Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 23. Podcast. Obwohl mein Podcast AUDHS im Alltag heißt, habe ich bisher mehr über meine autistischen Herausforderungen gesprochen.
Was vermutlich damit zu tun hat, dass die ADHS-Diagnostik schon hinter mir liegt und ich diese Herausforderungen durch Coaching und Medikation sozusagen schon angepackt hatte, als ich mit diesem Podcast anfing.
Die Autismus-Diagnostik steht noch aus, sie fordert mich irgendwie mehr heraus, da ich unter dem Strich durch mein autistisch sein, bisher mehr Leidensdruck erlebt habe.
Allerdings sehr diffusen, unfassbaren. Erst durch den Autismusverdacht kam ich manchen Leidenssituationen überhaupt auf die Spur und konnte sie einordnen. Kurz, sie beschäftigte mich mehr.
Doch natürlich ist auch ADHS immer wieder ein großes Thema für mich, insbesondere wenn es um exekutive Funktionen geht. Oder eben exekutive Dysfunktionen, Alltagsdinge eben wie Selbstorganisation und Konzentration.
Diesmal soll es um den Mix aus beidem gehen, um AUDHS eben. Das ist kein offiziell von wissenschaftlicher Seite vergebener Name, doch in meiner neurodivergenten Blase im Perdiversum durchaus geläufig.
Bis vor wenigen Jahren haben sich, jedenfalls aus Sicht der Diagnostikerinnen diese beiden Diagnosen gegenseitig ausgeschlossen. Heute wissen wir allerdings, dass beide Besonderheiten zusammen auftreten können.
Dieses Wissen schlägt sich auch im neuen ICD, dem ICD-11, nieder, der offiziell schon eingeführt ist, in der Praxis aber noch immer von seinem Vorgänger ICD-10 verdrängt wird.
Neues Wissen, neue Erkenntnisse brauchen ja immer eine bis sie in den Praxen angekommen sind.
In einer NeuroDino-Podcast-Folge, die ich euch in den Infos zur Folge verlinke, spricht die Podcasterin Vanessa darüber, dass Menschen mit ADHS und Autismus generell eine höhere Gefährdung für Komorbiditäten aller Art haben.
Eben auch für eine weitere Diagnose im Neurodivergenten Spektrum. Es lohnt sich übrigens definitiv ihre Folge dazu anzuhören.
Dass ADHS-Betroffene auch autistisch sein können und dass AutistInnen auch ADHS haben können, ist nun also von Seiten der Forschung belegt. Das ist jetzt aber wieder so ein Huhn-und-Ei-Ding.
Was war zuerst? Hat ein Mensch zuerst ADHS und ist zufällig auch noch autistisch? Oder umgekehrt? Auch darüber wird gerade viel geforscht. Wie hoch die Prozentzahlen wohl sind?
Dazu habe ich unterschiedliche Zahlen gefunden. Studien legen jedenfalls nahe, dass zwischen 20 bis 50 Prozent aller AutistInnen auch die Kriterien für ADHS erfüllen, während 30 bis 80 Prozent der ADHSlerInnen autistische Merkmale zeigen.
Doch weil Diagnose-Modelle auf veralteten, starren Definitionen basieren, bleiben viele Menschen und diagnostiziert oder erhalten Fehldiagnosen. Wie gesagt, es sind Zahlen und es sind Zahlen, die sich vermutlich auch immer wieder verändern werden, je nachdem wie sich die Diagnostik weiterentwickeln wird.
Ich verlinke in den Infos zu dieser Folge einige Webseiten, auf denen ihr euch selbst schlau machen könnt. Solche Zahlen sind immer mit Vorbehalt zu genießen. Sie verändern sich laufend, je nachdem wie sich die Forschung weiterentwickelt.
Auch die Angaben, wie viele Prozent der Bevölkerung ADHS hat oder autistisch ist, verändern sich. Es gibt immer eine Dunkelziffer, dass sich ja nicht alle mit Verdacht auf Neurodivergenz diagnostizieren lassen können oder wollen.
Wer beide Diagnosen hat, hat andere Herausforderungen als ein Mensch, der nur die eine oder andere Diagnose hat. Obwohl es oberflächlich betrachtet einige Überschneidungen gibt, etwa die Reiztoffenheit, über die ich schon öfter gesprochen habe, sind doch die Auswirkungen von Reizen, nur so als Beispiel, unterschiedlich bei Autismus oder ADHS.
Neben den oberflächlichen Überschneidungen gibt es auch eine Reihe von vermeintlichen Gegensätzen, die ein Leben mit beiden Diagnosen oft sehr anstrengend und herausfordernd machen.
Und frustrierend, denn eigentlich ist inwendig, sehr oft ein einziger großer Interessenkonflikt handzuhaben. So sind Struktur und Routine sehr wichtig für AutistInnen, während es für Menschen mit ADHS schwierig ist, sich an eine Routine zu halten und einen strukturierten Alltag zu gewähren.
Das ist sehr belastend. Und wenn sich dann diese beiden Bedürfnisse in ein und derselben Person vereinen, ist das eben doppelt herausfordernd. Auch die Dissonanz zwischen dem ständigen Verlangen nach Reizinput bei ADHS und der schnellen Reizüberflutung bei Autismus ist für mich persönlich ein großer Stressfaktor, den ich dank meiner Medikamente inzwischen aber besser steuern kann.
AutistInnen bleiben normalerweise ihren Spezialinteressen auf lange Zeit sehr treu, doch wenn da ADHS mit im Spiel ist, verlieren sie ihr Interesse an Dingen schneller.
Wie ich an verschiedenen Stellen hörte und lese, wird eine Doppeldiagnostik oft lange übersehen, da sich verschiedene Symptomatiken beider Störungen in gewissen Situationen unterschiedlich, fast gegenteilig ausgeprägt haben.
AuDHS ist sozusagen sowohl die Summe als auch die Schnittmenge von Autismus und ADHS. Und ist natürlich nicht nur ein Zusammentreffen von Gegensätzen wie z.B. Routine kontra Neues.
Die Realität ist viel komplexer. AUDHS ist also nicht einfach nur die Summe. Es ist eine ganz eigene Erfahrung, in der sich die beiden Neurotypen sowohl beeinflussen als auch überlappen und oft eben auch widersprechen.
Leider werden die Diagnosen von den meisten Fachpersonen noch immer separat diagnostiziert und behandelt. ADHS-Gehirne werden durch interessebasierte Motivation gesteuert, eher nicht durch Routine und sie Sie gedeihen auf der Basis von Neuheit, schnellem Denken und Bewegung.
ADHS-Gehirne kämpfen mit Zeitblindheit, mit Impulsivität und Vergesslichkeit und können sehr sozial sein, haben aber dennoch oft Schwierigkeiten mit Grenzen und Impulskontrolle.
Autistische Gehirne werden eher durch Vorhersehbarkeit und sensorische Verarbeitung gesteuert. Sie bevorzugen Struktur, tiefe Konzentration und Konsistenz. Auch erleben autistische Gehirne sensorische Reize, wie Geräusche, Licht und Texturen, oft sehr intensiv oder auch sehr nicht intensiv, was dann eine Hyposensivität genannt wird.
Treffen diese beiden neurologischen Besonderheiten aufeinander, kommt es zu einem Verlangen nach Routine, aber mit der Schwierigkeit diese Routinen aufrechtzuerhalten. Es kommt zu einem Hyperfokus über Stunden, aber das Vergessen darüber, dass wichtige andere Aufgaben zu erledigen gewesen wären.
Dazu das Bedürfnis nach tiefen Gesprächen, aber zu einer raschen sozialen Erschöpfung. Die Suche nach sensorischer Stimulation führt rasch zu einer gleichzeitigen Überforderung.
Aber dem Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit steht das impulsive Durchbrechen der eigenen Pläne entgegen. Diese innere Widersprüchlichkeit macht AUDHS wie gesagt sehr komplex und auch sehr schwer zu diagnostizieren.
Als ich im Pediversum fragte, was denn für Menschen mit AUDHS speziell herausfordernd sei, meinte Elisheva, dass sie dank ihrer AUDHS sehr viel lerne und gelernt habe und dadurch von sehr viel mehr Dingen mehr Ahnung habe als der Durchschnitt.
Ich zitiere. Ich probiere sehr viel aus. Einkaufen ist anstrengend, so viele Reize. Ich brauche für so ziemlich alles einen Plan, To-Do-Listen, Erinnerungen. Um irgendwo anzurufen, brauche ich Stunden zur Vorbereitung.
Schreiben ist deutlich einfacher. Leider versteht nur keiner, weshalb ich nicht mal eben telefonieren kann und ich brauche auch viel länger für Entscheidungen als andere.
Außerdem bin ich aber auch weniger anfällig für kognitive Verzerrungen. Zitat Ende.
Eine weitere Rückmeldung aus dem Fediverse kommt von Hauch, der denkt, es sei sehr schwierig überhaupt zu wissen, welche Eigenschaft man welcher Kategorie, also welcher Diagnose zuordnen solle.
Und zwar nicht nur, weil es auch immer wieder und manchmal auch auffällig viele Ausnahmen gebe, auf die Eigenschaften zutreffen. Beispielsweise hätten ADHS-Lehrerinnen ähnliche Probleme im sozialen Bereich wie AutistInnen.
Ich zitiere, was meine zweischneidigen Eigenschaften angeht, habe ich ein sehr energiehungriges und träges, schweres Gehirn. Ich kann mit der entsprechenden Menge Energie und ausreichend Vorlaufzeit lange am Stück viel erledigt bekommen, aber brauche auch eine relativ hohe Menge an Energie und manchmal viel Zeit, um überhaupt zu funktionieren und in die Gänge zu kommen.
Das zeigt sich auch bei meinem Gedächtnis. Ich kann mich tendenziell an viel auf einmal erinnern, brauche dann aber auch die entsprechende Menge an Energie, um mich an viel auf einmal erinnern zu können, weil die Informationen zusammenhängen und ich nicht einfach eine Information allein herausnehmen kann.
Auch abgerufene Informationen haben hier eine gewisse Trägheit, ein Gewicht, bleiben länger abrufbar, nehmen dafür aber auch länger Platz weg. Ich sehe hier einerseits den Vorteil, dass ich weniger zu vergessen scheine, als viele Menschen, die nur ADHS haben, da ich Informationen zwar nicht mehr im Sinn habe, aber mich doch oft daran erinnern kann, was ich vergessen habe oder eine Information gefühlt an meinem Gehirn kleben bleibt.
Bei autistischen Menschen ohne ADHS scheint hier hingegen oft die Starthilfe zu fehlen oder benötigte Zeit scheint schlechter durch mehr Energieeinsatz ausgleichbar. Ich weiß, dass eine gewisse Sturheit oder Entschlossenheit oder auch Trotzigkeit sowohl mit Autismus als auch mit ADHS in Verbindung gebracht werden und stelle hier auch immer wieder Unterschiede zwischen mir und vielen anderen fest.
kann diese aber schlecht zuordnen. Zum Beispiel, ab wann und warum werden Herausforderungen motivierend statt zu anstrengend? Oder ab wann und warum verkehrt sich geringe Frustrationstoleranz im besonders starken Trotz und eine Jetzt-erst-Rechthaltung?
Hier scheint ein Zusammenspiel aus ADHS und Autismus sowohl das eine oder andere begünstigen zu können, aber ich weiß auch nicht, wie sehr hier sowohl Adeheis und Autismus zusammen nötig sind.
Frau Lichtscheu schreibt mir, ich weiß nicht, inwiefern ich berechtigt bin, hier etwas beizutragen, da ich nicht offiziell diagnostiziert bin. Falls doch, es geht schon damit los, dass ich Routinen brauche und gleichzeitig hasse, weil sie mich sehr schnell langweilen.
Wie gut ich das kenne, schreibe ich ihr zurück. Es ist mein roter Faden, sozusagen.
Sonja, die ich im Podcast schon wiederholt zitieren durfte, schreibt zum Thema, dass für sie Chaos vs. Routine generell gleichzeitig Stärke als auch Schwäche sei. Ich zitiere.
Routinen überhaupt zu entwickeln und aufrecht zu erhalten, fällt mir trotz ADHS durch den Autismusanteil leichter. Dafür geraten sie recht fix und flexibel und Abweichungen sind dann eine Herausforderung.
Generell kostet der Struggle, dauernd Gegensätze im eigenen Hirn zu überwinden, eine unfassbare Menge Energie. Die Gedanken dazu von Hauch, Klammer, die ich vorhin zitiert habe,
finde ich hilfreich und möchte noch hinzufügen, dass mein Gehirn das sehr selektiv macht mit dem Aussuchen, welche Gedanken kleben bleiben in der Erinnerung. Und besonders der erwähnte Spagat oder Kipppunkt zwischen Anstrengung und Motivation und Frustration und Trotz lässt bei mir was anklingen, wobei ich da schwer zuzuordnen finde, was zu ADHS und was zu Autismus gehört.
Am Ende ist es egal, es ist meiner Meinung nach eh ein mehrdimensionales Spektrum. Zitat Ende. Ich danke euch herzlich für eure Beiträge, liebe Fediverse GefährtInnen. Vor einem Jahr, als ich mir klar machen musste, dass mit der ADHS-Diagnose nicht einfach mein umfassendes So-Sein erklärt ist und dass auch die im ADHS-Coaching gelernten Strategien und auch nicht die Medikamentierung wirklich bei Overload-Situationen helfen, ließ ich endlich den Gedanken zu, dass der Autismusverdacht meiner ADHS-Ärztin eben schon berechtigt sein könnte.
Ich erstellte für mich eine Grafik, die meine unterschiedlichen Eigenschaften versuchte, entweder ADHS, Autismus oder aber der Schnittmenge zwischen den beiden Diagnosen zuzuordnen.
Die Grafik zeigt die zwei Kreise. Der linke Kreis ist mit Autismus Spektrum übertitelt, der rechte mit ADHS. Die Kreise haben eine Schnittmenge. Mein persönlicher Autismuskreis hat folgenden Inhalt.
Hoher Ruhebedarf, generell tiefes Stresslevel, gern im Rückzug leben, im Schneckenhaus, im Kokon. Regeneration am besten allein oder nur mit Partner. Natur hilft bei der Regeneration.
Bemerken, wahrnehmen kleiner Details, die andere nicht sehen. Hoher Bedarf an Struktur, Regeln, Routinen und Planung. Vorhersehbarkeit, Wiederholung. Veränderung von Abläufen ist sehr Stressig.
Vorbereitung und klare Abmachungen sind wichtig. Berührung und Anfassen mancher Dinge wird als sehr unangenehm empfunden. Unangekündigtes Berührtwerden ist unangenehm. Augenkontakt ist kein natürliches Bedürfnis.
Oftmaliges Nichtverstehen von Ironie und oder sozialen Codes.
Mein persönlicher ADHS-Kreis hat folgenden Inhalt. Indere Hyperaktivität und Impulsivität. Grenzenlosigkeit, überbordende Grenzen.
Hoher Stimulations- und Inspirationsbedarf.
Exekutive Dysfunktion und Chaos-Tendenz bei Umsetzung von Plänen und im Haushalt in Sachen Ordnung.
Unterstimulation erzeugt soweit Unkonzentrierbarkeit und Unkonzentriertheit und fördert Ablenkbarkeit und Fehlerbereitschaft. Zeitblindheit. Auf einmal ist ganz viel Zeit vergangen.
Meine Motivierbarkeit bei uninteressanten Aufgaben ist oft sehr schwierig. Gleichzeitige Wahrnehmung von Ereignissen, was das Priorisieren von Aufgaben sehr schwierig macht.
In meinem Schnittmengenbereich stehen folgende Begriffe.
Hyperfokus, Reizoffenheit, Reizempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen, Lärm, Geruch, Gestank und Berührungen. Reduzierte Energiereserven Synesthesie und Mirror-Touch Dauerhafte anstrengende Anpassungsleistung Masking Ablehnungsangst und Ablehnungsempfindlichkeit Soziale Ängste, Beziehungsfindung und Pflege Stimming Heute weiß ich, dass ich in Sachen soziale Ängste einiges auseinanderdröseln muss und nicht einfach eine generelle soziale Angst bei all meinen sozialen Problemen die Ursache ist.
Einiges oder gar vieles ist autismusbedingt. Es war ein großes, weites Thema und ich habe das Gefühl, es nur ein ganz klein wenig angeschritten zu haben. Es gäbe noch so viel dazu zu sagen und ich wachse da ja erst noch tiefer hinein.
Sehr spannend wäre beispielsweise auch ein Blick in die neuen Erkenntnisse der Genetik, um so mehr über den vererbbaren Zusammenhang beider Diagnosen zu erfahren. Dazu müsste ich allerdings viel tiefer eintauchen und vermutlich kennen sich da andere ohnehin viel besser aus.
Für heute habt ihr aber jetzt bestimmt genug Infos. Wie schön, dass ihr hier seid. Ich bedanke mich herzlich fürs Zuhören. Für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir bitte gern.
Ciao und bis zum nächsten Mal.