#28 Filmvorstellung »Wochenendrebellen« | Neurodivergenz in den Medien
S01:E28

#28 Filmvorstellung »Wochenendrebellen« | Neurodivergenz in den Medien

Episode description

Diesmal erzähle ich euch von einem neuen Lieblingsfilm. »Wochenendrebellen« zeigt die Schwierigkeiten und Freuden eines Jungen, der auf der Suche nach seinem Fußballverein ist. Der Film, der auf einer wahren Geschichte basiert, ist auch für Menschen ohne Affinität zu Fußball, wie zum Beispiel mir, sehr gut geeignet und hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht. Selten habe ich Autismus so authentisch und wertfrei gezeigt bekommen. Inklusive Overloads und Meltdowns. Eine Vater-und-Sohn-Geschichte, die Mut macht. Die Geschichte ist in Abstimmung mit den Original-Personen verfilmt worden.

Zum Film:
https://www.imdb.com/de/title/tt15740596/

Zum erwähnten Wochenendrebellen-Podcast:
https://wochenendrebell.de/podcast-wochenendrebellen/

Für Fragen und Themenwünsche, für Anregungen und Rückmeldungen aller Art schreibt mir bitte gern an janaluna (ät) unbox (punkt) at. Eine weitere Kontakt- und Kommentarmöglichkeit gibt es über die Webseite https://lebenswertvoll.ch/ unter der jeweiligen Podcastfolge.

Alle Scripts gibt es entweder als Transkripte in euren Lieblingspodcast-Programmen und -Apps zum Lesen und Mitlesen während des Hörens oder als PDF unter:
https://lebenswertvoll.ch/scripts/

Download transcript (.srt)
0:01

Hallo zusammen und herzlich willkommen zu meinem 28. Podcast. Hoffentlich seid ihr alle möglichst gut im neuen Jahr angekommen. Die heutige Folge habe ich euch bereits für den 10.

0:14

Januar angekündigt, weil ich versehentlich den Dezember- statt den Januar-Kalender angeguckt habe. Naja, irgendwie typisch für meine Ende-Jahr-Befindlichkeit.

0:26

Ende letzten Jahres war ich hier länger je verpeilter. Dieses alles durchdringende Gefühl, dass alles irgendwie zu viel ist, habe ich oft Ende Jahr. Diese Art Overload war einerseits den äusseren Umständen, die ein Jahresende so mit sich bringt, geschuldet, andererseits fand der aber auch in mir drin stand.

0:50

Viele Termine, viele selbst gesetzte Deadlines für Dinge, die ich abschliessen wollte. Dazu die jährliche Blutuntersuchung. Sie beschrieb mir außerdem einen tiefen, aber offiziell noch nicht bedrohlich tiefen Eisenwert.

1:06

Ich hatte mit einem weitaus tieferen Wert gerechnet, da ich aktuell gefühlt nicht mehr die gleiche Unterstützung wie gewohnt von meinem ADHS-Medikament erlebe. Ich empfinde zurzeit meine ADHS-Symptome wieder viel stärker und fühle mich viel weniger gut steuerbar, respektive ich empfinde mein Hirn viel weniger gut steuerbar.

1:34

Zwar gelten inzwischen für ADHS-Betroffene wohl andere peritiven Grenzwerte, doch das wird ja alles noch erforscht und ist außerdem auch sehr individuell. Dass mein Medikament nicht mehr so gut greift oder ich die Wirkung nicht mehr so gut erlebe, kann auch eine gewisse Toleranzentwicklung sein.

1:55

Jedenfalls werde ich es mit meiner ADHS-Ärztin Ende Monat anschauen und vielleicht sogar ein anderes Medikament testen. Ich bin schon sehr gespannt, was da auf mich zukommt und hoffe, dass es mir bald wieder besser gehen wird in dieser Hinsicht.

2:11

Zum Glück konnte ich, konnten wir zwei in unseren Ferien im Jura ziemlich zur Ruhe kommen, entschleunigen, die Natur hat gut getan, die fast täglichen, kürzeren und längeren Wanderungen haben dazu beigetragen, dass sich meine zuvor blanken Nerven wieder mit etwas mehr Isolationsmaterial überzogen haben.

2:34

Doch diesen Zustand im Alltag aufrecht zu erhalten, ist immer eine große Herausforderung für mich. Ich übe mich in Akzeptanz, was mal besser, mal schlechter gelingt.

2:47

Mich laufend weiter über Neurodivergenz zu informieren, gehört zu jenen Dingen, die mir guttun. Es fordert mich heraus, zu beobachten, wie Autismus, ADHS und andere So-Seins-Arten in Medien, also in Büchern, Filmen und auf Social Media, vermittelt werden.

3:09

Dazu habe ich mir einen Film angeschaut, von dem ich immer mal wieder gehört habe. Er heißt Wochenend-Rebellen und erzählt die Geschichte eines autistischen Jungen und seiner Familie.

3:21

Der Fokus der Geschichte liegt auf einer Lebensphase von vielleicht einem Jahr, in welchem der zehnjährige Jason herausfinden will, welches sein persönlicher Fußballklub ist, da ihm, wie er bemängelt, keiner in die Wiege gelegt wurde.

3:40

Diese Metapher findet der hochintelligente Junge übrigens sehr unlogisch. Zu Recht, wie ich finde. Seine Diagnose Autismus hat er schon als Vorschulkind bekommen. In der Schule wird er wegen seines intensiven Wissens über Astrophysik gemobbt und die vielen Reize in seiner Umgebung sorgen immer wieder für sehr intensive Overloads und auch Meltdowns, die, ich finde, sehr realistisch, sinnlich und mitfühlbar dargestellt werden.

4:11

Aus einem Gespräch über Fußballvereine entwickelt sich zwischen Vater Mirko und Jason, auch J.J. genannt, die Ermachung, dass die beiden ab sofort nach Jasons Verein suchen.

4:24

In der Folge fahren die beiden an den Wochenenden zu Fußballspielen. J.J. hat eine lange Liste von Anforderungen, die die Clubs erfüllen müssen, angefangen bei der Schuhfarbe und der Abwesenheit peinlicher Maskottchen bis Sie ziehen zum Anspruch, dass im Fanclub keine Nazis geduldet sein dürfen.

4:44

Nach und nach klappen die beiden die vielen Clubs in der Nähe und im restlichen Land ab und kommen sich dabei näher. Ihre Beziehung vertieft sich, obwohl es immer wieder zu extremen Situationen kommt, in denen Mirko fast verzweifelt, weil sich sein Sohn partout nicht an fremde Regeln halten will und kann.

5:03

Auch die Mutter, Fatime, die in den Alltagsszenen sehr für ihren Sohn und für seine Inklusion kämmt, kommt oft an ihre Grenzen und geht oft weit darüber hinaus.

5:16

Manchmal ist Jason einfach nur zauberhaft, wenn er mit leuchtenden Augen über seine Erkenntnis in Sachen Fußballvereine oder Astrophysik doziert. Mal ist er schier unerträglich, wenn er den ganzen Bahnwaggon zusammenschreit, weil niemand versteht, warum er jene Nudeln, auf denen Soße liegt, nicht essen kann, oder wenn er im Bushäuschen nicht auf dem gewohnten Platz sitzen kann, weil eine Frau dort sitzt, die partout nicht den Platz tauschen will.

5:46

Auch werden Mirko und Fatime von anderen Menschen oft als schlechte Eltern gerahmt, die ihrem Kind keine Grenzen zu setzen wissen.

5:57

So viel zum Inhaltlichen und dazu eine herzliche Empfehlung, den Film zu gucken. Auch wenn er ein ernstes Thema behandelt, ist er unter dem Strich sehr wohltuend und ermutigend.

6:09

Ich habe ihn gestreamt, werde ihn vermutlich noch kaufen, da ich denke, dass ich ihn noch ein paar mal anschauen werde und verleihen.

6:19

Im Anschluss an diesen Film konnte ich ziemlich schlecht einschlafen. So viele Gedanken und Fragen ploppen auf, ob sich neurotypische Menschen auch so extrem identifizieren wie ich, mit den Gefühlen, Gedanken und Wahrnehmungen Jasons, die überaus sinnlich dargestellt wurden?

6:38

Oder geht das nur, wenn die zuschauende Person ebenfalls autistisch ist? Jedenfalls fühle ich, wenn ich solche Filme sehe, meinen eigenen Autismus noch stärker als sonst, respektive wird mir im Gezeigten mein So-Sein gespiegelt, bestätigt und ich kann besser Ja zu mir sagen.

6:59

Insbesondere bei jenen Szenen, in denen Jason sehr autistisch reagiert hat, also wenn er Overloads oder gar Meltdowns erlebte, weil seine Regeln gebrochen wurden, dachte ich an das Kind, das ich einst war.

7:14

Ich erinnere mich durchaus an ähnliche Situationen und wie sehr mich gewisse Situationen gestresst haben, wie ich reagiert habe und wie auf mich reagiert wurde. Nicht schön.

7:27

Jetzt reiß dich zusammen. So schlimm ist das doch nicht. Bis hin zu Zimmerarrest, Ohrfeigen und tagelangem Angeschwiegenwerden.

7:40

Wie sehr ich mich doch danach Stück für Stück verbogen habe, bloß um nicht anzuecken, niemanden zu verletzen, nicht negativ aufzufallen und um dazu zu gehören.

7:53

Wie viel Anpassungsleistung ich geschafft habe. Es tut richtig körperlich weh, wenn ich daran zurückdenke.

8:02

Im Film gibt es ja diese eine Szene, die ich bereits erwähnt habe, im Zug, als die getrennt servierte Tomatensoße die Nudeln trotz allem an drei Stellen berührt hat. Ja, auch ich habe so ähnliche Situationen erlebt.

8:19

Bei mir war das das Fleisch, als ich bereits Veggie war und hin und wieder trotzdem Fleisch auf meinem Teller lag.

8:27

In solchen Momenten hätte ich auch gern losgeschrien, wenn ich mich getraut hätte. Wie Jason habe und hatte auch ich so ein inneres Regelwerk.

8:38

Manches sogar gleich wie er. Eine lautet ebenfalls, dass kein Essen ohne zwingenden Grund weggeworfen werden darf. Ja, Jason, ich verstehe dich wirklich so gut. Regeln machen das Leben so viel übersichtlicher.

8:56

Jason hatte seine Wichtigsten aufgeschrieben und für alle gut sichtbar aufgehängt. Wie gut ich sie gefühlt habe, als ich sie an der Kühlschranktür der Familie mitlesen konnte.

9:09

Das war bei mir damals die Geburtsstunde meiner Masking Strategie, die mich bis in die Gegenwart geführt hat. Ich erinnere mich sehr körperlich an meinen inneren Widerstand, wenn andere meine Regeln ignorierten und sich niemand für mein Regelwerk interessierte,

9:27

sie niemand sah oder sie niemand ähnlich fühlte und wie ich sie darum oft einfach nicht einhalten konnte, wie ich mich selbst gezwungen habe, sie zu ignorieren oder sie zumindest nur noch heimlich zu befolgen, wie zum Beispiel meine Hände zu waschen, wenn ich Dinge berühren musste, die ich eigentlich nicht anfassen wollte.

9:50

Und wie ich irgendwann selbst diese Sätze zu mir sagte. Jetzt reiße ich zusammen, so schlimm ist das doch nicht. Wie sehr ich mich allmählich dafür geschämt habe, dass mich solche Situationen überhaupt triggerten.

10:05

Wie ich mich zwang, Situationen zu meistern. Es Es ist kein Verdienst, es ist kein Erfolg und es ist kein Grund, darauf stolz zu sein, wenn sich ein autistisches Kind immer weniger autistisch und artgerecht zu verhalten lernt.

10:20

Im Gegenteil, mir hat es geschadet.

10:25

Jason hat das große Privileg, dass sein Autismus schon so früh entdeckt wurde, dass seine Eltern ihn über alles lieben und dass sie ihm von Anfang an alle Unterstützung gegeben haben, die möglich war.

10:38

Sie haben ihn ernst genommen und sein So-sein nicht infrage gestellt. Natürlich war das am Anfang ein Schock, doch sie haben sich so umfassend auf ihn eingelassen, wie ich es jedem einzelnen Kind in seinem jeweiligen, individuellen So-sein nur wünschen kann.

10:55

Egal, ob neurodivergent oder neurotypisch. Jasons Glück war, dass er sich zu Hause nie verbiegen und nie das Gefühl haben musste, falsch zu sein.

11:07

Sein Selbstwertgefühl wurde von Hause aus nicht beschädigt und in Frage gestellt. Noch so ein Privileg.

11:16

Die Verfilmung und das Buch Wir Wochenende Rebellen basieren übrigens auf einer Wahngeschichte. Also habe ich im Internet die echte Familie gesucht und den Podcast, den Jason und Mirko seit nun fast zehn Jahren führen, gefunden.

11:31

Inzwischen habe ich mir auch schon so einige Folgen angehört.

11:36

Jason war elf Jahre alt, als er mit seinem Vater zu Podcasten begann. Beim Hören wird mir immer klarer, was für eine gute Voraussetzung Jason für sein ganzes Leben hatte.

11:47

In einer der Folgen weist sein Vater darauf hin, worauf Jason sehr genau wissen will, warum das so ist.

11:56

Herzliche Höherempfehlung, es ist die Folge über Elternsein und Autismus, die am 1. März 2016 publiziert wurde, in der die beiden über das Eltern- und Kindsein sprechen.

12:10

Bisher wünsche ich mir für unsere Welt, dass immer mehr Kinder mit Autismus und anderen Soseinsarten, Eltern wie Jason haben dürfen, dazu Mitmenschen, Verwandte, Umgebungen, in denen sie möglichst viel Autonomie und Akzeptanz erleben dürfen.

12:27

Wie schön wäre es, wenn alle Autistis so aufwachsen könnten. Ja, was wäre, wenn? Gut wäre das. Behindert werden wir eh noch genug von den ganzen Reizen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, da brauchst nicht noch die Behinderung durch Menschen, die uns unser So-sein absprechen und von uns krank machende Anpassungen fordern.

12:53

Mich so artgerecht wie möglich in einer Welt voller Anderstickender zu entwickeln, zu verstehen, warum ich anders bin, erklärt zu bekommen, dass ich zwar anders bin und so sein darf, zugleich zu verstehen, dass es andersstickende Menschen gibt und die ebenfalls so sein dürfen, wie sie sind.

13:11

Geliebt werden, wie ich bin. Ja, das alles entspricht meinem Ideal von Kindheit. Für alle. Gut wäre das.

13:22

Und damit bin ich auch schon wieder am Ende dieser Folge angelangt. Schön, dass ihr hier seid. Ich bedanke mich herzlich fürs Zuhören und wie immer gilt, für Fragen, Themenwünsche, Anregungen und Rückmeldungen aller Art, schreibt mir gern.

13:38

Bis zum nächsten Mal. Ciao.