, zu diesem Bedürfnis und zu jener Grenze zu stehen. Ich gestalte von vornherein das Setting für ein Treffen mit.

12:55

Am liebsten im privaten Raum. Das wissen inzwischen die meisten Menschen in meinem Freundinnenkreis. Doch in der Verwandtschaft besteht leider wenig Verständnis für meine Situation und für meine Begrenztheit.

13:09

Dazu kommt meine, im Grunde unberechtigte, Scham für mein So-Sein. Auch darum bevorzuge ich meine Wahlfamilie. Da kann ich einfach sein, wie ich bin.

13:20

Das Vorurteil, AutistInnen seien nicht sozial, wird durch Situationen wie der eben geschilderten gefüttert. Dabei sind wir gar nicht nicht-sozial, sondern nur anders-sozial.

13:34

Ich persönlich mag das Kleine, das Unmittelbare, das Authentische, das Reizarme, leise Umgebungen. Und wenn das gegeben und wenn das möglich ist, bin ich durchaus sozial, wenn auch in einem befristeten Zeitfenster und in vielleicht nicht immer ganz für alle nachvollziehbarem

13:57

AutistInnen können den öffentlichen Raum selten genießen, denn die Fülle ist einfach zu groß.

14:05

Manchmal denke ich, dass uns der öffentliche Raum behindert, denn wenn Menschen aus dem öffentlichen und sozialen Leben ausgeschlossen werden, weil sie die Reize und den Lärm nicht ertragen, ist das für uns faktisch behindernd.

14:19

Wir sind behindert, weil wir behindert werden, salopp gesagt. Wenn wir uns immer weiter anpassen und verbiegen, wird sich daran nichts ändern. Ich bin darum so froh, dass wir nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor zehn Jahren.

14:34

Dass es inzwischen eine Blase gibt, dass es andere Menschen gibt, dass ich andere Menschen kenne, die gerade ähnliche Erfahrungen sammeln. Sich vernetzen, darüber reden und sich austauschen hilft.

14:48

Unser Bedürfnis ernst zu nehmen hilft. Weiterzumachen hilft.

14:54

Und das war's auch schon für heute. Fortsetzung folgt. Und falls ihr konkrete Fragen und Themenwünsche habt, schreibt mir bitte gern. Ich bin offen für Anregungen und Rückmeldungen aller Art.

15:06

Ich danke euch herzlich fürs Zuhören. Ciao und bis zum nächsten Mal.