Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem sechsten Podcast,
den habe ich übrigens inzwischen umbenannt. Der neue Untertitel lautet nun AUDHS im Alltag, also Autismus und ADHS im Alltag. Zwei Daseinsformen, die sich teils überlappen, teils widersprechen.
Doch davon ein anderes Mal. Heute geht es um artgerechte Haltung für Menschen im Spektrum. Anlass dazu sind jüngste Erfahrungen, die mich ins Grübeln gebracht haben. Im Fediversum, meinem Social Media-Universum, habe ich neulich eine kleine Umfrage gemacht, wie ein artgerechtes Leben für uns Menschen im Spektrum denn aussehen könnte.
Eigentlich war ich nicht wirklich überrascht, wie einig wir uns darin waren, in dem, was für uns gut wäre, und auch, wie sehr dieses Ideal von der Realität abweicht.
Darüber habe ich ja bereits in meinem vierten Podcast ausführlich erzählt. Ein neurodivergentes Hirn hat offensichtlich andere Bedürfnisse als ein neurotypisches. Es hat andere Ruhe- und andere Aktivitätsbedürfnisse.
Wir Menschen im Spektrum wollen sowohl unseren Bedürfnissen gerecht behandelt werden, als auch uns selbst respektieren und unsere Aktivitäts- und Ruhebedürfnisse so handhaben können, wie es für uns gut ist.
Ohne uns stets mit irgendwelchen Normen vergleichen zu können. Wir wollen die sein dürfen und die sein können, die wir sind. Genau so, wie wir sind. Egal ob es darum geht, dass wir uns weniger Reize wünschen, weniger Lärm, mehr Ruhe, mehr Toleranz.
Es geht letztlich immer darum, dass wir uns ernst genommen und respektiert wissen wollen. Und darin unterstützt, so zu sein wie wir sind. Ohne dass wir uns ständig verbiegen, rechtfertigen, erklären und anpassen müssen.
Wie schön das doch wäre.
Egal ob Ob du, der du zuhörst, im Spektrum bist oder nicht, unter dem Strich versprechen die bei meiner Umfrage genannten Dinge nicht nur neurodivergenten Menschen mehr Lebensqualität, sondern uns allen.
Ich meinerseits habe leider die Tendenz, all die sogenannten normalen Menschen und was sie alles so erledigen können und in einen einzigen Tag hineinpacken, zu bewundern, weil ich so etwas nicht kann.
Ich bewundere leider sehr oft, was ich selbst nicht kann. Einerseits ist das normal, aber andererseits führt das eben auch zu einer Schieflage in meinem Selbstwertgefühl.
Bei mir ist es eine sehr alte Schieflage, eine, die ich schon als Kind hatte, denn schon da hatte ich den Wunsch, einfach nur normal sein zu können.
Seit ich nach meinen Ausbildungsjahren meine ersten Festanstellungen hatte, arbeitete ich in Teilzeit, sprich mit wenig Geld, dafür mit relativ viel Regenerationszeit. Weil es einfach nicht anders ging.
Weil acht Stundentage bei mir nicht gehen. Ja, ab und zu geht's, aber nicht ständig, nicht fünf Tage die Woche. Damals wusste ich noch nichts von meiner Neurodivergenz, aber ich kannte mich schon damals so gut, dass ich wusste, wie dieses viele Untermenschen-Sein sich bei mir auswirkte.
War das Reizefass voll, wurde ich krank und oder depressiv, weil mir mein Körper und mein Geist eine Auszeit aufdrückten, und das leider so häufig, dass mich mein damaliger Chef, da war ich noch in Ausbildung und im Vollzeitmodus, ermahnen musste.
Heute weiß ich, dass meine Wahrnehmung und mein Umgang mit Reiz und Reizüberflutung nicht der sogenannten Norm entsprechen.
Also nicht von dieser von neurotypischen Menschen definierten, recht eng gehaltenen Norm des Menschseins.
Dass vieles, was ich für mich als normal gedacht hatte, von der Norm neurotypischer Menschen abweicht, wurde mir tatsächlich erst nach der Erkenntnis meiner Hochsensibilität vor etwa 18 Jahren bewusst.
als ich einmal mehr in einer Erschöpfungsdepression gelandet war. Einem autistischen Burnout, wie ich es heute nennen würde.
Ich hatte damals mit erwachsenen Menschen mit mehrfachen kognitiven und teils auch körperlichen Behinderungen gearbeitet und war zur neuen Gruppenleiterin vorgeschlagen worden.
Was mehr Verantwortung bedeutet hätte, was ich aber nicht wollte. Die Wochenendschichten überforderten mich, die Alltagsdienste waren zwar okay, aber noch mehr Verantwortung war für mich unvorstellbar.
Ich hatte mich gerade so langsam an mein neues Leben nach dem großen Trauma gewöhnt und mich einigermaßen wieder neu zusammengesetzt. Aber so fit, dass ich mehr und zu anderen Bedingungen hätte arbeiten können und wollen?
Nein, das war ich noch nicht. Ich fiel aus, weil ich einfach nicht mehr konnte, ließ mich einige Wochen krank schreiben und beschloss, statt der Beförderung einmal mehr zu kündigen.
Einige sehr gute Gespräche mit meiner tollen Chefin folgten, die mich zwar umstimmen wollte, aber auch verstand, was ich brauchte. In der Erholungszeit stieß ich auf einen Test über Hochsensibilität, der mich zweifellos mit einer sehr hohen Punktzahl als hochsensibel einstufte, obwohl ich, wie meistens, eher die weniger krassen Antworten angekreuzt hatte, wo immer das möglich war.
Ich recherchierte und las mich in das Thema ein und obwohl HSP ja keine wissenschaftlich fundierte Diagnose ist, war es für mich richtig gut, dieses Label jetzt zu und auch besser zu verstehen, warum ich mich wie fühle, warum ich so denke, so handle.
Und dass ich eben wirklich anders bin als diese sogenannte Norm. Darum war diese Erkenntnis für mich ein wirklich sehr wichtiger Meilenstein. Eine Art Neuanfang in meinem Selbstverständnis, ohne den ich auch meine Synesthesie nicht begriffen hätte.
Auch bei dieser war ich als Kind davon ausgegangen, dass die vielschichtige, sinnliche Art, wie ich die Welt wahrnahm, die übliche sei. Dass alle, bei Zahlen, Farben füllten und beim Betrachten von Menschen einen bestimmten Geschmack im Mund hatten oder Musik einen Geruch oder eine Farbe in ihnen erzeugte.
Dass nicht alle die Welt so wahrnahmen, hatte ich zwar schon als Kind irgendwie zu ahnen begonnen, denn ich war ab und zu gehänselt worden und ich hatte mich damit auch schrecklich allein gefühlt.
Dass ich das aber überhaupt nicht bin, nämlich allein, und dass dieses Phänomen sogar einen wissenschaftlichen Namen hat, war für mich eine richtig große Offenbarung. Ein weiteres Puzzleteil.
Noch später begriff ich, dass auch nicht alle anderen Menschen, die jemandem zusahen, der sich den Kopf anstieß oder umarmt wurde, das Körperempfinden des anderen Menschen im eigenen Körper fühlten.
Und auch, dass dieses Phänomen einen Namen hatte, wusste ich nicht. Es heißt Mirror Touch, gespiegelte Berührung sozusagen.
Was denn noch? Was soll das alles und wieso muss ich eigentlich so viel fühlen? Das habe ich schon so oft gedacht und mich gefragt. Denn auch mein Körper reagierte auf alles Mögliche und Unmögliche.
Die alte Allergologin, zu der ich wegen der Atemprobleme überwiesen worden war, fand nichts Organisches oder aber eigentlich alles. Sie meinte, ich reagiere zu diffus auf Allergene und erklärte mich darum schlicht für gesund.
Auf Histaminintoleranz kam sie nicht. Erst ein paar weitere leidvolle Jahre später fand der Spezialallergologe, der dank meiner Beobachtungen sehr gezielt suchte, weil er wusste, wonach er suchen musste, die richtige Diagnose.
Er erklärte mir, warum ich auf die früheren Pricktests so diffus reagiert hatte. Die Haut von Histaminintoleranten reagiert auf Piekse aller Art mit Pickeln, was ein Ergebnis nur unter Berücksichtigung dieser Erkenntnis auswertbar mache.
Puh, jetzt ist aber auch mal gut, dachte ich da, doch ich befand mich parallel zu dieser Abklärung auch noch in der ADHS-Diagnostik, denn ich wollte endlich alle Karten auf dem Tisch haben.
Das ist übrigens eine Redensart, die ich immer verstanden habe.
Meine Therapeutin, die mich jahrelang durch die Traumatherapie begleitet hatte, hatte mich zum Glück zu dieser Diagnostik ermutigt. Vor Jahren, also schon ganz am Anfang unserer Arbeit, hatte sie den Verdacht geäußert, dass ich ADHS betroffen sein könnte.
Doch damals hatte ich abgewunken. Nein, dazu hatte ich keine Energie. Erstmal Traumaarbeit. Als ich dank dieser mein Leben nach einigen Jahren endlich auf handelbare Wege weitergebracht hatte und ich darum auch wieder so etwas wie eine Perspektive bekommen hatte, war ich endlich für die ADHS-Diagnostik bereit.
Denn natürlich sah ja schon, dass ich eben nicht wie alle anderen war. Obwohl ich mir schon als Kind nichts Sehnliches gewünscht hätte, als einfach so wie alle zu sein.
Ganz normal.
Bei der ADHS-Diagnostik schließte ich einige Sätze meiner Ärztin, die meinte, dass manche meiner Antworten für sie eher ins Autismus-Spektrum gehörten.
Ich fühlte mich in den letzten Jahren oft wie eine, die ein wirres, vielschichtiges, sehr buntes Puzzle zusammensetzt und bin froh, diese einzelnen Puzzleteile endlich als zusammengehörig verstehen zu können.
Nach und nach entstand ein Bild, das mir besseres Verständnis für mein So-Sein ermöglicht hat. Die Diagnostiken und Diagnosen halfen und helfen mir dabei, das, was ich fühlte, zu objektivieren, zu versachlichen.
Sie schenkten mir endlich jene Glaubwürdigkeit, die ich selbst in mir nicht hatte, obwohl ich, im Rückblick betrachtet, immer richtig gelegen bin. Erst nachdem der Allergologe meine Histaminintoleranz und meine Pollenallergie in seinem Bericht dokumentiert hatte, glaubte ich so richtig, dass ich mir das alles nicht bloß eingebildet hatte.
Leider brauchte ich wissenschaftlich fundierte Gewissheit, da ich nie wirklich gelernt hatte, mir zu trauen, um mir zu vertrauen. Zu oft hatte ich mir anhören müssen, ich solle mich doch zusammenreißen, es sei doch alles gar nicht so schlimm und ich bilde mir das alles eh nur ein.
Dass Menschen im Spektrum oft ein eher geringes Selbstwertgefühl haben, höre ich übrigens häufig. Wie auch sollten wir uns vertrauen, wo unsere Wahrnehmung immer wieder belächelt, infrage gestellt oder gar abgewertet wurde.
Im Spektrum zu leben ist aus vielerlei Gründen anstrengend. Aber eigentlich ist es vor allem darum anstrengend, weil die Mehrheit unserer Mitmenschen anders tickt als wir und weil wir, die wir im Spektrum leben, anders ticken als die anderen.
Darin liegt für mich unsere eigentliche Behinderung. Wie leider oft wird von der Minderheit eine größtmögliche Anpassung an die Mehrheit erwartet, was an sich, wenn wir genauer hinschauen, eigentlich unfair ist.
Denn die Mehrheit hätte ja mehr Energie, um die Minderheit zu integrieren, als die Minderheit, um sich in der Mehrheit zu integrieren. Doch egal, ob im Straßenverkehr oder bei Behinderungen anderer Art.
Schwächere müssen immer noch zusätzlich für ihre Sichtbarkeit kämpfen und zwar oft gegen unsägliche Widerstände.
Lange Rede, kurzer Sinn. Ich tauge nicht wirklich für 8-Stunden-Tage. Sie sind für mich je länger und unvorstellbarer geworden, wie ich neulich wieder einmal merken durfte.
Ich verstehe wirklich nicht, wie ein Mensch die Eindrücke so vieler Stunden in einer nützlichen Frist verdauen kann, sodass dieser Mensch am Tag für mehr und für neue Eindrücke wieder bereit ist.
Für sogenannte Normale ist das vermutlich normal, nicht alles, was passiert, verarbeiten zu müssen und zu können, zu wollen und zu sollen. Ja, und natürlich gibt es auch mit der Zeit so etwas wie Übung, wenn du das jeden Tag machst.
Aber ehrlich, für mich ist das einfach nur Abstumpfung. Der Krug geht zum Brunnen, bis er So habe ich es jedes Mal erlebt. Und bei mir nimmt halt dieses Verdauen wirklich sehr viel Kraft und sehr viel Zeit in Anspruch.
Ich habe das wirklich bei jeder einzelnen Arbeitsstelle, die ich je hatte, so erlebt. Ich bin oft gebrochen und nicht alle meine Risse sind je wieder zusammengewachsen.
In meiner Normalität ist Verarbeiten das Normale, weil es überlebensnotwendig ist, alle neuen Wahrnehmungen und Erfahrungen gleichsam auszuwerten, um sie zu begreifen und integrieren zu können, um sie im Erfahrungsordner irgendwo in meinem Hirn abzuspeichern und um danach wieder in meine normale, ruhige Umlaufbahn aus alltäglichen Ritualen und Routinen zurückkehren zu können.
Ja, und damit bin ich für heute am Ende angelangt. Aber es gibt noch viele andere alltagsrelevante Themen, die uns Autismus- und ADHS-Betroffene beschäftigen und unsere Energie und unsere Aufmerksamkeit erfahren.
Und darüber rede ich gern in den nächsten Folgen. Falls ihr konkrete Fragen und Themenwünsche habt, schreibt mir bitte gern. Ich bin auch offen für Anregungen und Rückmeldungen aller Art.
Schreibt mir gern unter JanaLuna at unbox.at. Ich danke euch herzlich fürs Zuhören. Ciao und bis zum nächsten Mal.