Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 14. Podcast. Heute erzähle ich euch etwas über die Versuche unterschiedliche menschliche Wahrnehmungen fassbar zu machen.
Ich habe in den letzten Jahren fast jeden Selbsttest zum Thema ADHS und Autismus gemacht, den ich finden konnte. Dabei sind mir solche und solche begegnet. Manche haben mich insbesondere darum überzeugt, weil sie nicht von sondern schlicht von Unterschieden ausgegangen sind.
Manche wirkten auf mich veraltet, auf Jungs und Männer fokussiert, eher unsensibel formuliert und waren dazu eher defizit- und störungszentriert. Doch allen Tests ist ein Ziel gemeinsam.
Sie wollen mittels gezielter Fragen die zentralen Unterschiede zwischen normtypischen und neurodivergenten Hirnen herausfinden, fassbar machen. Da es bisher keine verlässlichen Biomarker in der neurodivergenten Diagnostik gibt, braucht es weiterhin Fachleute und Tests, die eine Diagnose möglich machen.
Der oft gehörte Vorwurf an uns Menschen im Spektrum, heute seien ja alle irgendwie neuro-irgendwas, den ich immer mal wieder höre, tut mir jedes Mal von neuem weh. Dabei haben wir doch heute endlich dieses große Privileg, die menschliche Psyche mehr und mehr zu entschlüsseln, zu verstehen.
Ich denke an diese Stelle oft an meine Mutter, die, davon gehe ich mit meinem heutigen Wissensstand stark aus, ebenfalls autistisch war. Wie gut wäre es gewesen, wenn sie das schon in ihrer Kindheit und Jugend gewusst hätte.
Wie viel Verbitterung und Isolation wäre ihr womöglich erspart geblieben. Oder auch mir selbst. In den 60ern geboren, in den 70ern groß geworden, gab es damals bestenfalls autistische Jungs.
Für Mädchen war anders sein nicht vorgesehen.
Dank Internet haben wir heute ein großartiges und zugleich fatales Hilfsmittel zur Hand. Richtige und auch falsche Informationen verbreiten sich in der Zerkunden. Herauszufinden, was richtig ist, ist nicht immer einfach.
Ich halte mich möglichst an überprüfbare, wissenschaftlich fundierte Quellen. Die Forschung macht Fortschritte, die Praxis hinkt leider immer hinterher. Gerade auch bei neuen Diagnostikmethoden und Tests.
Das hat damit zu tun, dass vieles, was erforscht wird, erst im Praxistest im Kleinen bestehen muss, bevor es in die allgemeine Praxis aufgenommen wird. Medikamente und Tests brauchen darum oft Jahre, bis sie an der Basis ankommen.
Also wird in der aktuellen Autismusdiagnostik noch immer mit über 20-jährigen Tests gearbeitet. Zufällig, als ich über AU-DHS recherchierte, diese noch immer schwer fassbare Kombi aus ADHS und Autismus, bin ich auf YouTube auf eine Vloggerin gestossen, die über unterschiedliche Testverfahren bei Autismus referiert.
Ein Thema, das mich brennend interessiert. Gesundheitsthemen, vor allem mentale Gesundheit, interessierten mich sowieso schon immer und Neurodivergenz ist längst eines meiner Spezialinteressen geworden.
Die Vloggerin und Autorin Eva Baumann hat bei mir also offene Türen eingerannt. In ihrer sehr ruhigen, unaufgeregten und angenehmen Art stellt sie in drei Folgen, die ich in den Infos verlinken werde, verschiedene Tests und deren Vor- und Nachteile vor.
Dabei erwähnt sie auch, wie die Tests, die sie vorstellt, entstanden und ob sie unsensibel oder sensibel formuliert sind. Falls du je Tests wie den Autismus-Quotient-Test oder ähnliche gemacht hast, ist dir vielleicht aufgefallen, dass die Fragen nicht nur oft defizitorientiert, sondern noch öfter sehr unklar gestellt werden.
Ebenso oft wird von einer männlichen Norm ausgegangen. Unklar finde ich Fragen besonders dann, wenn sich Vergleiche zu Normen anstellen, die mir nicht vertraut sind und ich darum gar nicht wirklich machen kann.
Solche Fragen können auch nur normtypische stellen, denke ich in solchen Situationen. Und ich finde sie schlicht unlogisch. Eva Baumann erwähnt das alles. Die Tests aus ihren ersten zwei Folgen kannte ich fast alle.
Den einen, den ich noch nicht kannte, holte ich sofort nach. Die dritte Folge fand ich für mich persönlich am relevantesten. Worüber sie sprach, war für mich wie ein Nachhausekommen.
Eva Baumann erzählt in der dritten Folge über Monotropismus. Den Begriff hatte ich wohl von da und dort gehört, mir aber darunter nichts vorstellen können.
Ich fasse hier kurz zusammen, was ich inzwischen darüber weiß. Hört euch aber auch gerne ihren Vlog an. Sehr kurz zusammengefasst sind Monotropismus und Polytropismus in der Psychologie zwei Konzepte, die sich darauf beziehen, auf welche Weise Menschen ihre Aufmerksamkeit und Energie auf bestimmte Interessen und Aktivitäten konzentrieren.
Tropismus an sich bezeichnet, inwieweit sich ein Individuum an unterschiedliche Umgebungen, Lebensumstände oder soziale Kontexte anpassen kann.
So beschreibt Polytropismus flexible und vielseitige Personen, denen es leicht fällt, sich an unterschiedliche Situationen und Herausforderungen anzupassen.
Monotropismus beschreibt Menschen, die sich zwar mit unterschiedlichen Situationen und unerwarteten Herausforderungen eher schwer tun, die aber dafür gut darin sind, ihre Aufmerksamkeit intensiv auf bestimmte Themen oder Aktivitäten zu richten.
Monotropismus ist sozusagen typisch autistisch. Aber irgendwie auch typisch ADHS. Da muss seins aber auch erstmal drauf kommen, sich dieses Konzept zur Diagnostik für Neurodivergenz zunutze zu machen, dachte ich, als ich den Vlog hörte.
Den Begriff prägte die britische Autismus-Forscherin und Autorin Deana Murray. Monotropismus beschreibt die Tendenz, sich stark auf eines oder jedenfalls nur einige wenige Interessen zu fokussieren, während andere Bereiche des Lebens weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Willkommen zu Hause.
Eine monotrope Veranlagung kann zu einer tiefen Expertise und einem hohen Maße an Engagement in ausgewählten Bereichen führen. Das Phänomen der Spezialinteressen, wie es viele Menschen im Spektrum praktizieren, ist damit logisch begründet.
Im Gegensatz zu Polytropenmenschen, die ihre Aufmerksamkeit und Energie auf viele verschiedene Interessen und Aktivitäten verteilen, konzentrieren gemäss dieses Forschungsansatzes monotrobe Menschen ihre Energie auf wenige, dafür intensive Interessen.
Nachvollziehbar also, dass das Konzept des Monotropismus bei der besseren Erforschung von Autismus diskutiert wird. Denn vor dem Hintergrund der Spezialinteressen liegt als Umkehrschluss die Annahme, dass autistische Menschen monotrope Tendenzen aufweisen, auf der Hand.
Auch, dass diese Erkenntnis in die Diagnostik einfließen muss. Monotrop zu sein hat auch viele Nachteile, zumal die meisten Menschen an polytropen Reaktionen und Handlungsmuster gewohnt sind und diese besonders in der Arbeitswelt die Norm sind.
Weitere Herausforderungen und Schwierigkeiten sind zum Beispiel Aufgaben, die uns nicht interessieren und es uns darum an Anreiz fehlt. Gerade bei diesem Punkt sehe ich meine persönliche Schnittmenge zwischen Autismus und ADHS.
Das Konzept des Tropismus bietet einen alternativen Blick darauf, wie Menschen ihre Aufmerksamkeit und Energie verteilen. Das Wissen darum kann, sollte sogar dazu beitragen, das Verständnis für die individuellen Stärken und Herausforderungen von Menschen mit monotropen Tendenzen zu verbessern.
Schön wäre das, aber was weiß ich denn schon? Als ich den erwähnten Videobeitrag hörte, hatte ich dieses Kribbeln im ganzen Körper, das mir jeweils sagt, wenn etwas so richtig richtig mit mir zu tun hat.
Also klickte ich am Ende der Folge auf den darunter flinkten Autismus-Test. Die Fragen fand ich von Anfang an richtig gut. Sie sind treffend formuliert und auch die deutsche Übersetzung überzeugt mich.
Dass mich die Punktzahl ziemlich deutlich als Autistin definiert, überraschte mich nicht, denn die meisten Fragen konnte ich sehr eindeutig und ohne langes Nachdenken beantworten.
Anders als bei anderen Tests musste ich auch kaum überlegen, was gemeint sein könnte und ob ich hier und da für mich vielleicht eine alternative Definition der Frage finden müsste, eine weiblichere.
Es ist nicht nur dieses Wiedererkennen an sich, sondern weitere, tiefere Erkenntnis darüber, wie ich kicke und warum ich manchmal diese spezifischen, daraus resultierenden Probleme habe.
Im Sozialen ebenso wie bei zu tun Dingen. Auch die Schnittmengen zwischen Autismus und ADHS, wie sie das Konzept Monotropismus erklärt, kann ich für mich persönlich nur bestätigen.
Monotropismus erklärt mir, warum ich nicht einfach von A nach B switchen kann, warum mir Ausnahmen oft so schwerfallen und warum ich Zeit brauche, bevor ich eine Veränderung integrieren kann.
Es heißt für mich auch, dass ich endlich verstehe, warum es für mich so anstrengend und so schwierig ist, auf mehreren Kanälen gleichzeitig angesprochen zu werden. Wenn ich zum Beispiel auf den sensorischen Kanälen viele Eindrücke verarbeiten muss und gleichzeitig andere Informationen auf mich einströmen, jemand sagt etwas zu mir, auf das ich reagieren soll, bin ich hoffnungslos überreizt.
Ich wünschte mir, Dinge ausblenden zu können. Es gelingt selten und selbst wenn, filter ich doch manchmal die falschen Dinge weg und verpasse so das für mein Gegenüber Wesentliche.
Auch viel und fällt es mir schwer, wenn ich auf einer Spur bin, diese zu wechseln und auf eine neue, andere Aufgabe umzuschalten oder auf ein anderes Thema oder was auch immer.
Das erfordert von mir immer recht aufwendige, neue Ansätze, neue Pläne, ist energie- und arbeitsintensiv. Lieber drehe ich mich um jene Dinge, die ich kenne und die mich interessieren.
Darum fällt es mir auch schwer, mit etwas aufzuhören, das noch nicht fertig ist. Ich kann aber zum Glück und dank jahrelangem Training unterbrochene Dinge wieder aufnehmen.
Allerdings nicht einfach so, außer es handelt sich um meine Spezialinteressen.
Damit es doch gelingt, neue Dinge oder einen Wechsel von A nach B zu schaffen, brauche ich oft mehrere Anläufe und Erinnerungen, sonst verschwinden sie einfach aus meinem Fokus, da ich die Dinge eher hintereinander wahrnehme, als nebeneinander.
Auch das ist Monotropismus, begreife ich bei meinen Recherchen. Weil mich das Konzept Monotropismus nicht mehr loslässt, denke ich fast ständig darüber nach, wie und wo es sich in meinem Leben zeigt.
Mir fällt beim Spazieren auf, dass ich buchstäblich mit einer Art Tunnelblick durch die Welt gehe. Damit meine ich aber weniger, dass ich alles wegfilter, was mich stört und reizt, was ich leider nicht wirklich kann.
Ich wie mit einem durch die Handykamera scharf begrenzten Blick auf die Welt schaue und immer nur genau diesen einen Ausschnitt betrachte. Ich betrachte durch die Linse das, was mich interessiert.
Alles andere ist aber natürlich trotzdem da, am Bildrand mein Handykamera, aber ich nehme meine Umwelt ganz oft als ein lautes, störendes, meist reizbeflutendes Hintergrundrauschen war.
Dank des Tropismus-Konzeptes erkenne ich, warum ich kaum Energie für andere Aufgaben aufbringen kann, wenn ich in ein Thema eingetaucht bin. Im Rückblick verstehe ich viele schwierige Arbeitssituationen und meine latente Überforderung, wenn ein rascher Wechsel, Mail, Telefon, Action, Reaktion von mir gefordert war.
Es war ja nie eine intellektuelle Überforderung, sondern eine meine Hirnstruktur betreffende sozusagen. Ich konnte die Dinge ja nicht nicht, aber ich verstehe jetzt tiefer, warum es für mich so anstrengend war und ist und warum ich dringend Routinen brauche.
Sie beruhigen mich. Gern illustriere ich euch, wie ich Monotropismus im Alltag beim Kochen und Einkaufen erlebe. Doch zuvor noch ein kleiner Rückblick. Vor der ADHS-Diagnose war beim Körperzeitraumgefühl auf eine Weise grenzenlos, die ich schwer erklären kann.
Vielleicht so, ich nahm mich und den Raum als nach allen Seiten offen oder zumindest durchlässig, ohne klare Grenzen wahr. Auch nahm ich alles gleichzeitig und gleichwertig wahr.
Ich konnte darum schnell auf alles reagieren, dazu dank lebenslangem Masking und Training auch relativ adäquat. Ich konnte agieren, reagieren, interagieren, war eine Genreerin vieler Bälle und sah zugleich, wo mein Partner seine Brille abgelegt hatte und wusste, dass im Kühlschrank keine Karotten mehr waren.
Wenn wir zusammen kochten, rechnete ich die Bewegungen des Liebsten in unserem Tanz durch die Küche mit ein, so dass das kaum zu zusammenstößen kam, wenn wir herumwirbelten.
Was ich da konnte und hatte, war eine Art Mix aus Aselperspektive und Superhirn, was vielleicht cool klingt, aber im echten Leben verdammt anstrengend ist. Dauerreiz, Dauerstress, Dauerlärm.
Als ich vor anderthalb Jahren damit begann, ein Medikament zur Unterstützung meiner ADHS zu nehmen, schaltete das Hirn recht schnell um und reduzierte meine Reizoffenheit.
Ich sah nicht mehr alles, ich hatte auf einmal Grenzen. Und, wen wundert's, ich wurde schlagartig vergesslich. Diese vermeintliche und sehr anstrengende Superpower, die ich vorhin erwähnt habe, fiel in sich zusammen.
Sie war eine Reaktion, eine Überanpassung meines Hirns auf die Alltagsherausforderungen gewesen und hatte mich mein ganzes bisheriges Leben begleitet. Mit dem Einsatz neuer Filter, die mir mein Medikament ermöglicht, wurde ich quasi in vielerlei Hinsicht zurück auf Anfang gestellt.
Mein Hirn wurde neu kalibriert.
Das Hauptziel des Coachings, das ich parallel zur Medikationseinstellung bekam, war darum, mir neue Strategien zu erarbeiten, mir Prozesse neu bewusst zu machen, neue Automatismen zu erfinden.
Es galt, da ich endlich nicht mehr vom ständigen Dopaminmangel fremdgesteuert war, eigene, selbstbestimmte Abläufe zu entwickeln und darum auch eigene Wege gegen das Vergessen zu entdecken.
Inzwischen schreibe ich mir definitiv mehr auf als früher, damit ich nichts vergesse, doch die neuen Abläufe haben sich inzwischen etabliert und ich weiß inzwischen auch, dass ich mir Sachen anders als früher merken kann.
Eine der für mich größten, wertvollsten Segnungen der Medizin ist, dass ich mich nicht mehr durchlässig und ohne Grenzen fühle, sondern Anfang und Ende meines Selbst wahrnehme und so auch die Gefühle anderer nicht mehr immer zu meinen eigenen machen muss.
Ebenfalls verändert hat sich, dass ich die Bewegungen anderer Menschen nicht mehr in meinen eigenen Bewegungsvorgang voraussehen und einplanen kann. Ich habe die Adlerperspektive verlassen und das Super-Hirn verloren.
Nun bin ich auf Augenhöhe. Es mag wie ein Verlust klingen, für mich ist es eine große Erleichterung. Es hat viel Tempo aus meinem Alltag herausgenommen. Die ADHS-Symptome sind generell weniger geworden.
Zwar bin ich noch immer ein eher hibbeliger Mensch, aber die Filter im Hirn haben zum Beispiel auch mein ADHS-typisches Suchteln nach immer neuen Impulsen sehr heruntergefahren.
Zwischen ADHS und Autismus gibt es sowohl Schnittmengen als auch Gegensätze. Dieses Suchen nach Impulsen ist im Grunde etwas, das dem Autismus ziemlich zuwiderläuft und doppelt stressig macht, weil es in mir drin ein Hü und ein Hot ist, ein Ziehen in zwei unterschiedliche Richtungen.
Mit dem Wegfallen der hauptsächlichen ADHS-Symptome, so empfand und empfinde ich es heute im Rückblick auf diese letzten anderthalb Jahre, ist das autistische Sein in mir mehr in den Vordergrund getreten.
Bei mir stach ADHS-Autismus, überdeckte ihn. Ich lerne mich, auch dank Coaching, neu, anders, besser kennen und kann manche Eigenschaften erst heute zulassen.
Damit schließe ich den kleinen Rückblick ab und lade euch in meine Küche ein. Ich erzähle euch gern, wie sich dort mein monotropes Handeln manifestiert. Früher, vor dem Medikament, konnte ich wegen des erwähnten Aderblicks und Superhirns, sprich, weil ich es mir so antrainiert hatte, gleichzeitig kochen, aufräumen und sprechen.
Heute geht das wegen der Filter fast gar nicht mehr. Wenn ich etwas koche, das ich schon oft gekocht habe, kann ich zwar noch immer gut mehrgleisig fahren, vorheizen, aufräumen, dies und das, aber sobald es um ein neues Rezept geht, was ich so liebe und brauche, als zugleich latent stressig empfinde, brauche ich ein einspuriges Bahnnetz in der Küche.
Wenn ich Besuch habe, der Liebste oder Freundinnen, wähle ich inzwischen etwas, worin ich routiniert bin. Und dann wird delegiert und das Reden meinerseits auf ein absolutes Minimum reduziert.
Keine tiefen Gespräche, bestenfalls reden wir darüber, wer was schneidet und wie etwas zubereitet wird. Ein zweites praktisches Alltagsbeispiel ist der Einkauf. Ohne Listen bin ich aufgeschmissen und in Läden, in denen ich noch nie war, ebenfalls.
Aufgeschmissen heißt extrem herausgefordert, oft überfordert und danach in der Regel total erschöpft. Im Alltag nutze ich darum eine Einkaufslisten-App. Bevor ich diese hatte, habe ich mir Einkaufstitel vorgedruckt, die ich aus Excel-Tabellen gestaltet hatte.
Alles, was ich immer wieder brauche, listete ich in der Reihenfolge meines Gangs durch den am meisten besuchten Supermarkt auf. Vor dem Einkauf kreuzte ich jene Dinge an, die ich einkaufen wollte.
Auch die App nutze ich auf diese Weise. Beim Einkauf arbeite ich die das heißt, ich gehe durch den Laden und lege die Dinge der Reihe nach in den Korb oder Wagen. Habe ich keine Listen, stehe ich in einem Laden und bin schon nach einer Minute überfordert.
Ich weiß vor lauter Reiz nicht, wo ich anfangen soll, laufe dann erst einmal durch alle Gänge, auf und ab und suche mir einzeln ein Ding nach dem anderen zusammen. Denn auch im Laden gehe ich mit dem schon erwähnten Handykamera-Linsenblick durch die Regale.
Zwar höre und sehe ich alles gleichzeitig, aber so richtig sehe ich eigentlich nur das, was direkt und unmittelbar vor der Linse ist. Ich setze mir aus vielen einzelnen Stücken eine Art Gesamtbild zusammen.
Das ist in meinen Augen definitiv eine monotrope Sicht auf die Welt. Es ist eine Art Einbahnstraß der Wahrnehmung, die allerdings auch sehr intensiv ist. Von antrainierten Methoden mal abgesehen, erkenne ich mich grundsätzlich als sehr monotrop, auch was die Themen betrifft, die mich interessieren.
Darüber habe ich in der dritten Folge dieses Podcasts erzählt, obwohl ich bis dahin noch nie über Monotropismus nachgedacht habe. Ich zitiere Mein Verhalten und meine Interessen sind eher überschaubar.
Heute vermute ich, dass es der Tatsache geschuldet ist, dass ich nur Kapazität für ein gewisses Maß an Reizen habe. Das Kind, das ich war, hatte, so stelle ich es mir vor, wenn das Reiz fast voll war, seine Art Tunnelblick auf bestimmte, es interessierende Themen gerichtet und diese nach und nach etabliert.
Tatsächlich haben sich meine Interessen im Großen und Ganzen im Laufe meines Lebens nicht groß verändert.
Als ich das formulierte, wusste ich noch nichts über Monotropismus. Oder doch, aber noch ohne Fachbegriff. Mit Monotropismus bekomme ich eine Vorstellung dafür, warum ich gern immer wieder die immer gleichen Dinge tue, trage, anfasse, esse.
Was das Recherchieren im Rahmen eines Themas, das mich interessiert, für mich auch ist. Wissensbereicherung und Wohlbefinden in einem. Ich fühle mich gut und sicher, wenn ich an etwas, das mich interessiert, weiterforschen kann.
Dieses Sicherheitsempfinden, das eh mit Routinen und Ritualen einhergeht, bekommt, mit Blick auf Monotropismus, eine tiefere Dimension. So als würde ich mich und auch mein So-Sein immer besser verstehen, seit ich mich mit Monotropismus auseinandersetze.
Das Tropismus-Konzept hat mir weitreichende Aha-Momente beschert. Und ganz nebenbei finde ich auch das Wort an sich schön. Es ist ein warmes, flauschig-kuschelig-dunkelviolettes, fast schokoladenbraunes Wort für mich, das auf der Zunge eine leichte Süße erzeugt.
Und das war jetzt ein kleiner Ausschnitt in mein synästhetisches Empfinden.
Vielleicht ist Monotropismus sogar jene Eigenschaft, die den größten Unterschied zwischen Autistinnen und normtypischen Menschen ausmacht. Weshalb eben der Monotropismus-Selbsttest, den ich euch in den Infos zum Podcast verlinken werde, als ziemlich zuverlässiger Autismustest gilt.
Leider ist er noch nicht wirklich in den Diagnostikstellen angekommen. So, das war's für heute. In zwei Wochen geht es hier weiter. Für Fragen und Themenwünsche, für Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir gern.
Ich bedanke mich herzlich fürs Zuhören. Schön, dass ihr da seid. Ciao und bis zum nächsten Mal.