Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem vierten Podcast.
Heute mache ich nicht, wie geplant, dort weiter, wo ich das letzte Mal aufgehört habe. Von den weiteren vier Punkten auf Clara Törnwallls Liste und was sie für meinen Alltag bedeuten, erzähle ich euch das nächste Mal.
Heute geht es um ein Thema, das mich schon sehr, sehr lange beschäftigt. Dass dieses letztlich natürlich auch mit den sieben Listenpunkten korrespondiert, von denen ich euch in den letzten Folgen erzählt habe, wird euch vermutlich nicht wundern.
Heute soll es um Perfektionismus gehen. Wenn du immer die bist, die irgendwie aneckt und anders ist, willst du wenigstens nicht immer die sein, die immer Fehler macht. Das ist in Kurzform ein Versuch zu verstehen oder verständlich zu machen, warum ich schon von klein an alles immer richtig machen wollte.
Es ist, so denke ich heute, einerseits kein typisches neurodivergentes Thema, denn ich kenne auch andere Menschen mit Perfektionismus-Problemen, die wohl eher nicht im Spektrum von ADHS oder Autismus leben.
Andererseits sind solche Themen, wenn sie Menschen aus dem neurodivergenten Spektrum betreffen, doch noch anders gelagert, als wenn sie Menschen ohne Autismus oder ADHS betreffen.
Und zwar, weil wir einfach anders reagieren, anders agieren, wenn wir eine Aufgabe lösen. Meine eher flapsige Erklärung von eben, dass wir eben nicht immer die sein wollen, die Fehler machen, ist allerdings natürlich nur eine kleine Teilantwort.
Einen weiteren Aspekt für Perfektionismus habe ich bereits in den letzten Folgen erwähnt. Die meisten AutistInnen lieben Strukturen und exakte Abläufe. Manche zählen auch exakte Wissenschaften zu ihren Spezialinteressen.
Alles, was von diesen für uns irgendwie perfekt austarierten Strukturen abweicht, ist somit unperfekt und bringt das ganze Gefüge, das wir uns aufgebaut haben, durcheinander.
Je nach Art dieser Störung kann das mehr oder weniger belastende Konsequenzen für uns haben. Wir gehen beim Austarieren unserer Abläufe von einer Art Ideal als Massstab aus.
Wir stellen uns Abläufe exakt vor und freuen uns, wenn alles genauso wie wir es uns vorgestellt haben, funktioniert.
Unser jeweiliges Ideal füttert unsere Bedürfnisse nach Perfektionismus. Den Maßstab, den ich dabei an mich selbst anlege, kann ich, so lehrt es mich die langjährige Lebenserfahrung, natürlich nicht bei anderen anlegen, auch wenn ich es mir insgeheim wünsche.
Ja, klar, ich wünsche es mir, dass auch die anderen sich an meinen Maßstab halten würden. So entsteht in mir drin eine fortwährende Diskrepanz. Eine, einerseits mit mir selbst, weil ich meinen Ansprüchen selbst nicht genügen kann, und andererseits eine äußere.
Eigentlich sogar eine doppelte, denn natürlich genügt auch die Welt da draußen meinen Idealen und Ansprüchen nicht und bringt mich dadurch immer wieder in eine Schieflage.
Erschwerend kommt dazu, dass ich diese Schieflage nicht beeinflussen kann, was zu einer Art Rückkopplung in mir drin führt. Je weniger ich das Draußen beeinflussen kann, desto mehr strenge ich mich an, es wenigstens in mir selbst zu schaffen, eine Art Ideal zu erreichen.
Dass sich meine Ideale nicht nur auf mich persönlich auswirken, sondern auch auf nahe Beziehungen, ist vermutlich nachvollziehbar. Je näher mir eine Person ist, desto mehr wünschte ich mir, dass sich unsere Beziehung meinem Ideal annähert, das ich von der Beziehung habe.
Nämlich absolutes authentisch sein, denn das ist eine der Ansprüche, die ich auch an mich selbst habe.
Perfektionismus ist ja nicht nur, alles richtig und fehlerlos zu machen, sondern eben auch, eine ideale Haltung im Leben zu haben, mich den Dingen und den Menschen gegenüber richtig, ideal zu verhalten, meiner Ethik und meinen Werken gemäß zu denken, zu handeln, zu fühlen, quasi kompromisslos und untäterlich.
Ja, so irgendwie. Klingt unerträglich. Klingt unerreichbar. Und vielleicht fühlt sich ja eine Spitzensportlerin, die mit Können, Training und Mentaltraining versucht, eine Medaille zu erreichen, so ähnlich.
Eine Daueranspannung. Eine unerträgliche Daueranspannung.
Und vermutlich ist das überhaupt mein einziger Ehrgeiz, den ich je hatte. Denn ansonsten bin ich ziemlich ambitionslos. Zufriedenheit war mir immer irgendwie das erstrebenswertere Ziel als die Top-Karriere.
Was aber ist dieser Perfektionismus überhaupt. Ich persönlich nehme ihn als meinen Versuch wahr, mich vor Verletzungen zu schützen, mich quasi unangreifbar zu machen. Ich frage mich ja zuweilen, ob ich ihn mir aus diesen und anderen Gründen angeeignet habe oder ob er sogar eine ureigene Eigenschaft ist, die ich als Persönlichkeitsmerkmal mit auf die Welt gebracht habe.
Eher denke ich allerdings ersteres. Eher eine Reaktion als eine Aktion, eher eine Überlebensstrategie als eine natürliche Eigenschaft.
Wenn ich feststelle, dass ich etwas nicht so gut hinbekomme, wie es meinem Ideal von mir entspricht, bin ich sehr enttäuscht von mir. Ich fühle mich in solchen Situationen sehr schnell minderwertig und zwar oft unverhältnismässig zur objektiven Qualität.
Ein weiterer Aspekt von Perfektionismus ist für mich das Bedürfnis nach Überblick. Da ich wegen meiner neurodivergenzbedingten verminderten Reizfilterung und tendenziellen Reizüberflutung eher ein Mensch mit Blick fürs Detail bin, fällt es mir zuweilen schwer, das grosse Ganze zu überschauen und alle Zusammenhänge zu verstehen.
Aber genau das ist ein starkes Bedürfnis von mir. Ich will verstehen, wie alles zusammenhängt. Und es ist nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch ein Ideal von mir, alles was mich interessiert, verstehen zu können, verstehen zu wollen.
Ich sehne mich danach, alle Teile vollständig und in Ruhe betrachten zu können, um meine eigenen Schlüsse zu ziehen, zu begreifen, was wo hingehört, wo ich darin hingehöre, wie alles zusammenpasst.
Und natürlich weiß ich zugleich, dass das gar nicht möglich ist. So stecke ich eigentlich in der ewigen, dauernden Diskrepanz zwischen Ideal und Realität. Und das ist vielleicht sogar mein eigentlicher roter Faden, warum ich das Leben, das Menschsein an sich, so herausfordernd empfinde.
Weil eben nichts aufgeht, dass sich das, je nachdem, um welches Thema es sich handelt, schrecklich anfühlen kann, könnt ihr euch womöglich vorstellen. Was den Aspekt der Vollständigkeit betrifft, gibt es da noch einen Nebenaspekt, die Vervollständigung, die Vollendung.
Ein banales Beispiel, gefällig? Höre ich zum Beispiel einen Podcast, drücke ich erst dann Pause, wenn der Satz fertig ist. Ähnlich ist es mit Musik, oder mit einem Film, oder bei Hörbüchern, oder auch mit Mustern.
Habe ich irgendwo ein Muster entdeckt, egal ob bei Bodenplatten, Stoffen, Tapeten, oder im Laminat zu meinen Füßen, muss ich es erforschen, bis ich es vervollständigt und eingegrenzt habe, bis ich es durchschaue.
Das sind jetzt nur ein paar sehr kleine Alltagsbeispiele, doch das zieht sich durch alle Lebensbereiche. Egal, ob ich mich bei einem guten Gespräch, einem schönen Projekt oder beim Aufräumen der Küche zwinge, bis am Ende weiterzumachen, obwohl ich längst keine Energie mehr dafür habe oder bei der Arbeit, ich schaffe es fast gar nicht, mittendrin im Geschehen auf mich und auf meine Grenzen zu achten und abzubrechen.
wenn ich das von mir vorab definierte Ziel noch nicht erreicht habe. Ich fühle mich so sehr verantwortlich für das Geschehen, dass ich nicht gut auf mich aufpassen kann.
Ein Verwandter von Perfektionismus ist für Menschen, die gern möglichst wenig aneckern und möglichst gut sein wollen, übrigens das sogenannte Imposter-Syndrom, auch als Hochstaplerinnen-Syndrom bekannt.
Grundsätzlich kann es uns bei der Diagnostik überrumpeln mit Fragen und Zweifeln wie, das kann ja nicht sein, dass ich autistisch bin, ich bin bestimmt nur ein wenig eigen, merkwürdig und schließlich bin ich ja bis jetzt auch irgendwie klar gekommen.
Die Berliner Psychologin Katharina Ziob, die Autismus- und ADHS-Diagnostik betreibt, kennt dieses Phänomen sehr gut. Sie schreibt in einem Artikel, den ich euch in den Infos zu diesem Podcast verlinken werde, dass solche Zweifel sogar eher dafür als dagegen sprechen, autistisch zu sein.
Wir haben schließlich seit unserer Kindheit mit dem Anderssein zu tun und so viele Erfahrungen gesammelt, die unsere Selbstzweifel gefüttert haben? Warum also sollten sie uns hier verschonen?
Das Imposter-Syndrom findet bei uns weit offene Türen.
Ich kann es hier natürlich nur aus meiner eigenen Perspektive illustrieren. Da ist mein Bedürfnis, echt und authentisch zu sein, das ich oft für den Versuch, nicht anzuecken und auf Anhieb verstanden zu werden, geopfert habe.
Und natürlich bin ich nicht falsch und unecht, wenn ich maskiere, wenn ich mich anpasse, aber ich bin dann eben nicht ganz, ich bin nicht vollständig, wie es meinem Ideal entsprechen würde, über das ich vorhin gesprochen habe.
Damit habe ich eine sehr gute Basis für Selbstzweifel, denn mit dem Gefühl, nicht ganz und nicht ganz authentisch zu sein, kommen ja auch die Zweifel an meinen Wert. Wie ich bereits sagte, neige ich dazu und neigen auch andere Betroffene dazu, zu überkompensieren, indem wir noch härter arbeiten.
Meine Messlatte an mich selbst liegt sehr hoch.
Dieses Gefühl zu faken ist hartnäckig und mit dem wächst auch die Angst, dass jemand kommen und mich demaskieren könnte. Alle zeigen, dass ich gar nicht bin, wer ich bin und gar nicht kann, was ich kann.
Und damit werden ja sogar meine Selbstzweifel gerechtfertigt. Und dann Dann kommt da auch noch ein weiterer Cousin mit ins Spiel, der ewige Vergleich, denn andere können ja eh immer alles viel besser.
So viel Stress in meinem Kopf.
Und jetzt fällt mir sogar wieder ein, warum ich euch vom Perfektionismus und vom Imposter-Syndrom erzählen wollte. Dieser Podcast hier ist nämlich ein gutes Experiment für mich, mehr zu meinem Nicht-Perfekt-Sein zu stehen.
Denn ich bin natürlich alles andere als perfekt. Hochdeutsch ist meine erste Fremdsprache, die ich schriftlich zwar sehr gut kann, aber mündlich, naja, das hört ihr ja selbst.
Und auch aufnahmetechnisch bin ich zwar eine mittelgute Anwenderin, aber das hier ist ebenfalls nicht perfekt. Ich hoffe dennoch, ihr findet einige Anregungen über das Leben mit Autismus, die euch helfen, euch selbst und andere besser zu verstehen.
Das ist nämlich mein Hauptanliegen. Mehr zu diesem Thema und zu weiteren Gedanken, wie ich damit lebe, gibt es demnächst wieder auf diesem Kanal. Für Fragen und für Themenwünsche, für Anregungen und für Rückmeldungen aller Art, könnt ihr mir gerne schreiben unter janaluna at unbox.at Herzlichen Dank fürs Zuhören, Ciao und bis zum nächsten Mal.